Bei meinen Einzelgesprächen mit Deutschlernenden bei Little World kommt es immer wieder vor, dass ich besondere Momente erleben darf. Ob es darum geht, etwas Neues zu lernen, mit dem ich in meiner Kultur bisher keine Berührungspunkte hatte, oder ob jemand mir von persönlichen Erfahrungen erzählt. Manches davon bringt uns gemeinsam zum Lachen, anderes macht uns nachdenklich, aber alle bringen uns einander ein Stückchen näher. Und manchmal entstehen dabei Gespräche, die man nie wieder vergessen wird.
“Ich habe ein Video gesehen“, berichtet mir einer meiner Gesprächspartner aus der Ukraine, „vielleicht könnten wir das in der Liedtextgruppe machen? Aber ich habe den Titel vergessen und wie der Sänger heißt…“ Jedenfalls scheint es ihn enorm beeindruckt zu haben.
Ich frage ihn, wie das Video aussah, was darin passierte und ob es ein Mann oder eine Frau war. „Sie sind in einem Wald und der Titel war irgendwas mit Söhne“, versucht sich mein Gegenüber zu erinnern.
Da weiß ich natürlich sofort, was er meint: „Nein, meine Söhne geb ich nicht!“ von Reinhard Mey, in der Aufnahme mit anderen Musikern. Ein eindringliches Schwarz-Weiß-Video, das den ohnehin schon starken Text noch bewegender macht.
Dieser Text ist als Brief formuliert, in dem Mey als Vater klarstellt, dass er seine Söhne nicht als Kanonenfutter herzugeben bereit ist. Die Passagen, die er im Original über die Mutter singt, werden in dieser Aufnahme von Frauen gesungen. Es ist ein Lied über Elternliebe und die Sinnlosigkeit von Krieg.
Ich hatte das Lied selbst schon für die Gruppe im Blick gehabt, konnte es aber nicht benutzen, weil es zu lang ist, um mit den Deutschlernenden in einer Stunde den kompletten Text klären zu können, und weil die Gruppe sich gewünscht hat, keine belastenden Themen mehr zu behandeln.
Also schlage ich meinem Gesprächspartner vor, dass wir es alleine besprechen, wenn es ihn so interessiert. Ich weise ihn natürlich darauf hin, dass das triggern könnte, aber er freut sich und fängt gleich an, den Text vorzulesen. Im Gegensatz zum Ablauf in der Gruppe hören wir uns das Lied vorher aber nicht zusammen an, da ich schon ahne, was das mit mir machen wird…
Und so sitzen wir da. Zweieinhalb Stunden lang. Er liest vor, stellt Fragen zu Wörtern, die er noch nicht kennt, und immer wieder sagt er „Das ist SO aktuell!“. Er erzählt mir von der militärischen Grundausbildung, die er als Junge zu UdSSR-Zeiten bereits in der Schule durchlaufen musste, dass er sich noch ans Waffentraining erinnert und die Luftschutzbunker mit Schießstand, in dem sie üben mussten.
Manchmal wird er kurz still, wenn der Liedtext ihm zu nah geht. Aber er will ihn bis zum Ende verstehen. Also weiter. Ja, das Wort Kanonenfutter gibt es im Ukrainischen auch. Und ja, die, die den Krieg beschließen, die kämpfen nicht. Die sitzen in ihren weichen Kissen, so wie der Text sagt.
Schließlich haben wir den ganzen Text durchgesprochen und mein Gegenüber bedankt sich bei mir, dass ich mir die Zeit genommen habe. Dabei habe ich die meiste Zeit nur zugehört und – ich hatte ihn vorgewarnt, dass das passieren würde – mal mehr, mal weniger heftig geweint. Dieses Lied bringt mich ohnehin schon aus der Fassung. Wenn es mir dann noch jemand vorliest, in dessen Land das gerade akut ist, kann ich nicht mehr an mich halten… Also hab ich ihm gedankt und gesagt, wie besonders dieses Gespräch für mich war.
Ich äußere die Befürchtung, dass das zu heftig für ihn gewesen sein könnte. Aber er ist völlig ruhig und sagt: „Nein. Wenn ich das lese, dann denke ich daran, wie es sein wird, wenn es globalen Frieden geben wird.“
Titelbild erstellt mit Gemini/Nano Banana und Procreate
Disclaimer: Dieser Beitrag wurde vor Veröffentlichung von dem darin genannten Gesprächspartner gegengelesen und freigegeben..


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