Ihr Kinderlein kommet

Schreibmaschine

von Annette Schwindt

Meine beste Freundin kann keine Kinder kriegen.
Das dachte sie jedenfalls.
Bis gestern.

Was hat sie nicht alles ertragen müssen, in ihrer Hoffnungslosigkeit: unzählige Untersuchungen bei einem Gynäkologen nach dem anderen, eine Hormontherapie, eine Operation, ja sogar bei einer chinesischen Heilerin ist sie gewesen, die ihr an der Zunge ablesen konnte, wann sie ihren letzten Eisprung gehabt hatte. Sie hat statt Kaffee nur noch grünen Tee getrunken, fortan stets auf die Vollwertigkeit ihrer naturbelassenen Speisen geachtet, dem Alkohol und der Schokolade abgeschworen und schließlich…

Schließlich ist sie in einer Selbsthilfegruppe gelandet. Im autonomen Frauengesundheitszentrum, wie sie mir halb angewidert, halb fasziniert berichtet hat.
Frau trage da lila Jogginghose und spreche sich mit „Ich bin die Gudrun, Du“ an.
Die Gruppensitzungen bestünden im Wesentlichen darin, dass die Frauen sich bei Kerzenschein im Kreis auf eine Decke setzen, immer eine Tasse Mondphasentee in Reichweite, und dann indianische Ritualgesänge auf ihre Gebärmutter anstimmen. Fortgeschrittene könnten sich dann auch daran wagen, im Aufbaukurs ihre Vagina zu töpfern.

All dem stand meine beste Freundin zunächst noch skeptisch gegenüber.
Bis gestern.

Denn da verkündete eine ihrer Selbsthelferinnen doch tatsächlich, sie habe geträumt, dass die Gudrun Zwillinge bekomme. Und die Gudrun, peinlich berührt, habe gestanden, dass sie tatsächlich doppelten Nachwuchs erwarte. Und das, wo sie doch überhaupt keine Kinder kriegen kann.

Das alles habe meine beste Freundin noch mitten in der Nacht einer Kollegin auf Band gesprochen, die bisher ebenfalls vergeblich auf ein Baby hofft. Die wiederum habe sie noch in derselben Nacht zurückgerufen und ihr unter Tränen erzählt, dass sie gar nicht schuld sei, sondern, wie sie gerade erfahren habe, das Sperma ihres Angetrauten. Das sei nicht flink genug.

Und da meine beste Freundin eine äußerst patente junge Frau ist und ihr Angetrauter ein ärztlich nachgewiesen Flinker, hat sie sich flugs Champagner sowie eine Riesentafel Schokolade besorgt und ihrem Manne einen unverhofften Empfang bereitet.

Mir hat sie dann heute von ihrem Traum erzählt: eine schwangere Indianerin, die im Mondenschein drei singende Schokochinesen töpfert…

Creative Commons License

Annette Schwindt
Ich mach was mit Schreiben: Ich bin freischaffende Bloggerin, Autorin, Journalistin, Fachlektorin und Beraterin für digitale Kommunikation. Interesse an einer Zusammenarbeit? Außerdem engagiere ich mich für Inklusion und blogge über meine Selbstfindung in Sachen Autismus. Und vor allem bin ich eins: Ein Mensch! - Beiträge per Mail abonnieren -

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.