Jedes Mal, wenn ich meine Mutter anrufe und das Freizeichen höre, aber niemand rangeht, mache ich mir Sorgen. Sie wohnt ganz allein und ich bin in einem anderen Land.
Allein wohnte auch meine Oma, die heute vor zehn Jahren gestorben ist. Sie hatte einen Schlaganfall. Vielleicht hätte man sie retten können, wenn die Feuerwehr früher angekommen wäre… Wenn jemand bei ihr gewesen wäre, der den Notruf hätte wählen können… Jemand, der überhaupt gewusst hätte, dass ihr das passiert war… Aber ausgerechnet an diesem Tag hatte keine von uns sie angerufen.
Seitdem haben meine Mutter und ich eine Art kleines Check-In-Ritual. Jeden Tag schreiben wir uns per WhatsApp. Einfach “Hallo, wie geht’s dir heute?” Selbst wenn es nicht viel oder gar nichts zu erzählen gibt. Es ist unsere Art, uns zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist. Wenn sie mal auf WhatsApp nicht antwortet, rufe ich sie an. Und sie weiß, falls etwas Schlimmes passiert und sie dann nicht ans Telefon rangeht, rufe ich ihre Freunde oder meine Freunde an und sie kommen gleich vorbei. Ganz alleine ist sie nicht. Obwohl auf Distanz, bin ich für sie da.
Ich versuche das Wichtigste, was mir und meinem Sohn an einem Tag passiert ist, ihr in meinen Text- und Audio-Nachrichten zu erzählen. Außerdem fällt mir das leichter als ein Telefonat. Ich tue mir schwer damit, lange mit ihr zu reden oder überhaupt mit ihr zusammen zu sein. Ich liebe meine Mutter natürlich, aber wir waren nie sehr eng. Wenn wir uns schreiben, fühlt es sich irgendwie anders an. Vielleicht fehlt im Text ihr Besserwisser-Ton, der mich auf die Palme bringt. Sie ist ja Lehrerin p, und der Beruf hat seine Spuren hinterlassen. Vielleicht höre ich endlich auf, ihr etwas beweisen zu wollen.
Ich lese gerne über ihre Schülerinnen und Schüler und freue mich mit ihr, wenn sie gute Noten bekommen. Ich lache darüber, wie ihr kleiner Frechdachs von einem Kater sie auf Trab hält. Ich beneide sie (im positiven Sinne!), wenn sie mal mit Freundinnen tanzen geht. Diese täglichen Nachrichten schenken uns das Gefühl, dass wir immer noch am Leben der anderen teilhaben.
Ich weiß nicht, wie das Leben weitergeht und ob wir eines Tages noch in derselben Stadt oder wenigstens demselben Land leben werden. Ich hoffe nur, dass sie immer rangeht, wenn ich anrufe.
Bild erstellt mit OpenAI
Die Blognacht ist eine regelmäßige Veranstaltung von Anna Koschinski, in der der sich Blogger treffen, um spontan etwas zu einem Impuls zu schreiben. Mehr dazu unter blognacht.de


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