Musik im Kopf – Ein Bloggespräch mit Bernhard Jodeleit

Jemand, der meinen Weg online auch schon länger aus der Ferne begleitet, ist Bernhard Jodeleit. Kürzlich fragte er via Facebook rund, wie denn andere zu Reinhard Mey stünden. Daraus entspann sich ein langer Chat zwischen uns, bei dem wir beschlossen, das Ganze doch in ein Bloggespräch einfließen zu lassen. Mit Rouven Kasten hatte ich ja Ende 2016 schon mal eines zum Thema Musik geführt. So here we go with no.2:

Annette gezeichnet von tutticonfettiDanke, dass Du zu diesem Austausch in meinem Blog zur Verfügung stehst, Bernhard. Aber jetzt mal Butter bei die Fische: Ich glaube ja, der Reinhard Mey ist zeitlos, auch wenn die Altachtundsechziger-Haltung heute vielleicht nicht mehr so aktuell rüberkommt. Und dann gibt es ja noch die Cover von jungen Musiker, wie das von Ezé Wendtoin. Was hat Dich zu der Frage bewegt, ob Reinhard Mey noch dem Zeitgeist entspricht? Muss er das denn?

Bernhard Jodeleit “Und braucht man keine Klempner mehr / Na dann werd‘ ich halt Installateur!” – das sind zwei der Zeilen von ihm, die ich besonders mag. Es ist dieses schöne Spielen mit dem Zeitgeist, das mir bei ihm so gefällt. Das sind Texte, die auf der Zunge zergehen, auch bei Annabelle. Mal überschreitet er die Grenze zum Sarkasmus, kommt wie ein frustierter Intellektueller daher. Mal bringt er zum Ausdruck, was wirklich zeitlos und groß ist ist, wie bei “Über den Wolken”, seinem Lied, das mich schon als Kleinkind fasziniert hat, zunächst durch Melodie und Intonation, später durch Interpretation.

Du wolltest wissen, was mich zu der Frage bewegt hat. Ich glaube, ich wollte, provozierend, Reaktionen sehen. Nach besagtem Post meinerseits haben das Menschen kommentiert, von denen ich es gar nicht erwartet hätte. Und Du hast dich per Direktnachricht bei mir gemeldet. Das fand ich toll. Scheinbar ist Reinhard Mey ein Trigger. Wie Musik überhaupt. Wie ist das für dich?

Annette gezeichnet von tutticonfettiJa, klar! Jeder hat seinen eigenen Musikgeschmack, findet die einen toll und die anderen schrecklich. Musik ist ein hoch emotionales Thema. Sie kann uns anstacheln, aufmuntern, oder auch zum Weinen bringen. Je nachdem, was man damit verbindet. Und das selbst dann, wenn man die Sprache, in der gesungen wird, nicht versteht. Oder es gar keinen Text dazu gibt. Außerdem kommt es darauf an, mit welcher Musik man groß geworden ist. Gerade die Musik aus der Kindheit und Pubertät hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Was man gehört hat, als man verliebt war, was einen getröstet hat, wenn was Schlimmes passiert ist, usw.

Was ich besonders interessant finde, ist dass Musik zu den Dingen gehört, die selbst Demenzkranke nicht vergessen. Ich war mal für eine Artikelserie, die ich für die zeitung geschrieben habe, öfter auf der Demenzstation eines Altenheims. Da waren Leute, die überhaupt nicht mehr auf ihre Umwelt reagieren konnten, sondern nur mit leerem Blick da saßen. Wie eine leere Hülle. Aber sobald Du neben ihnen einen Lied zu singen anfängst, das sie kennen, ist es, als würdest Du sie einschalten. Sie singen mit, haben Spaß und sind wie verwandelt. Und sobald die Musik vorbei ist, fallen sie wieder in ihre Teilnahmslosigkeit zurück.

Welche besonderen Erfahrungen hast Du schon mit Musik gemacht?

Bernhard JodeleitGanz gleich ob es die dunkelsten oder glücklichsten Momente im Leben waren, Musik spielte immer eine Rolle dabei. Musik ein Katalysator für Querdenken. Auch für das Entstehen neuer Assoziationen. Kein Mensch und kein Abschnitt im Leben, der nicht mit bestimmter Musik verbunden ist. Auch Orte, das Wetter, Gefühlslagen, all das ist immer total mit Musik verknüpft.

Sie kann, weil sie diese Assoziationen jederzeit aktiviert, inspirieren wie ein Fotoalbum, das man in Ruhe durchblättert, oder wie ein Daumenkino, mit dem man von einer Erinnerung zur nächsten springt. Ich höre eigentlich die ganze Zeit Musik – im Kopf. Ohne dazu tatsächlich Lautsprecher oder Kopfhörer zu brauchen. Nicht auszumalen, was wäre, wenn mein Gehirn nicht die ganze Zeit dieses schöne Spielfeld hätte, mit dem es sich beschäftigen kann. Geht dir das auch so?

