Liubov, eine junge Frau mit langen braunen Haaren und Brille, lächelt in die Kamera

Sprache und Identität – Ein Bloggespräch mit Liubov Vasileva

Liubov und ich haben uns bei Little World kennengelernt und hatten gleich einen Draht zueinander. Also fragte ich sie, ob sie Lust auf ein Bloggespräch hätte und sie schlug dafür das Thema Sprache und Identität vor. Da bin ich natürlich sofort dabei! Los geht‘s:

Annette

Hallo Liubov, wie schön, dass du dich zu diesem Bloggespräch bereit erklärt hast! Ich bin schon sehr gespannt auf unseren Austausch! Wie bist du denn auf dieses Thema gekommen?

Liubov

Hallo Annette, herzlichen Dank für die Einladung! Wie du weißt, interessiere ich mich sehr für das Thema Sprachen. Ich habe schon öfter davon gehört, dass Menschen sich in verschiedenen Sprachen als unterschiedliche Versionen ihrer selbst empfinden können. Bei mir habe ich das jedoch zunächst nicht bemerkt.

Erst dieses Jahr, als ich angefangen habe, mehr persönliche Texte auf Englisch und Deutsch zu schreiben, ist mir etwas Merkwürdiges aufgefallen: Es fällt mir viel leichter, persönliche Dinge, Gedanken und Gefühle in einer Fremdsprache auszudrücken als in meiner Muttersprache Russisch. Es ist, als könnte ich dadurch etwas Abstand zu meinen Gefühlen gewinnen und hätte weniger Angst davor, sie offen zu zeigen.

Hast du mit deinen Fremdsprachen etwas Ähnliches erlebt? Hast du dich in einer Fremdsprache schon einmal freier oder mutiger gefühlt als auf Deutsch?

Annette

Das ist ja interessant! Das ist mir – zumindest bewusst – noch nicht passiert. Aber mir haben andere gesagt, dass ich beim Sprechen anderer Sprachen ein anderer Mensch sei. Mir selbst kommt das gar nicht so vor. 

Natürlich kann ich in verschiedenen Sprachen Dinge unterschiedlich gut ausdrücken. Das führt bei mir aber eher dazu, dass ich anfange, Sprachen zu mischen. Zum Beispiel sage ich beim Deutschsprechen öfter mal „wie sagt man das auf deutsch?“, wenn mir etwas Passendes nur in einer anderen Sprache einfällt. 

Das liegt daran, dass ich nicht übersetze, sondern versuche, soweit möglich in der anderen Sprache zu denken. Das führt bei Sprachen, die ich fließend spreche, dazu, dass ich nachts auch in der Sprache träume, wenn ich im entsprechenden Umfeld bin. Ob ich dabei auch andere Eigenheiten übernehme, weiß ich nicht…

Ich würde aber sagen, dass sich bestimmte Gefühlszustände in verschiedenen Sprachen unterschiedlich gut ausdrücken lassen. Das hängt bei mir entweder mit dem Umfeld zusammen, in dem ich sie erlernt habe, oder einfach an den vorhandenen Möglichkeiten. Woran liegt es bei dir? Müsste man sich nicht eigentlich in seiner Muttersprache am besten ausdrücken können?

Liubov

Ich glaube, es hängt wirklich stark damit zusammen, in welchem Umfeld, wie du gesagt hast, oder in welcher Lebensphase man eine Sprache gelernt hat. Russisch zum Beispiel ist meine Muttersprache. Es ist die Sprache meiner Kindheit und all der Traumata und Unsicherheiten, die dort ihren Ursprung haben. Vermutlich ist das einer der Gründe, warum es mir eher schwer fällt, etwas Persönliches auf Russisch zu schreiben. 

Englisch hingegen ist die Sprache meiner Jugend. Die Sprache der Unbeschwertheit, der Sorglosigkeit, der Partys und der ganzen großen Welt, die auf mich wartete. Deutsch, würde ich sagen, ist die Sprache des Erwachsenseins, und ich bin meines Erachtens auf Deutsch ausgeglichener und bodenständiger. 

Gleichzeitig kann ich mich rein sprachlich auf Russisch natürlich viel besser ausdrücken als in anderen Sprachen. Mir stehen einfach viel mehr sprachliche Mittel zur Verfügung, vor allem beim Humor, der mir so wichtig ist. Witze, Wortspiele und Sarkasmus sind bei meinem Russischen Ich ständig im Einsatz. Dazu fällt mir eine Szene aus der Serie “Modern Family“ ein, in der Gloria, gespielt von Sofía Vergara, beklagt, dass die anderen gar nicht wissen, wie klug sie auf Spanisch ist. Bei mir wäre es wohl: Du, liebe Annette, weißt leider nicht, wie lustig ich auf Russich bin!

