Erfahrungen und Erkenntnisse

Das Leben besteht aus Erfahrungen und Erkenntnissen. Manche davon sind schön, andere schmerzhaft. Und wieder andere irgendwie beides. So ungefähr könnte man die vergangene Woche beschreiben, die ich bei Kai in Oldenburg verbracht habe. Thomas konnte keinen Urlaub nehmen und damit nur ein Wochenende da sein, um mich hin zu bringen, und am nächsten wiederkommen, um mich abzuholen.

Es war klar, dass es eine Herausforderung für mich werden würde, ohne Thomas in Oldenburg zu bleiben. In den Jahren des Nichtreisenkönnens waren die einzigen Zeiten, in denen ich nicht zuhause geschlafen hatte, die gewesen, die ich hatte im Krankenhaus verbringen müssen. Kais WG kannte ich zwar, hatte dort aber noch nie übernachtet, geschweige denn für mehrere Tage gewohnt. Und so waren vor allem der erste Abend und der Tag danach für mich als Mensch aus dem Autismus-Spektrum richtig heftig. Aber Kai und Thomas kennen das ja schon, in Paris war es ja auch nicht anders gewesen. Mit ihrem Beistand und dem von Bettina via Whatsapp, schaffte ich es auch diesmal. (Danke, Euch dreien!)

Wir hatten auch viele schöne Momente. Nachdem wir in Bonn immer am Rhein spazieren gehen, führte mich Kai in Oldenburg als erstes um den Drielaker See, der sich nicht weit hinter dem Haus befindet. Bei spätsommerlichem Sonnenschein war das richtig idyllisch. Leider hatten wir später keine Zeit mehr dazu, oder das Wetter spielte nicht mit. Und so kam ich nur noch einmal zu einem kurzen Spaziergang allein dorthin.

Wenn Kai nicht bei seinen Therapien war, kochten wir in der WG zusammen, oder schauten Marvel-Filme oder Konzertmitschnitte aus der großen DVD-Kollektion der WG. Beim Frühstück und an manchen Abenden hatten wir auch Gesellschaft von den Mitbewohnern. An einem Tag begleitete ich Kai zur Logopädie und durfte Zeugin seiner neuesten Fortschritte werden. An einem anderen Tag bekamen wir Besuch vom Ehrenmitglied von #teamsutsche, Peter aus Groningen, der mit mir erst mal eine Rundfahrt durch Oldenburg startete, um mir zu zeigen, wo er früher gelebt und gearbeitet hatte. Kai, der währenddessen noch mit seinen Therapien beschäftigt war, gesellte sich später in der Stadt zu uns.

Wir hatten in dieser Woche einige Zeit für Gespräche, auch abends mit Thomas via Skype. Dabei mussten wir uns schweren Herzens eingestehen, dass wir unserenWunsch, nach Oldenburg zu ziehen, nicht würden umsetzen können. Zu viele Unwägbarkeiten hatten sich aufgetan, die uns inzwischen wirklich Stress bereiteten… Vor allem hatte sich in den Wochen der Hitzewelle herausgestellt, dass sich Thomas kräftemäßig überschätzt hatte. Als Tetraplegiker müsste er sich zu großen gesundheitlichen Risiken aussetzen, um den Umzug und eine neue berufliche Herausforderung samt den damit verbundenen häufigen Geschäftsreisen bewältigen zu können. Kai und ich machten uns wirklich Sorgen, wie er das stemmen sollte, und auch Thomas‘ Arbeitgeber war unsicher, ob das nicht zuviel würde. Von der Situation am Wohnungsmarkt mal ganz abgesehen, die schon ohne die zusätzliche Erfordernis „barrierefrei“ katastrophal genug ist. Da unterscheidet sich Oldenburg nicht von anderen Städten…

Also bleiben wir Bonn erhalten und #teamsutsche pendelt weiter zwischen Norddeutschland und Rheinland. Natürlich sind wir traurig, aber wir versuchen, uns auf die positiven Aspekte zu fokussieren, wie zum Beispiel, dass wir unsere Freunde und unseren geliebten Rhein nicht zurücklassen müssen. #teamsutsche bleibt seiner Kernkompetenz treu, eine Rückzugsoase vom Alltagsstress für uns drei zu sein, so dass wir die Zeit gemeinsam richtig genießen können. Und bis zur nächsten geplanten Team-Zeit ist es auch gar nicht mehr so lange hin.

Wie schon Marie von Ebner-Eschenbach schrieb:

„Nenne dich nicht arm, wenn deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind; wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.“

(Zum Vergrößern bitte anklicken und dann weiterblättern)

Alle Fotos:  Annette Schwindt,
außer Foto 4+5: Peter Müller

 

Ich mach was mit Schreiben und werde für andere als Kommunikations-Katalysator oder Portraitfotografin tätig . >>>Mehr über die Arbeit mit mir lesen. Ich verorte mich selbst im Autismus-Spektrum (beiße aber nicht), bin chronisch digital und vor allem eins: Ein Mensch und Teil von #teamsutsche.

5 Gedanken zu “Erfahrungen und Erkenntnisse”

  1. Ihr Lieben, auch „Um-Träumen“ kann eine gute Option sein. Besonders gefällt uns Eure Erkenntnis, #teamsutsche weiterhin als Erholungs-Insel wider den Alltagsstress zu begreifen und zu nutzen, vor allem jetzt, nachdem Eure Entscheidung gefallen ist. Herzliche Grüße von Euren Bodenseern

Schreibe einen Kommentar