Annette gezeichnet von tutticonfettiJa, ich bin eine wandelnde Musikbox. Mir fallen in allen möglichen und unmöglichen Situationen passende Lieder ein. Manchmal auch unpassende. 😉 Das passiert einfach. Offenbar sogar im Schlaf. Jedenfalls wurde mir kürzlich gesagt, dass ich im Schlaf nicht bloß rede, sondern auch singe. Nur dann interessanterweise keine konkreten Lieder, sondern wohl selbst Improvisiertes. Etwas, das ich mich im wachen Zustand seltenst tue. Vielleicht bin ich da im Schlaf einfach experimentierfreudiger?

Und ja klar, jeder Mensch und jeder Lebensabschnitt hat bei mir seinen eigenen “Soundtrack”. Das geht von klassisch bis Rock, Pop und Jazz. Jetzt gerade habe ich zum Beispiel zwei sehr verschiedene aktuelle Soundtracks. Der eine ist Nassi, also moderner französischer – tja, was ist das? – Pop? Hip Hop? Manchmal auch in Kooperationen mit Rappern. Und der andere: Salvador Sobral, ein Portugiese, der in verschiedenen Sprachen Jazz singt (das ESC-Lied ist schön, aber untypisch für das, was er sonst macht).

Welche Musik hörst Du gerade hauptsächlich?

Bernhard JodeleitDu singst im Schlaf? Das finde ich sehr toll. Neulich habe ich im Schlaf laut gelacht. Eine seltene Erfahrung.

Was ich gerade hauptsächlich höre? Kein bestimmtes Genre. Musik darf anspruchsvoll sein, aber auch gern populär, infantil oder satirisch. Da kommen dann wilde Playlists heraus. Gestern schwirrten mir beispielsweise Aretha Franklin (Who’s Zooming Who) und  „Jauchzet, frohlocket“ aus dem Weihnachtsoratorium von Bach im Kopf herum. Dann komme ich nicht umhin, beides mehrfach zu hören, und zwar in unmittelbarer Abfolge, auch wenn das ganz offensichtlich nicht direkt zusammenpasst. Oder doch? Jedenfalls kommt dann der Kopfhörer zum Einsatz, um im Zweifel die Umwelt nicht damit zu belästigen.

Es darf immer eine gehörige Prise Funk dabei sein. Ich mag es, wenn Musik überraschend und mitunter schräg ist.

Ab und zu, da überlege ich mir auch, wie es sich für Aliens anfühlen würde. Stell dir vor, sie flögen die Erde an und würden das ganze Frequenzgeschwurbel der Radiostationen hören. Und du würdest gerade schlafend singen. Whoa! Was würden die denken? Und was würdest du denken?

Annette gezeichnet von tutticonfettiIch selbst kriege das ja nicht mit, dass ich im Schlaf singe, oder rede. Es sei denn, es wird so engagiert, dass ich mich selbst damit wecke. Aber bislang hat sich keiner beschwert. Die fanden das alle schön. 🙂

Wenn Aliens das hören würden… Damit hat sich ja auch Star Trek auseinandergesetzt. Kommt wohl darauf an, ob sie Musik bereits kennen, oder nicht. Musik ist ja auch ein wichtiger Teil der Botschaft, die ins All geschickt wurde, um die Menschen vorzustellen, falls Aliens darüber stolpern.

Ich denke, wenn Aliens unseren Planeten finden und sich nur über die Musik Gedanken machen, haben wir Glück gehabt. 😉 Ansonsten werden sie sich vielleicht fragen, was all das Gegeneinander Mensch gegen Mensch und v.a gegen den eigenen Planeten soll. Warum es hier nicht mehr Miteinander gibt.

Womit wir wieder bei der Musik landen. Da gibt es ja viele schöne Beispiele für ein friedliches Miteinander. Du hattest mir da doch beim Chatten so ein cooles Video gezeigt…?

Bernhard JodeleitMeinst du Bah Samba feat. Jassur? Das ist ein Song, bei dem eine UK-basierte Band, die einfach Funk macht, mit einem Künstler aus Usbekistan ein Remake gemacht hat, von einem Titel, den ich mag und der eigentlich pur UK Style Funk war.

Zuerst dachte ich, da sänge eine Frau. Aber Jassur hat einfach so eine klare, helle Stimme. Das ist eine total tolle Mischung aus britischem Funk und asiatischen Klängen, für die ich normalerweise weniger Zielgruppe bin.

Was Jassur da im Refrain immer singt: “Yor Yor Yoyoray”, dazu las ich im Interview mit den Musikern: “Yor Yor Yoyoray has no English translation, it is from Folk roots, if you use ‚love‘ in lyrical content then it creates the link to happiness.”

So kann Musik Grenzen überwinden. Ist das für dich manchmal auch so, dass Musik einfach einen Knoten im Kopf löst? Oder gar im Herzen?