Du hast ja erzählt, dass andere dir schon mal gesagt haben, du seist ein anderer Mensch beim Sprechen anderer Sprachen. Erinnerst du dich noch daran, was genau sie damit meinten?

Annette

Ich hab sie nochmal gefragt. In der konkreten Situation ging es ums Französische. Wir waren gerade in Paris angekommen und mein Gehirn schaltete sofort in die andere Sprache um. Sie waren total überrascht und sagten, ich sei in der Sprache viel selbstsicherer, ich selbst empfand das aber gar nicht so. 

Ich habe dafür zwei Erklärungsansätze: Entweder es liegt daran, dass meine Begleiter damals selbst fast kein Französisch sprachen und nur nach dem Klang der Sprache geurteilt haben. Oder es ist wirklich so und das wäre dann ähnlich wie bei dir: Meine schlechten Erfahrungen sind alle mit der deutschen Sprache verknüpft. Im Französischen hingegen wurde ich immer nur gelobt, sei es vom Lehrer, sei es von den Franzosen, die ich kennengelernt habe. Vielleicht bin ich dann in der Sprache wirklich selbstsicherer?

Ein anderer Fall, wo bei mir etwas in einer Fremdsprache anders ist, sind geführte Meditationen. Auf deutsch funktioniert das bei mir überhaupt nicht. Wahrscheinlich, weil ich da zu kritisch bin. Entspannen kann ich mich nur, wenn die Meditation auf englisch geführt wird. Dann ist es auch egal, ob das britisches oder amerikanisches  oder sonstwie akzentgefärbtes Englisch ist. Das Einzige, was mich da noch stören kann, ist die Stimme und wenn jemand zu hektisch ist. Aber das hat ja mit der Sprache nichts zu tun.

Hast du schon mal bei anderen erlebt, dass sie in verschiedenen Sprachen anders auf dich gewirkt haben? Also bei selbst gesprochenen, nicht bei sowas wie Synchronisation.

Liubov

Ich würde sagen, ich erlebe meinen Mann auf Englisch auch selbstsicherer als auf Russisch. Vielleicht hat es damit zu tun, dass er auf Englisch arbeitet und daher viel in dieser Sprache kommunizieren, argumentieren und überzeugen muss. Auf Deutsch wirkt er sofort “kleiner”, was natürlich daran liegt, dass sein Niveau noch ziemlich niedrig und sein Akzent noch relativ stark ist. Dadurch kann man weniger intelligent wirken, als man eigentlich ist. 

Mit Meditationen auf Russisch kann ich übrigens auch nichts anfangen. Was für mich auf Englisch oder Deutsch ganz beruhigend klingt, klingt auf Russich oft komisch und übertrieben gehoben. Vielleicht konzentriere ich mich dabei mehr auf einzelne Wörter, während ich mich in anderen Sprachen mehr auf die Gesamterfahrung einlasse.

Zum Thema Selbstsicherheit, oder eher Klarheit, in einer anderen Sprache ist mir gerade noch eine Geschichte eingefallen. Vor vielen Jahren war ich mal bei einem Bewerbungsgespräch in Russland. Da sprach ich Russisch, musste aber noch meine Englischkenntnisse zeigen. Erst als ich meine bisherigen Tätigkeiten auf Englisch beschrieben hatte, hat mein Gesprächspartner ausgerufen: “Jetzt habe ich das endlich verstanden!” Meine Erklärung auf Englisch war also klarer als auf Russisch. Ich vermute, das hing damit zusammen, dass ich auf Russisch mehr sprachliche Freiheit habe. Ich kann auf verschiedene Details eingehen, Nebenbemerkungen einbauen und komplexe Satzstrukturen benutzen, ohne groß darüber nachzudenken. Dadurch wird meine Rede wahrscheinlich manchmal etwas unstrukturierter und chaotischer. Auf Englisch sind die sprachlichen Mittel, die mir zur Verfügung stehen, eher begrenzt. Das kann aber helfen, das Gesagte besser zu strukturieren. Ich muss bewusster darüber nachdenken, was ich sagen will und wie ich das am besten ausdrücken kann. 

Dazu fällt mir noch die britisch-amerikanische Autorin Jhumpa Lahiri ein, die so fasziniert von der italienischen Sprache war, dass sie sich dafür entschieden hat, auf Italienisch zu schreiben. Sie sagte: ‚I am, in Italian, a tougher, freer writer‘. Soweit ich sie verstehe, liegt das einerseits daran, dass sie sich von ihrer etablierten Identität als englischsprachige Schriftstellerin lösen kann. Andererseits bringt das kleinere sprachliche Repertoire sie dazu, direkter und stärker auf das Wesentliche konzentriert zu schreiben. 

Wie ist das bei dir beim Schreiben? Merkst du Unterschiede? Wenn du zum Beispiel dieselbe Nachricht auf Deutsch, Englisch und Französisch schreiben würdest, wäre etwas anders?

Annette

Gute Frage… Ich würde wahrscheinlich je nach Sprache andere Wendungen benutzen und andere Anspielungen machen. Der ganze Ton ist ja anders je nach Sprache. 

Nehmen wir zum Beispiel den ersten Satz von Harry Potter. Der heißt im Original

„Mr. and Mrs. Dursley, of number four Privet Drive were proud to say that they were perfectly normal, thank you very much.“

Da liegen schon rein sprachlich so viel British Poshness und Witz drin, dass man es gar nicht übersetzen kann. Das klingt einfach nicht so. In der offiziellen Übersetzung heißt es:

„Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar.“

Da entsteht kein Bild wie in der englischen Version, wo man den abgespreizten kleinen Finger und die verkniffene Kleinbürgerlichkeit schon richtig vor sich sieht.

Es ist auch nicht umsonst so, dass sich etwa das Italienische besonders gut für Opern und den Gesang generell eignet. Nehmen wir den Klassiker „Nessun dorma“:

„Nessun dorma
Tu pure, o Principessa
Nella tua fredda stanza
Guardi le stelle che tremano
D′amore e di speranza“

Selbst wenn man kein Italienisch versteht, kann man die Liebessehnsucht spüren. Aber auf deutsch:

„Keiner schlafe
auch du, oh Prinzessin
in deinem kalten Zimmer
schau die Sterne an, die zittern
vor Liebe und Hoffnung“

Zack. Total prosaisch, selbst wenn ich aus dem Zimmer noch ein Gemach und aus dem Zittern noch ein Erbeben mache. 

So haben mein Mann und ich für unsere Liebesbekundungen sogar eigene Fantasiewörter erfunden, die zusammen unsere ganz eigene Art von Lyrik ergeben. Da kann dann keine offizielle Sprache mithalten. 

Eigentlich ist das mit den Sprachen doch ein Luxusproblem, oder? Wer nur eine Sprache kann, für den stellen sich diese ganzen Fragen ja gar nicht. Höchstens noch hinsichtlich Dialekt und Hochsprache. Aber selbst da würde ich für manche Gefühlslagen mein Pfälzisch vorziehen. 

Wie ist das bei dir mit deutschen Dialekten? Egal ob du sie verstehst, oder nicht: Bekommst du von den Sprechern verschiedene Eindrücke, was ihre Mentalität angeht? Wie klingt das für dich?

Liubov

Ich bin sehr neugierig auf eure Liebessprache geworden! Könntest du vielleicht ein paar Beispiele mit mir teilen?

Mein Mann und ich sind nicht so kreativ unterwegs. Wir benutzen aber hin und wieder englische, deutsche oder sogar spanische Wörter und Redewendungen unter uns. Manchmal, um einen Gedanken präziser auszudrücken und manchmal, einfach weil es Spaß macht. So sagt mein Mann oft „No quiero trabajar“, wenn er müde ist, obwohl er gar kein Spanisch kann 🙂 Als er vor vielen Jahren in England studierte, wohnte er mit einem Mexikaner zusammen, der oft sang: „No quiero trabajar, no quiero ir a estudiar, no me quiero casar…“ Mein Mann fand es sehr lustig und das Lied ist bei ihm hängen geblieben.

Ich muss zugeben, mit den deutschen Dialekten kenne ich mich nur schlecht aus. Mir fallen so spontan nur Berlinerisch und Bairisch1 ein.

In Berlin hört man oft „Tachchen“, „jut“, „jetze“ und ich finde es sehr niedlich. Für mich passt es gut zu einem Berliner – der ist in meiner Vorstellung entspannt und locker. 🙂

Die besondere Melodik des Bairischen klingt für mich irgendwie nach einem Dorf oder dem Leben auf dem Land. In Russland hört man ausgeprägte Dialekte sehr selten, am ehesten noch in Dörfern und bei älteren Menschen. In meinem Alltag habe ich fast nur Standardrussisch gehört. Deshalb verbinde ich einen ausgeprägten Dialekt wahrscheinlich automatisch mit dem Dorfleben.

