„Zeigt Eure Liebe!“ – Ein Bloggespräch mit Gunnar Sohn

Nachdem seine Frau Miliana am 6. Mai dieses Jahres plötzlich verstorben war, beschloss Gunnar Sohn, seine Trauer nicht nur mit sich selbst auszumachen, sondern sie auch via Social Media zu zeigen. Ob mit alten Fotos und den dazugehörigen Erinnerungen, oder einfach mit Bildern von neuen Blumen auf dem Grab – wer Gunnar folgt, begleitet ihn tagtäglich auch bei seiner Trauer. Was ihn dazu veranlasst hat und was passiert, wenn man nicht nur über Schönwetterthemen postet, darüber wollen wir in diesem Bloggespräch reden.

Annette gezeichnet von tutticonfetti

Zuerst einmal Danke, dass Du Dich zu diesem Bloggespräch bereit erklärt hast, lieber Gunnar. 🙂 Wir kennen uns ja nun schon länger gerade via Social Media und da hatte ich Dich dank Berliner Schnauze zunächst eher als harten Kerl wahrgenommen. Doch seit Milianas Tod zeigst Du auch mehr und mehr Deine verletzliche Seite. Was hat Dich dazu veranlasst?

Gunnar Sohn

Es vergeht kein Tag mehr ohne Tränen. Ich lernte Miliana am 21. April 2007 in der Beethovenhalle kennen und es war Liebe auf den ersten Blick. Das klingt vielleicht wie eine Liebesgeschichte aus einem Arztroman, aber ich kann es nicht anders ausdrücken. Seit diesem Tag waren wir ein Liebespaar. Seit diesem Tag lief mein Leben anders. Ich schrieb Liebesgedichte und freute mich über das Zusammensein mit der großen Liebe meines Lebens. Jede freie Stunde saßen wir zusammen und unterhielten uns über viele Dinge, die uns bewegten. Jeder Urlaub war von Harmonie geprägt. Wir verstanden uns auch ohne Worte. Miliana machte mich glücklich. Ihr Tod macht mich unendlich traurig. Ich muss gar nichts zeigen. Mich bekümmert der 6. Mai so sehr. Mit meiner großen Klappe komme ich da nicht weiter. Oder wie siehst du das? 

Annette gezeichnet von tutticonfetti

Das war es auch, was mich am Anfang so verwirrt hat: Da kennt man den mit der großen Klappe und auf einmal ist er das genaue Gegenteil. Wie überwindet man nun diese Distanz? Ich muss auch zugeben, dass ich zunächst meine Zweifel hatte, ob Dir das gut tut, öffentlich via Social Media zu trauern. Aber dann kamen tolle Reaktionen und ich hab mich daran erinnert, wie es ist, wenn ich über persönliche ernste Themen poste. Bisher hat da kaum jemand blöd reagiert, sondern es kommen hauptsächlich hilfreiche Beiträge von anderen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Manchmal noch lange nach der Veröffentlichung. Einige wenige Menschen sind allerdings auch ohne Vorwarnung einfach aus meinem Leben verschwunden. Hattest Du denn auch negative Reaktionen?

Gunnar Sohn

Man kann das Netz zu einem guten Ort machen nach dem Credo von Johannes Korten. Bei den Reaktionen auf meine netzöffentlichen Aktionen dominierten die positiven Reaktionen. Etwa die Crowdfunding-Aktion von Nina und Niko, beim Spendenaufruf von Hakan, bei den Kommentaren zur Europatour. Am Schluss gab es wohl aus dem Dunstkreis der Deutschen Bahn ein paar Kleingeister, die meine Enttäuschung über das bürokratische Serviceverständnis der DB relativieren wollten. Aber die haben nicht verstanden, in welcher mentalen Lage ich am Schluss der vierwöchigen Tour #FürMiliana war. Für mich war und ist das so eine Art Katharsis. Ich gehe nicht zur Tagesordnung über, sondern widme mich der Erinnerung an Miliana. Da geht es auch um eine andere Trauerkultur. In Deutschland dominiert eher das Schweigen über den Tod. Oder man reduziert die Kommentare auf R.I.P. Das ist in anderen Kulturkreisen ganz anders.

Annette gezeichnet von tutticonfetti

Das stimmt, ich kenne ja auch den Kulturkreis, aus dem Miliana stammte. Da werden die Verstorbenen aufgebahrt und noch andere Rituale durchgeführt, die für uns Deutsche sehr fremd sind. 

Mein Mann Thomas und ich hingegen haben damals erst mal abgewartet und uns nur vorsichtig angenähert. Man geht ja immer erst mal von den eigenen Erfahrungen aus. Aber durch Dich haben wir gelernt: Einfach fragen und dann das tun, was den Angehörigen am besten hilft.

Das ist ja auch auf andere Situationen anwendbar, in denen man erst mal nicht weiß, was man tun oder sagen soll. Zum Beispiel bei Krankheiten und anderen Lebensereignissen, die hierzulande eher tabuisiert sind. Einfach ehrlich sagen, dass man unsicher ist, wie man sich am besten verhalten soll und fragen, was der andere braucht. 