Annette gezeichnet von tutticonfettiJa, ganz oft. Gerade wenn es mir nicht so gut geht, kann ich mit Musik wunderbar loslassen. Es gibt auch Lieder, oder Musiker, mit denen das besonders gut funktioniert. Justin Currie oder Damien Rice sind solche Musiker für mich. Dann gibt es Lieder, die ich mit bestimmten Situationen verbinde, wie “No regrets” oder “Angels” von Robbie Williams.

Manchmal bringt sie mich auch zum Lachen, wie bei der “Diplomatenjagd” oder “Das Geheimnis im Hefeteig” oder “Irgendein Depp mäht (bohrt) irgendwo immer” von Reinhard Mey oder bei “Delmenhorst” von Element of Crime.

Lustig wird es auch, wenn man Liedtexte falsch versteht. Axel Hacke hat dem ja mit “Der weiße Neger Wumbaba” drei herrliche Bücher gewidmet. So habe ich als Kind zum Beispiel den Refrain von “Über den Wolken” falsch verstanden und mich jahrelang gefragt, wie er das meint. Ich hab nämlich gehört:
“…und dann
würde was uns groß und wichtig erscheinEN,
plötzlich nichtig und klein.”

Also im Sinne von: Etwas würde und groß und wichtig erscheinen und dann fehlt der Anschluss zu “plötzlich nichtig und klein”.

Oder Grönemeyer! Ich bin nicht im Pott aufgewachsen und kannte den Zuruf “Glück auf” nicht. So wurde die entsprechende Stelle in “Bochum” für mich zu einem unverständlichen Gegröle. Ach und komplett im Wald stehe ich ja, wenn BAP singt. Ich bin wirklich gut im Verstehen von Dialekten, aber bei Kölsch komme ich einfach nicht mehr mit.

Gibt es für Dich auch Lieder, die Du nicht oder falsch verstanden hast?

Bernhard JodeleitEs gibt viele, und die inspirieren mich vermutlich auch dazu, ständig Lieder im Kopf umzutexten. Das Paradebeispiel ist aber “Vielen Dank für die Blumen” von Udo Jürgens, den ich auch mal persönlich zum Interview traf. Ich habe als Kind immer verstanden:

„Manchmal spielt das Leben mit dir Anker zum Haus“

Dabei heißt es: „Manchmal spielt das Leben mit dir gern Katz und Maus“.

Und dann habe ich im Web entdeckt, dass offensichtlich auch andere Kinder das falsch verstanden hatten. Das hat mich gerührt. Wie süß!

Aber bei mir im Kopf spielt sich sowieso die ganze Zeit eine Art Postillion für Musik ab. Das ist schon krass.

Hast du sowas auch? So ein Auto-Text-Feature im Kopf, das Lieder umtextet, sich einen Spaß daraus macht, andere Texte zu erfinden?

Annette gezeichnet von tutticonfettiIch nicht, aber Thomas macht das ständig, v.a. wenn es eine ihm unbekannte Sprache ist (ich singe ja z.B. auch türkischen und finnischen Rock). Er macht dann eben deutschen Text daraus, der so ähnlich klingt. Oder im Englischen einfach Nonsens-Text. Leider bleibt der dann oft bei mir hängen und verdrängt das Original. 😉

Die Herausforderung für mich ist nämlich das Text Lernen fürs Mitsingen. Da kann es schon mal sein, dass ich ein Lied wieder und wieder höre bis ich es mitsingen kann. Deswegen mag ich komplexe Melodien und Texte gern. Wenn Thomas die dann im Radio hört, sagt er immer: “Ey, da covert wieder einer meine Frau!” 😉

So, lieber Bernhard, ich glaube, wir haben den Lesern einiges zum Anhören und Nachdenken gegeben. Gibt es noch etwas, dass Du ihnen und mir zum Thema Musik sagen möchtest? Quasi noch was für “eine Zigarette und ein letztes Glas im Stehn”? 😉

Bernhard JodeleitIch habe einige Zeit darüber nachgedacht. Am besten auf den Punkt bringt es meines Erachtens thank you for the music. Es war mir eine Freude, mit dir zu plaudern!

Annette gezeichnet von tutticonfettiIch danke Dir fürs Mitmachen, Bernhard, und wünsche Dir weiterhin viel gute Musik im Kopf und überhaupt im Leben! 🙂

Über meinen Gesprächspartner:

Bernhard JodeleitBernhard Jodeleit ist seit 2011 selbstständig im Bereich Online Marketing. Zuvor hat er ab Mitte der 90er als Journalist und Autor gearbeitet. Er mag Laufen und Radfahren in der Natur, ist ziemlich leidenschaftlicher Technik-Freak und muss alles Neue ausprobieren und freut sich, dass es seiner Ehefrau auch so geht.

Ich mach was mit Schreiben und werde für andere als Kommunikations-Katalysator oder Portraitfotografin tätig . >>>Mehr über die Arbeit mit mir lesen. Ich verorte mich selbst im Autismus-Spektrum (beiße aber nicht), bin chronisch digital und vor allem eins: Ein Mensch und Teil von #teamsutsche.

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