Eine Odyssee

Tja, dumm gelaufen. Man sollte nicht ans andere Ende der Stadt müssen, wenn gerade Afghanistan-Konferenz ist und daher alle üblichen Wege verstopft sind. Statt dessen umkreist man die halbe Stadt, hindurch, kreuz und quer, verfährt sich und landet schließlich mit Verspätung auf dem Uniklinik-Gelände auf dem Venusberg. Es stürmt, es ist eklig und ich hab keine Ahnung, wo ich hin muss…

Also nachfragen im Notfallzentrum, wo ich neulich schon war. Die schicken mich „ganz hinterm Parkplatz, aber dahinter, nicht daneben“ und wedeln unbestimmt in der Gegend rum. Ich also wieder raus, inzwischen ist mein Mann schon außer Sicht, weil der noch nach nem Parkplatz sucht. Denn der besagte, hinter den ich soll, der ist voll…

Ich kämpfe mich also durch den Sturm über besagten Parkplatz (weil ich ja nicht daneben, sondern dahinter…) und werde alle zwei Meter von verzweifelten Autofahrern angesprochen, ob ich nicht gerade da sei, um mein Auto wegzufahren, weil dann könnten sie ja… Nein, bin ich nicht. Und das Gebäude, vor dem ich lande, ist die Onkologie. Eine Kardiologie gibt es weit und breit nicht zu sehen. Bin ich vielleicht doch zu weit seitlich (weil ich soll ja nicht daneben, sondern dahinter…)???

Also weiter rechts zu dem anderen, das sieht doch auch schon ansprechend modern aus. Der Sturm bläst mich inzwischen durch und als ich endlich davor stehe: „Verwaltung und Apotheke“. ARGH! Ich dreh mich um, Wegweiser für alles mögliche – ah da, Innere Medizin, aber… öhm… das führt zurück zu Onkologie und Frauenklinik.

Mir langt’s ich hab inzwischen keinen Plan mehr, wo ich bin. Also stelle ich mich an den nächsten auffälligen Punkt, rufe meinen Mann und wimmere: Komm mich holen, BIIIITTE!

Thomas kommt mit dem Auto aus wieder einer anderen Richtung, inzwischen sind wir sowas von zu spät und mir reicht es. Aber er bleibt hartnäckig: wir fahren jetzt zurück zum Notfallzentrum und die sollen Dir ganz genau sagen, wo Du hin sollst und wie das heißt. Er weiß auch sofort, wie man da hin kommt und setzt mich vor der Tür ab.

Als ich wieder reinkomme, schaut mich die Empfangsschwester schon an, als könnte ich nicht bis drei zählen. Und ich ganz kleinlaut: ich hab es nicht gefunden…

Diesmal geht sie mit mir vor die Tür und zeigt auf das Gebäude NEBEN dem Parkplatz! Aber genau da sollte ich doch NICHT… oh Mann! „Medizinische Klinik“ soll drauf stehen – öhm…? Ist das hier nicht alles Klinik und medizinisch? Aber egal…

Inzwischen bläst es einen fast weg und ich mag nimmer. Doch Ritter Thomas packt mich in sein Auto und erzählt mir, dass er überall nur umherirrende Menschen gesehen hat und dass da ja wohl echt keiner mehr durchblickt. Er karrt mich wieder direkt vor die Tür des Gebäudes neben dem Parkplatz  (haha) und naja, ist wieder die falsche, aber die nächste ist es dann und dort weist mir die Pförtnerin, die Kummer schon gewohnt zu sein scheint, „da rechts ganz durch, dann wieder rechts und ganz hinten, Zimmer 152“. Da gehe ich hin, lande in „Röntgen, kein Zutritt“. Zum Glück kommt eine Schwester und die sagt, nee, da links durch dann wieder links und ganz hinten.

Ich tappe inzwischen nur wie ferngesteuert durch die Gänge, lande in einem engen überheizten Flur voller Leute und finde endlich Zimmer 152! Darin zwei Damen, die über lange Schals diskutieren und sich freuen, dass ich eben so einen anhabe. Ich erkläre, dass ich leider zu spät bin, weil umgeleiteter Verkehr und dann hier nicht gefunden… die beiden grinsen bloß, die kennen das wohl schon.

Eine der beiden führt mich den vollen Gang hinunter, sagt „setzen Sie sich“ und verschwindet hinter einer anderen Tür. Da sitze ich nun wie bestellt und nicht abgeholt und frage mich, wie lange ich jetzt wohl warten muss. Um mich rum lauter keuchende, schniefende Leute, die z.T. auf dem Gang Blut ausm Ohrläppchen gezapft bekommen und auf der Tür vor mir steht „Lungenfunktionstest“. Öhm…???

Nach erstaunlich kurzer Zeit tönt aus einer Tür weiter weg mein Name und ich komme in ein winziges Behandlungszimmer, werde verstöpselt und kann nach grade mal einer Minute wieder gehen. „Kommen Sie nächstes Mal am besten ein bisschen früher als Ihr Termin sagt“, meint die nette Schwester noch zu mir.

SEHR witzig!

Annette Schwindt

Ich bin entweder selbst schreibend tätig, oder wirke für andere als Kommunikations-Katalysator. Das bedeutet: Ich begleite andere bei ihrem eigenen Projekt und bringe sie durch Beratung und Vernetzung voran. Interesse an einer Zusammenarbeit? Übrigens: Ich verorte mich selbst im autistischen Spektrum, ich (re)agiere also nicht immer so, wie andere es erwarten. ;-) Aber keine Angst: Ich beiße nicht, denn vor allem bin ich eins: Ein Mensch! – Beiträge per Mail abonnieren

2 Kommentare

  1. Hallo Annette,

    ich lese eigentlich Deine Postings regelmäßig auf G+. Eigentlich eher als stiller Leser, ohne groß zu kommentieren. Dieser hier machte mich allerdings anhand des Titels neugierig. Dummerweise kann ich Deine Odyssee aus eigener Erfahrung mit unserem Sohn nachvollziehen. Als wir einmal mitten in der Nacht mit ihm zur Notfallkardiologie mussten, war es allerdings nicht so dramatisch wie bei Dir. Nachts ist dort zum Glück nicht ganz so viel los. Trotzdem kann ich Deine Gefühle und Deinen Unmut verdammt gut verstehen. Ich drücke die Daumen, dass Dir das nicht so schnell wieder passiert.

    Mfg
    Malte

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