Mensch!

Blogger für Flüchtlinge

Der älteste mir bekannte Urahn meines Familiennamens ist Ende des 18. Jahrhunderts aus einem unbekannten anderen Ort in ein Dorf in Rheinland-Pfalz gekommen, von wo aus er mit seiner Frau und ihrer Familie in die Batschka auswanderte. Genauer gesagt in einen Ort, der heute an der serbisch-ungarischen Grenze liegt. Dort wurden die folgenden Generationen geboren bis ihre letzten Nachfahren im 2. Weltkrieg interniert und schließlich vertrieben wurden. So kamen sie zurück nach Deutschland. Als Flüchtlinge.

Ich bin eine aus der ersten Generation, die wieder in Deutschland geboren wurde. Für mich ist von klein auf klar gewesen, dass Menschen nicht an einem Ort bleiben, sondern wandern. Dass niemand aus der Gegend stammt, in der er sich gerade befindet, ja nicht mal aus dem Land. Und als ich mich mit Ahnenforschung befasst habe, entdeckte ich noch ältere Vorfahren aus weiteren Ländern. So stieß ich auf ganz vielfältige Wurzeln aus unterschiedlichen Ländern, Gegenden und Gesellschaftsschichten. Meine Wurzeln sind bunt, so bunt wie die von jedem Menschen. Wenn man mich fragen würde, als was ich mich sehe, würde ich daher vermutlich nicht Deutsche sagen. Eher Europäerin oder letztendlich einfach Mensch.

Deshalb kann ich es nicht begreifen, wenn Menschen auf andere Menschen losgehen, sie beschimpfen, bedrohen, ihnen gar ans Leben wollen. Deshalb macht es mich fassungslos, Hasskommentare oder gar Aufrufe zu Gewaltveranstaltungen im Netz zu lesen, Politiker zu sehen, die das verharmlosen oder einfach nur wegschauen.

Ich stehe erschrocken da und frage mich, was können wir tun? Was kann ich einzelner Mensch, mit meinen Mitteln tun, um dem Hass entgegen zu wirken?

Zunächst ist es wichtig, dass sich jeder Gedanken darüber macht, was da gerade passiert. Nicht wegsehen, nicht den Mund halten, sondern seinen eigenen Weg finden, Stellung zu beziehen. Und zwar von Grund auf: Denkt nicht nur an Euch selber, sondern schaut mal, was links und rechts von Euch passiert. Redet miteinander, helft einander und versucht, anderen zu zeigen, dass sie nicht allein mit ihren Problemen sind. Egal ob das ein Flüchtling oder der beste Freund ist, der arbeitslose Nachbar oder eine Arbeitkollegin. Nehmt andere in ihrem Menschsein wahr!

Dazu braucht es nicht immer Geld. Das kann schon das Babysitting für die übermüdete Nachbarin sein, oder einkaufen gehen für den Senioren aus dem dritten Stock. Ladet andere zum Essen ein, macht Musik zusammen, gebt Wissen weiter, lasst einander an Euren Leben teilhaben. Lernt Euch in Eurer Verschiedenheit kennen und akzeptieren. Dann werdet Ihr nicht nur Unterschiede entdecken, sondern auch Gemeinsamkeiten. Nicht nur Fremdes, sondern auch Verbindendes.

Denn letztendlich sind wir alle nur eins: einfach Mensch.

Jetzt werden viele sagen, dass das idealistischer Scheiß sei und nicht umsetzbar, weil es eben Leute gibt, bei denen Hopfen und Malz verloren ist. Leute, mit denen nicht mehr zu reden ist. – Aber wenn wir nicht mit ihnen reden, dann werden es die tun, die sie für ihre braunen Zwecke einspannen. Denen laufen sie dann hinterher, weil die ihnen als einzige das Gefühl geben, gesehen zu werden. Weil sie woanders durchs Raster gefallen sind.  Weil sie das Gefühl verloren haben, als Mensch wahrgenommen zu werden.

Aber warum ist das so? Weil jeder nur noch an sich denkt. Wenn wir darauf warten, dass das „von oben“ geregelt wird, dann kann das böse nach hinten losgehen. Die Geschichte hat es mehr als einmal gezeigt. Wer das nicht nochmal erleben möchte, sollte jetzt anfangen und sich anderen zuwenden. Das ist nicht immer einfach, aber allein der Versuch kann für jemanden, der sich allein gelassen fühlt, schon einen großen Unterschied machen.

Nicht jeder kann die Welt verändern. Muss er aber auch nicht. Wenn jeder im eigenen Umfeld etwas tut, ist das schon ein Anfang!

Klingt verdammt nach Jesus und Nächstenliebe? – So what? Der war auch nur ein Mensch. 😉

UPDATE: Es werden dringend Spenden verschiedener Art für Geflüchtete gebraucht! Hier gibt es weitere Infos. #BloggerFuerFluechtlinge

Und wer immer noch denkt, er wäre „reiner“ Deutscher, Engländer oder was auch immer, dem empfehle ich folgendes Video:

Annette Schwindt
Ich bin entweder selbst schreibend tätig, oder wirke für andere als Kommunikations-Katalysator. Das bedeutet: Ich begleite andere bei ihrem eigenen Projekt und bringe sie durch Beratung und Vernetzung voran. Interesse an einer Zusammenarbeit? Übrigens: Ich verorte mich selbst im autistischen Spektrum, ich (re)agiere also nicht immer so, wie andere es erwarten. ;-) Aber keine Angst: Ich beiße nicht, denn vor allem bin ich eins: Ein Mensch! - Beiträge per Mail abonnieren -

4 Kommentare

  1. Nette, der Name passt ja schon mal extrem gut zu dir, da du mehr als nur nett bist:). Mehr Menschen sollten exakt wie du denken. Dann gäbe es sicherlich weniger Leid auf der Welt!

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