Raumschiff Rollerprise (9): Mission Öffentliche Anhörung

Rollanier und Fußone küssen sich

von Annette Schwindt

Die Welt der Fußonen… unendliche Weiten… wir befinden uns in der Gegenwart…
dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Rollerprise, das Lichtjahre von der
Integration entfernt ist, um die Rollanier und die Fußonen einander näher zu bringen:

Logbuch des ersten Offiziers, Sternzeit: Mittwoch, 11.05 Uhr
Mission: Öffentliche Anhörung

11.08 Uhr: Sind in einer fußonischen Sendestation angekommen, wo der Käptn ab 12 Uhr zum Rollanierleben befragt werden soll. Die Anhörung soll zeitgleich in die fußonischen Wohneinheiten übertragen werden. Der Käptn sieht dies als große Chance, unser Anliegen, die Fußonen und die Rollanier einander näher zu bringen, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

11.12 Uhr: Werden in die Kosmetiksektion gebracht, wo sich eine wild bemalte Fußonin mit Pudern, Gels und Pinseln über den Käptn hermachen möchte. Versuche zu intervenieren, doch der Käptn erinnert mich an die oberste Direktive: Nachsicht üben. Wenn dies zu den lokalen Ritualen gehöre, dann werde er auch die Prozedur über sich ergehen lassen, so der Käptn.

11.43 Uhr: Das fußonische Bemalungsritual ist endlich beendet und wir werden in den Konferenzraum geführt, wo die Befragung gleich stattfinden soll. Treffen dort auf einen anderen Rollanier, einen Rollaniologen und einen Fußonen, der für seine
Rollanierfeindlichkeit bekannt ist. Wie sich herausstellt, sind auch sie zu dieser
Anhörung eingeladen und befinden sich nicht gerade in ausgeglichener Gemütslage.

11.58 Uhr. Eine fast bis auf die Knochen abgemagerte Fußonin mit ebenso wilder Bemalung wie die erste betritt den Konferenzraum. Sie soll die Anhörung leiten. Die anwesenden Zuschauer (alles Fußonen aus den unteren Diensträngen) sind begeistert. Doch bevor wir sie auf die für uns unvorhergesehene Situation ansprechen können, werde ich beiseite gezogen.

12 Uhr: Die Anhörung beginnt. Die abgemagerte Fußonin wendet sich zunächst an den antirollanischen Fußonen. Er beginnt, über die Rollanier zu schimpfen. Sie seien nicht willkommen, würden nur Forderungen stellen, aber nichts zur Gemeinschaft beitragen.

12.07 Uhr: Bevor der Käptn etwas einwenden kann, meldet sich der andere Rollanier
quengelnd zu Wort. Sie, die Rollanier, seien doch schon per se unterprivilegiert,
weil sie keine Fußonen sein könnten. Da müsse man sie nicht noch drangsalieren.
Man müsse im Gegenteil von fußonischer Seite noch viel mehr Rücksicht nehmen,
weil die Rollanier in der fußonischen Welt ja überhaupt keine Chance hätten.

12.14 Uhr: Der Rollaniologe wirft ein, dass dies in der früheren fußonischen Gesellschaft tatsächlich so gewesen sei, sich inzwischen jedoch einiges verbessert habe.

12.18 Uhr: Verbessert?, schreit der antirollanische Fußone und bemerkt, dass in der
früheren fußonischen Gesellschaft, Rollanier schlicht exekutiert worden wären und
das sei auch gut so gewesen.

Alarm rot!

12.26 Uhr: Der Rollaniologe widerspricht und verweist auf die, wie er findet
„wunderbaren“, Einrichtungen, die die Fußonen speziell für Rollanier
geschaffen haben. Dort könnten sie „ihren Fähigkeiten entsprechend“ zumindest
einen bescheidenen Beitrag zur Gesellschaft leisten.

12.39 Uhr: Endlich spricht die magere Fußonin den Käptn an und stellt ihn als
tapferen Kämpfer für die Rechte der Rollanier vor. Noch bevor der Käptn
richtigstellen kann, dass er außer den speziesbedingten physischen Unterschieden
keine anderen zwischen Rollaniern und Fußonen erkennen könne und dass es doch
eigentlich genau darum gehe, mischt sich der andere Rollanier wieder ein.
Genau solche Rollanier wie der Käptn seien es doch, die es den anderen so
schwer machten, ihre Rechte durchzusetzen.

12.43 Uhr: Der antirollanische Fußone wettert, dass es da gar keine Rechte
gebe und der Rollaniologe möchte den Käptn gern von den Vorzügen einer
Beschäftigungsstation für Rollanier überzeugen.

12.45 Uhr: Die Abgemagerte schließt die Anhörung und bedankt sich bei
den Zuschauern. Die Übertragung wird beendet. Der Käptn hat zum ersten
Mal Schwierigkeiten, sich an die oberste Direktive zu halten. Doch ehe
es zu einem diplomatischen Zwischenfall kommen kann, verlassen wir schnell
die Sendestation. Müssen dem obersten Rat das Fehlschlagen dieser Mission
melden. Solche Anhörungen sind für unsere Zwecke absolut nicht geeignet.

13.05 Uhr: Starten die Rollerprise und gehen auf Warp… Energie!

 

Text: Creative Commons License Titelbild © Annette Schwindt

Annette Schwindt
Ich mach was mit Schreiben und begleite andere dabei, ihre Kommunikation aufzubauen oder zu verbessern. Interesse an einer Zusammenarbeit? Außerdem engagiere ich mich für Inklusion Vor allem bin ich eins: Ein Mensch! - Beiträge per Mail abonnieren -

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