Du hast ja gefragt, ob das mit den Sprachen ein Luxusproblem ist. Das ist es! Aber ich freue mich riesig, dass ich so ein Problem haben darf 🙂 Sprachen sind eine der größten Freude in meinem Leben. 

Also wäre es vielleicht ein guter Abschluss, wenn du mir verrätst: Warum lernst du im Jahr 2026 immer noch Sprachen?

Annette

Sorry, unsere persönliche Sprache ist privat, die kann ich hier nicht teilen. 

Aber warum lerne ich noch Sprachen: weil mich interessiert, wie Sprache funktioniert. Jede Sprachfamilie hat ihr eigenes System und das spiegelt dann ja auch wider, wie die Menschen in dieser Sprache denken. 

Nehmen wir Deutsch, Finnisch und Japanisch. Drei komplett verschiedene Sprachen. Das Deutsche drückt Beziehungen im Satz meist durch eine Kombination von Präpositionen und Fällen aus. Das Finnische nutzt dafür vor allem ein System aus Fall-Endungen sowie Postpositionen, während das Japanische Beziehungen durch nachgestellte Partikel markiert. Das finde ich mega spannend!

Natürlich können wir uns auch alle nur noch auf Englisch unterhalten, oder Übersetzungs-Apps nutzen. Damit bekommen wir aber kein Gefühl für die Denkweise der anderen Sprache. Dann geht es nur noch um nackten Informationsaustausch. 

Aber Sprache ist doch so viel mehr als das, wie wir oben festgestellt haben. All die Feinheiten, das, was mitschwingt, was mit der Zeit und der Geschichte gewachsen ist, das macht eine Sprache doch erst besonders. 

Warum machen die Amerikaner zum Beispiel BBQ? Wenn man das ausschreibt, wird das Barbecue und das kommt aus dem Französischen „da la barbe à la queue“, also „vom Bart zum Schwanz“. Das bezeichnet die Art, wie ein Tier aufgespießt wurde, um es über dem Feuer zu braten.

Oder warum verderben im Schwedischen viel Köche die Brühe, im Deutschen den Brei und im Französischen die Soße, während derselbe Sinn in anderen Sprachen völlig anders erklärt wird?2

Ich könnte noch ewig weitermachen! Auch mit Dialektwörtern. Wusstest du, dass es Sprach-Atlanten gibt, in denen genau aufgezeichnet wird, wie man wo was sagt oder ausspricht und wann? Dadurch kann man nachvollziehen, wie sich Sprache entwickelt hat. Findest du das nicht auch spannend? 

Danke, dass du dich mit mir über dieses Thema ausgetauscht hast, liebe Liubov! Hiermit überlasse ich dir das Schlusswort.

Liubov

Liebe Annette, da bin ich komplett bei dir! Jede Sprache ist wie eine andere Denkweise, die ihre Wurzeln in einer bestimmten Kultur und Geschichte hat. Dazu fällt mir ein Zitat der amerikanischen Journalistin Flora Lewis ein:

„Learning another language is not only learning different words for the same things, but learning another way to think about things.”

Das hast du ja wunderbar an deinen Beispielen dargestellt. Das BBQ-Bild wird mich noch verfolgen… 😀

Für mich fühlt sich das Sprachenlernen wie Zauberei an: Etwas, was für mich früher nur Kauderwelsch war, ergibt plötzlich Sinn. Es ist, als hätte ich einen Code geknackt und wäre in eine neue Welt hineinspaziert. Vielleicht ist dieses Leben mit mehreren Sprachen ja selbst eine Art Identität?

  1. Anm. Wenn es um die Sprache geht, heißt es tatsächlich „bairisch“! Für alles andere gilt „bayrisch“ oder „bayerisch“. Wieder was gelernt. Danke, Liubov! 😘 ↩︎
  2. Siehe Wenn viele zu viele sind ↩︎

Über meine Gesprächspartnerin

Liubov

Liubov kommt aus Russland und lebt seit 2022 in Deutschland. Sie hat großen Spaß am Sprachenlernen. Neben ihrer Muttersprache Russisch spricht sie Englisch, Deutsch, Italienisch und Spanisch. Gerade lernt sie Niederländisch.

Titelbild: KI-generiert
Foto von Liubov: privat
Avatar von Annette: snipki.de

In meiner Rubrik „Bloggespräche“ unterhalte ich mich mit einem Gegenüber über ein frei gewähltes Thema wie in einem Mini-Briefwechsel. Wer auch mal so ein Gespräch mit mir führen möchte, findet alle nötigen Infos dazu unter https://www.annetteschwindt.de/bloggespraeche/ und kann sich von dort direkt bei mir melden.

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