Das passt natürlich erst mal nicht zu der hippen Welt, die manche in Social Media vorzutäuschen versuchen. Da kommen negativ besetzte Themen oft nur als Charity-Cases oder als Abenteuerstory vor. Dabei heißt es doch immer, man solle authentisch sein. Dazu gehören nun mal auch die traurigen Themen im Leben. Aber das “skaliert” für so einen Influencer vermutlich nicht… Es gibt allerdings z.B. Bestatter, die auf Facebook oder Instagram  aktiv sind und da über Beisetzungsmöglichkeiten informieren. Aber auch so Groteskes wie den Hashtag #BestatterLifestyle… 

Hat sich Dein eigenes Verhalten gegenüber anderen, die Tabuthemen ansprechen, durch Deine Erfahrungen seit dem Tod von Miliana geändert?

Gunnar Sohn

Mich hat es schon immer gestört, wie schnell man Todesnachrichten mit R.I.P-Postings wegwischt. Dann sollte man lieber gar nichts posten. Generell bin ich sicherlich sehr viel sensibler geworden gegenüber Menschen, denen es nicht so gut geht. Ich finde es richtig und wichtig, offen für solche Themen zu sein – fernab von den Optimierungssprüchen im Social Web: Das geht mir immer mehr auf den Keks, also dieser Hang zu Superlativen. Da gibt es nur Gewinner, Helden, Coolness und überdrehte Heiterkeit. Das ist nicht meine Welt. Das Leben besteht aus Ecken und Kanten, aus guten und schlechten Zeiten, aus Leid und Freud, aus Trauer, Melancholie, Nachdenklichkeit und auch Einsamkeit. Zudem ist für mich die Erinnerungskultur sehr wichtig. Sei es die Geschichte meines Großvaters, meines Vaters, meiner Mutter, meiner Oma und von meiner großen Liebe Miliana. Wer meine Publikationen ein wenig verfolgt, wird über diese und andere Menschen, die mein Leben prägten und immer noch prägen, eine ganze Menge erfahren. Das habe ich mir zur Lebensaufgabe gemacht.

Annette gezeichnet von tutticonfetti

Es ist interessant zu sehen, wie die Leute darauf reagieren. Einige posten sehr liebevolle, unterstützende Worte, andere sind sichtlich überfordert oder wechseln möglichst schnell das Thema. Gerade diejenigen, die sich gern groß und wichtig darstellen, entlarven sich spätestens hier selbst. Denn angesichts von Tod, Trauer und Verlust gibt es nunmal keine hippen Reaktionen, sondern da zeigt sich, wer Empathie für andere hat und wer nicht. Und wer offen darüber reden kann, selbst schon mal Ähnliches erlebt zu haben und wie er/sie sich damit fühlt. Man muss sich ja auch erst mal darauf einlassen, sich zu öffnen. Das können viele ja nicht mal offline. Hast Du denn den Eindruck, dass Du mit diesen Beiträgen etwas bewegst? Und wenn ja, was? Bei wem? Was würdest Du Dir wünschen, mit Deinen Beiträgen zu erreichen?

Gunnar Sohn

Ich selbst habe nicht den Anspruch, etwas zu bewegen. Für mich ist das Social Web ein natürlicher Wegbegleiter, um auch meine Emotionen mitzuteilen und auf das Leben von Miliana hinzuweisen. Dennoch hat meine öffentliche Trauer wohl einige Menschen sehr berührt. Einige denken über ihr eigenes Leben nach und verändern sogar ihr Verhalten gegenüber Mitmenschen – in der Ehe, in der Freundschaft, am Arbeitsplatz. Mir wird das in Briefen, über Direktnachrichten und in Gesprächen übermittelt. Zentrale Frage: Was kann ich jetzt für Menschen tun, die mir wichtig sind? Kein Vertagen auf morgen oder übermorgen. Zeigt Eure Liebe, zeigt Eure Zuneigung, verwöhnt Eure Lieblingsmenschen. Beschenkt sie, macht tolle Reisen, genießt das Zusammensein. Nichts ist für ewig. Denkt auch an praktische Dinge wie Testament, Kontovollmachten und solche Sachen, mit denen man sich nicht gerne beschäftigt. Das ist aber wichtig.

Annette gezeichnet von tutticonfetti

Vielen Dank, dass Du Deine Erfahrungen mit uns allen teilst, Gunnar! Ich glaube, Du hilfst damit vielen Menschen und machst es anderen auch leichter, Dir beizustehen. Mir hat es auch bei einem eigenen Trauerprozess geholfen, Dich auf Deiner Europatour zu begleiten. Und noch einmal Danke, dass Du dieses Bloggespräch mit mir geführt hast.

Über meinen Gesprächspartner

Gunnar Sohn

Gunnar Sohn ist Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten. Nach dem Tod seiner Frau Miliana fuhr er mit seinem eBike über 3000km durch Europa, um ihr Engagement gegen Rassismus und für die europäische Idee fortzuführen.

Fotos von Gunnar: Annette Schwindt


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