Viele Menschen verschiedener Herkunft und verschiedenen Alters schicken Herzen in die Welt

Warum eigentlich nicht (65. Blognacht)

„Du kennst den doch gar nicht!“, „Der nutzt dich doch bloß aus!“, Du bist immer immer viel zu gutgläubig!“ Solche Sätze höre ich seit meiner Kindheit immer wieder von anderen, jedesmal dann, wenn ich Dritten freiwillig bei etwas helfe.

Und auch von den Menschen, denen ich helfe, kommt immer ein ungläubiges „Warum machst du das? Wie kann ich das ausgleichen?“ Wenn ich dann sage, dass ich nichts dafür haben will, sind viele überfordert. Da muss doch irgendeine Absicht dahinterstecken…?

Ist Helfen wirklich so selten?

Versteht mich richtig: ich will mich hier nicht als tollen Menschen hinstellen, sondern auf was ganz anderes raus. Nämlich auf die Frage, warum das eigentlich nicht mehr Menschen so machen? Oder tun es vielleicht mehr als wir denken? Warum hören wir dann meist nur vom Gegenteil?

Meine Motivation ist jedenfalls ganz einfach: Ich versetze mich in die Lage der Person, die Hilfe braucht, und stelle mir vor, was das für mich bedeuten würde. Das mache ich nicht dezidiert, sondern das passiert ganz automatisch. Manche nennen sowas vielleicht Hypersensibilität. Ich nenne das menschlich sein. 

Altruismus ist das default setting

Das Verweigern von Empathie wird uns nämlich nicht in die Wiege gelegt. Jedenfalls den meisten von uns nicht. Kleine Kinder sind nachgewiesenermaßen zunächst ganz selbstverständlich altruistisch. Sie wollen ihr Essen teilen, wenn das Gegenüber keins hat, sie weinen, wenn jemand anders weint und so weiter. Dass das später nicht mehr so ist, wird anerzogen.

Nun bin ich mit einem starken Trotz und Gerechtigkeitssinn ausgestattet, die sich permanent gegen solche Dinge wie Leistungsgesellschaft oder das Recht des Stärkeren wehren. Das mag zum einem Teil von meiner Neurodivergenz kommen, zu anderen Teilen aber von eigenen Erfahrungen mit Empathielosigkeit konfrontiert worden zu sein und einem intergenerationalen Flüchtlingsgedächtnis. Kurz: das intuitive, nicht verdrängbare Mit-Leiden ist einfach stärker als das, was mir als gesellschaftliche Norm begegnet.

Was natürlich nicht heißen soll, dass ich alles mit mir machen lasse. Wenn ich mitkriege, dass ich ausgenutzt werden soll oder verarscht werde, kann ich auch anders. Stichwort Trotz – nur in die andere Richtung. „Don‘t mess with Nette!“, warnt da auch immer mein Mann. Wenn sich jemand ehrlich entschuldigt, bin ich aber auch bald wieder gut. Typisch Schwindt übrigens, wie der Ursprung unseres Namens auch besagt.1

Traut euch einfach mal!

Übrigens berichten immer wieder Menschen, die es einfach mal darauf ankommen lassen, dass ihnen die meisten Leute freundlich begegnen. So war es auch bei Rosie, deren Gastgeber wir 2019 spontan sein und sie so ein kleines Stück auf ihrem Weg begleiten durften.

Dasselbe erlebe ich bei Little World, wo deutsche Muttersprachler ehrenamtlich Migranten beim Verbessern ihres mündlichen Deutsch und oft noch darüber hinaus helfen. Eigentlich sollte es da nur um 30 Minuten Plaudern pro Woche gehen. Tatsächlich entsteht daraus ganz oft viel mehr! 

Deswegen frage ich mich: Warum trauen sich eigentlich nicht noch mehr Leute, einen Freundlichkeitsvorschuss in die Welt zu schicken oder anderen mal ganz ohne Hintergedanken zu helfen? Habt ihr es schon mal probiert? Und wenn es nur ein Lächeln im Vorbeigehen ist. Oder eine nette Geste. Oder ehrenamtliches Engagement. Oder was fällt dir sonst noch ein?

Warum nicht einfach freundlich sein und den ersten Schritt für ein besseres Miteinander tun?

Warum eigentlich nicht?

So auch bei der Blognacht

Anna tut das mit ihrer Blognacht übrigens nun schon seit fünf Jahren. Sie bietet einen Raum für ein freundliches Miteinander, gemeinsames Schreiben und das gegenseitige Kennenlernen. Einfach so. Kostenlos. Ich nehme jetzt schon zum 13. Mal teil und lustigerweise war das Thema bei meinem ersten Mal schon „Ein Grund zum Feiern“

Heute feiern wir dich, liebe Anna, sagen dir Danke und senden herzliche Glückwünsche zum 5. Blognacht-Geburtstag und Folge 65! Auf viele, viele weitere gemeinsame Blognächte

Titelbild erstellt mit LeChat

Die Blognacht ist eine regelmäßige Veranstaltung von Anna Koschinski, in der der sich Blogger treffen, um spontan etwas zu einem Impuls zu schreiben. Mehr dazu unter blognacht.de


  1. Laut historischer Namenforschung wird der Name Schwindt auf das niederdeutsche Wort ‚swind‘ (schnell) zurückgeführt. Diese Deutung passt zu den typischen Eigenschaften der Familie, die als aufbrausend, aber schnell versöhnt beschrieben werden. (Bahlow, Hans (1967): Deutsches Namenlexikon. Familiennamen sprachlich und historisch erklärt. Frankfurt am Main: Suhrkamp.) ↩︎

Fediverse reactions

Kommentare

2 Antworten zu „Warum eigentlich nicht (65. Blognacht)“

  1. Liebe Annette,

    ich glaube ja, es ist gar nicht so selten, aber wenige reden darüber. Genau wie du schreibst, man will sich ja nicht als „besonders tollen Menschen“ hinstellen… Und möglicherweise haben viele mal schlechte Erfahrungen gemacht, sodass sie immer vorsichtig sind, wenn jemand ihnen etwas Gutes tun will. Ich sag ja auch ganz oft „hey, lass uns doch kurz gemeinsam auf dein Blog-Thema schauen“ und dann kommt immer die Rückfrage, wie hoch denn die Rechnung wird. Etwas nehmen ohne Gegenleistung ist im Business-Bereich wohl out.

    Übrigens… zu der Blognacht wurde mir schon vor langer, langer Zeit gesagt: Du, die xyz, die macht auch sowas wie du, die vermarktet das aber cooler und lässt sich das bezahlen…

    Manche Menschen verstehen vielleicht nicht, dass Sinn manchmal wertvoller ist als Geld. Und wir dürfen verstehen, dass wir privilegiert sind und es uns leisten können, Dinge, Ratschläge und Zeit zu verschenken.

    Wir machen einfach weiter, okay? Schön, dass es dich gibt.

    1. Ja, manche Menschen können den Wert einer Sache nicht mehr erkennen, wenn kein Preis draufsteht. Als ob das dasselbe wäre…

      Ich bin jedenfalls auch froh, dass du da bist und die Reihen derer, denen es nicht zuerst um Kommerz geht, verstärkst. 😘

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