Frau sitzt mit traurigem Gesicht in den Händen vor dem Bildschirm

Investment – 72. Blognacht

„Der heutige Impuls“, sagt Anna zur 72. Blognacht, „lautet: Investment“. – „Neeeeeee, echt jetzt? Was ist DAS denn für ein Thema?!“, ist meine erste Reaktion, denn ich denke natürlich zunächst an Geld und das ist für mich ein absolutes Horrorthema. 

Ich bin teils im Haushalt meiner Eltern, bis ich 13 war aber hauptsächlich bei der Oma aufgewachsen. Während bei ihr Geld kein Thema war, schlicht weil sie als Flüchtlingswitwe keins hatte, unterhielten sich meine beide bei der Bank arbeitenden Eltern fortwährend über Finanzthemen und wir gingen zu irgendwelchen Veranstaltungen, wo noch mehr Bankangestellte, Chefs und Lokalpromis waren, die auch über Kredite, Konten, Aktien, Fonds, Börse, Immobilien, Festgeld – AAAAAAAHHHH!!!

Schon früh wurde für mich also klar, dass ich diesen Beruf bestimmt NIE ergreifen würde und bis heute verursacht mir das ganze Thema Magenschmerzen.

Bei meiner Oma hingegen gab es Tauschwirtschaft, darüber hab ich ja schon öfter geschrieben. Das fand und finde ich bis heute viel besser. Da wurde nicht verrechnet, ob die Kürbisse aus dem Garten des Nachbarn genauso viel gekostet hätten wie das Säumen einer Hose vom Schneider nebenan oder der Kuchen, den meine Oma dafür backte. Man half sich eben, ob mit Dingen oder mit Taten, und nur bei größeren Aufgaben kam auch mal Geld ins Spiel. 

Wenn die Wawi Basl, von der ich bis heute nicht den richtigen Namen weiß, Bananenschnitten gemacht hat, dann haben wir auch welche bekommen. Wenn der Nachbar Kirschen geerntet hat, bekamen alle was ab. Wenn meine Oma Strudel gebacken hat, dann hab ich den Nachbarn auch was davon gebracht. Und oft hat man sich einfach gemeinsam in die Küche gestellt und zusammen Leckeres erschaffen, oder sich beim Hausbau geholfen, oder bei der Inventur vom Tante-Emma-Laden (der bei uns der Onkel-Drele-Laden war).

Jetzt könnte man sagen, das sei halt soziales Investment oder investierte Zeit, statt finanzielles Investment. Aber da dreht sich mir echt der Magen um. Denn Investment bedeutet für mich, etwas gezielt einzusetzen, um etwas zu vermehren, also um nachher einen Gewinn daraus zu ziehen. Sich gegenseitig zu helfen, ist aber wie gesagt kein Aufrechnen von wie auch immer gearteten Werten. Es geht ums Prinzip, um das Miteinander. Nicht darum, nachher mehr zu haben als der andere.

Da fällt mir dieser Cartoon ein, wo das Kind hilflos im Schutzanzug in einer zerstörten Umwelt steht, sein Vater steht daneben und hält ihm einen prallen Geldsack hin: Schau mal, was ich für dich hab! 

Nennt mich weltfremd, ist mir egal. Ich halte es wie meine Oma, ich konzentriere mich aufs Miteinander, nicht aufs Geld und damit auch nicht auf Investments. Mit Menschen zu interagieren, werde ich auch nie als Investment bezeichnen, das empfinde ich als völlig unpassende Bezeichnung.

Also, liebe Anna, sei mir nicht böse, aber für nächstes Mal wünsche ich mir bitte wieder ein schöneres Thema…

Titelbild erstellt mit Canva

Die Blognacht ist eine regelmäßige Veranstaltung von Anna Koschinski, in der der sich Blogger treffen, um spontan etwas zu einem Impuls zu schreiben. Mehr dazu unter blognacht.de

Fediverse reactions

Kommentare

3 Kommentare zu „Investment – 72. Blognacht“

  1. Du sprichst mir aus der Seele, das ist der beste Blognachbeitrag zu diesem seltsamen Thema, den ich bisher gelesen hab!
    Investment – schon das Wort wirkt auf mich wie ein rotes Tuch, mit Finanzen und Co hab ich auch nix am Hut.
    Deine Oma macht das klasse! Es ist Gold wert, wenn man so eine soziale Einstellung hat. Den Cartoon kenn ich übrigens, der trifft den Nagel auf den Kopf!
    So wie du dieses Thema.
    Super!!

    Sabine aus dem Mausloch, ganz begeistert!

    1. Vielen Dank, Sabine! Ich habe die Beiträge, die gestern Abend schon fertig waren, alle gelesen – und keiner war wirklich begeistert über das Thema. 😉 Das hatten wir seit ich teilnehme auch noch nie.

      Meine Oma lebt leider schon über 20 Jahr nicht mehr, aber ich denke jeden Tag an sie. ❤️

  2. Ich glaube, provozierende Impulse, wie dieser, können uns allen helfen, gute Texte zu schreiben, gerade weil sie uns aus der Komfortzone herausholen. In einer Zeit, in der alles Zwischenmenschliche zur Investition erklärt wird – man denke an die Floskel vom Humankapital im Zusammenhang mit Arbeitnehmer*innen – ist es vielleicht gut, einmal zweifelnde bis ablehnende Reaktionen herauszufordern. Gerade weil es auch anders und ganz sicher menschlicher geht, wie das Leben Deiner Oma zeigt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert