Gute Beziehungen – Ein Bloggespräch mit Saskia Kuhmann

Etwas, das wir durch die Pandemie sicher noch stärker zu schätzen gelernt haben, sind gute Beziehungen zu anderen Menschen. Ob das nun Partner sind, oder Freunde, oder Familie, oder auch geschäftliche Verbindungen. Letztendlich geht es immer um Menschen. Dieses wie ich finde sehr schöne Thema hat mir meine heutige Gesprächspartnerin via Twitter vorgeschlagen. Im Zuge dieses Bloggesprächs werden wir nun auch unsere eigene Beziehung formen, denn wir kennen uns bisher noch überhaupt nicht. Los geht‘s:

Annette Schwindt

Liebe Saskia, ich freue mich, dass Du Dich gemeldet und dieses wunderbare Thema vorgeschlagen hast. Was hat Dich dazu inspiriert und was hat den Ausschlag gegeben, Dich dazu bei mir zu melden? 

Gesundheit und Resilienz

Saskia Kuhmann

Liebe Annette, wie schön, dass wir uns über dieses besondere Format kennenlernen. Da ich es schätze, im Austausch zu lernen, Neues auszuprobieren und zu schreiben, blieb mir gar nichts anderes übrig, als mich bei dir für ein Bloggespräch zu melden. Eine tolle Idee! Jetzt bin ich wahnsinnig gespannt, wohin sich unser Gespräch über gute Beziehungen entwickelt und zu welchen Erkenntnissen wir gelangen. 

Inspiriert hat mich, dass gute Beziehungen als gesundheits- und resilienzfördernd gelten. Gleichzeitig sind Einsamkeit und soziale Isolation gesellschaftliche Herausforderungen des digitalen Zeitalters. Die Pandemieerfahrung hat dazu geführt, dass es eine gesamtgesellschaftliche Erfahrung wurde. Wenn wir einerseits gute Beziehungen für unsere Gesundheit brauchen und wir gesellschaftlich gerade eine entgegengesetzte Entwicklung feststellen, sehe ich Handlungsbedarf. Ich stelle mir auch ganz persönlich die Frage, wie ich meine Beziehungen gut gestalten kann.

Was glaubst du, sind Ursachen für die zunehmende Belastung unseres Beziehungslebens und nimmst du selbst diese Belastung überhaupt wahr?

Sich selbst kennen

Annette Schwindt

Das sind spannende Fragen Ich selbst habe die meisten meiner inzwischen aktiven Beziehungen auf digitalem Wege angefangen, manche davon pflege ich auch größtenteils nur so. Das liegt aber vermutlich daran, dass ich digital nicht anders kommuniziere als analog. Ich verstelle mich nicht und habe auch keine Probleme, mich schriftlich oder im Videochat natürlich auszudrücken. 

Das hinzukriegen, ist offenbar für viele ein großes Problem und deshalb schaffen sie es auch nicht, digital echte Beziehungen aufzubauen. Meistens sagen sie dann, dass ihnen die nonverbalen Signale fehlen. Für mich ist das hingegen eine Erleichterung, weil es die Reizflut minimiert und ich mich so besser aufs Wesentliche konzentrieren kann. Ich ziehe das Digitale dem Analogen daher – gerade zum Kennenlernen – vor. Meist erst schriftlich, dann telefonieren, dann videochatten und wenn das gut klappt, dann auch analog.

Interessanterweise hilft das Digitale aber auch manchmal in größeren Gruppen. Unsere Hausgemeinschaft war zum Beispiel nur vereinzelt offline vernetzt, als ich kurz vor Beginn der Pandemie eine Whatsapp-Gruppe für die Bewohner gegründet habe. Seitdem ist auch der analoge Kontakt viel herzlicher und häufiger und externe Ansprechpartner wie Hausverwaltung, Hausmeister oder Handwerker werden entlastet, weil nicht mehr alle Partien wegen derselben Sache anrufen. Statt dessen wird das in der Gruppe geklärt und dann kümmert sich einer für alle darum.

Ich habe viele Beispiele aus der eigenen Erfahrung, wo auf digitalem Wege gute Beziehungen entstanden sind und auch gepflegt werden. Sogar meinen Mann hab ich so kennengelernt (und das nicht über ein Datingportal). Aber dazu muss man sich zuerst mal selbst kennen und sich auch wirklich auf andere einlassen können – und da hapert es meines Erachtens bei vielen, oder was denkst Du?

Chancen nutzen

Saskia Kuhmann

Absolut. Gute Beziehungen beginnen bei der Beziehung zu sich selbst. Natürlich ist es viel einfacher, die Verantwortung bei anderen zu suchen. Klar, kein Händeklatschen stammt allein von einer Hand, nur braucht es eben auch die eigene Hand. Ich kann nicht nur von anderen erwarten, dass sie ihren Teil beitragen, sondern muss auch selbst beitragen. 

Selbsterkenntnis ermöglicht es, mich selbst in anderen zu erkennen und so Verbindung herzustellen. Sichtbar zu sein im Eigenen ermöglicht es wiederum anderen, Anknüpfungspunkte für eine Beziehung zu finden. Das gilt im virtuellen wie im physischen Raum. Gute Beziehungen können an jedem Ort entstehen, wie deine persönliche Geschichte eindrücklich zeigt und wie ich es auch schon erlebt habe. 

Allerdings bedeutet Selbsterkenntnis auch, sich mit den eigenen Schattenseiten und unerwünschten Gefühlen auseinanderzusetzen. Davor haben viele Angst, was ich auch nachvollziehen kann. Es fühlt sich nicht immer angenehm an. Allerdings wurde ich für den Mut, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen, immer belohnt und habe auch die Erfahrung gemacht, dass es mir immer leichter fällt, mich wirklich einzulassen und meine Beziehungen sich verbessert haben.

Mir gefällt gut, wie du die Chancen beschreibst, die sich für dich und dein Umfeld aus der Kombination von digitaler und analoger Beziehungspflege ergeben haben. Daran zeigt sich, es braucht eine Person, die einen Impuls gibt und andere Personen, die mitmachen. Hier bewege ich mich selbst noch oft in der Komfortzone und lasse gerade im Alltag Chancen ungenutzt, weil ich mich noch nicht traue.

Du hast noch einen wichtigen Punkt genannt, den es m. E. für gute Beziehungen braucht. Du kennst dich nicht nur selbst, sondern du drückst dich auch natürlich, also deiner persönlichen Natur entsprechend, aus. Dabei wählst du ganz bewusst die Kommunikationskanäle, die deiner Persönlichkeit entsprechen. Wunderbar! 

Du beschreibst sehr anschaulich, wie für dich der Aufbau einer Beziehung beginnt und dass du schrittweise andere Kommunikationskanäle wählst. Was brauchst du von der anderen Person, damit du andere Kanäle wählst? Und wie hat das für dich mit dem Aufbau von Nähe und Vertrauen zu tun?

Echte Gespräche führen

Annette Schwindt

Mein Gegenüber sollte echt sein und nicht versuchen, mir was vorzuspielen. Es sollte ein wirkliches Gespräch zustande kommen, bei dem wir beide Lust auf mehr bekommen, weil wir uns wirklich für den anderen und was er zu sagen hat interessieren.

Früher hätte ich gedacht, das sei doch bei jedem so. Inzwischen habe ich leider lernen müssen, dass viele Menschen das als zu anstrengend empfinden. Für mich ist alles andere aber vergeudete Zeit, zumal ich zu Smalltalk oder Schöntuerei gar nicht fähig bin. Andere brauchen das wohl zum Warmwerden, deshalb habe ich gelernt, das zu imitieren. Das wird ja – gerade von Frauen – gesellschaftlich so erwartet. Aber mich strengt das sehr an, deswegen versuche ich es kurz zu halten.

Wenn ich mit mehreren Leuten gleichzeitig zu tun habe, dann nach Möglichkeit nur in einem überschaubaren Kontext. Sonst überfordert mich das schnell. Wenn ich es absolut nicht vermeiden kann, mich in ein unbekanntes Umfeld zu begeben, dann brauche ich einen „Lotsen“, an den ich mich halten kann. Oder ich muss mich wieder so anstrengen, dass ich danach für mehrere Tage Rückzug brauche. Alles andere macht auch mein Körper gar nicht mehr mit. 

Für manch andere bestehen gute Beziehungen eher aus Äußerlichkeiten: Aussehen, Status, Geld… und vorgegebene Schablonen, was wer wie zu tun und zu denken hat. Mit solchen Menschen bekomme ich gar nicht erst ein Gespräch zustande und die können mit mir auch nichts anfangen. 

Was sind für Dich gute Beziehungen und wie baust Du sie auf?

Leichtigkeit bewahren

Saskia Kuhmann

Da ticken wir sehr ähnlich, Annette. Schauspielerei erspüre ich sofort und sie langweilt mich zutiefst. Die Person verschwendet meine Energie (und vermutlich auch die eigene). Es soll ein bestimmter Eindruck erzeugt werden, der nicht verlässlich ist und die Beziehungsebene stört. Früher habe ich mich darüber noch aufgeregt, heute investiere ich einfach keine Energie mehr. Wenn mir nahe stehende Personen in den Schauspiel-Modus kippen, spreche ich es an.

Smalltalk musste ich auch lernen. Oberflächliches Geplänkel liegt nicht in meinem natürlichen Wohlfühlbereich, genauso wenig wie oberflächliche Komplimente zu verteilen. In Frauengruppen ist das “Blümchen werfen” ein Warmwerden in der Gruppe und gehört zum guten Ton. Das habe ich mittlerweile gelernt. Ich achte aber darauf, nur ernst gemeinte Komplimente zu geben, da ich mich sonst falsch fühle und es mich energetisch auslaugt. Ich fühle mich da auch im Zwiespalt. Beim Smalltalk handhabe ich das ähnlich und versuche gemeinsame Themen zu finden, die mich wirklich interessieren und womöglich sogar Anknüpfungspunkte für ein gutes, tiefergehendes Gespräch bieten. 

Mein erster Impuls zur Definition guter Beziehungen war gerade eine Vielzahl an Kriterien aufzulisten wie beispielsweise Wohlwollen, Vertrauen, Wertschätzung, Akzeptanz, Unterstützung, gemeinsame Zeit und Erlebnisse. Sicherlich sind das Kriterien, die dazu führen, dass wir Harmonie erfahren. Allerdings entscheidet sich die Qualität einer Beziehung m. E. in schwierigen Situationen. Eine gute Beziehung hält Konflikte, Krisen und Distanz aus, respektiert Persönlichkeit, Bedürfnisse und Grenzen und erlaubt, dass man mit und aneinander wächst. Ohne einen wiederkehrenden Ausgleich durch Leichtigkeit und Freude, leidet eine Beziehung allerdings auf Dauer. Es braucht also aktives Ausbalancieren, Verhandeln und Gestalten. Das Wichtigste ist, in Verbindung zu bleiben.

Beim Beziehungsaufbau vertraue ich meiner Intuition. Ich kann im unmittelbaren persönlichen Kontakt sehr schnell Verbindung aufbauen und einen Menschen erspüren. Daher variiert dann auch das Tempo, wie schnell ich vertraue und Nähe aufbaue. Das kann sehr schnell gehen oder sich über längere Zeit aufbauen, je nach Dynamik des Miteinanders. Es beginnt für mich immer damit, dass ich jemanden sympathisch und interessant finde und eine zufällige Begegnung uns zusammenführt. Bisher waren für mich vor allem persönliche Treffen und Gespräche wichtig, um Beziehungen zu vertiefen. 

Allerdings lerne ich gerade, digitale Formate für den Aufbau von Beziehungen zu nutzen. Gerade in Kontakt zu kommen, ist über digitale Netzwerke unfassbar einfach und bietet ein Meer an Möglichkeiten. Allerdings fällt mir das Erspüren digital schwerer und mein Filterprozess von oberflächlichen und wirklich wertvollen Kontakten funktioniert analog doch besser. Wenn es darum geht, Beziehungen zu vertiefen, sind weiterhin gemeinsame Zeit und Gespräche wesentlich. In unserem Bloggespräch lerne ich gerade, dass das auch schriftlich erfolgen kann.

Wie schaffst bzw. bewahrst du Leichtigkeit und Freude in deinen Beziehungen und hast du in der Pandemie hier aktiv etwas dafür getan? 

Sprache und Humor

Annette Schwindt

Ja, man kann auch in einem Bloggespräch eine Beziehung aufbauen, wenn man es mit Empathie tut. Es haben aber nicht alle das nötige Sprachgefühl, um da entsprechend zu kommunizieren. Bei anderen ist es wiederum völlig natürlich. Ich denke, dieses natürliche Kommunizieren online hat auch damit zu tun, ob man diese Form gewohnt ist, oder nicht. Jemand der mit digitaler Kommunikation aufgewachsen ist, tut das von ganz allein.

Wie Du schon sagst, lernt man sich digital über gemeinsame Kontakte oder Themen kennen. Das ist analog aber nicht anders, fällt einem bloß nicht so auf, weil es nicht so konzentriert passiert wie digital. Wirklich zufällig ist es analog meistens nicht, wenn man jemanden kennenlernt. Man begegnet nur mehr Menschen.

In der Pandemie hat sich daher für mich nicht viel geändert. Es war vielmehr plötzlich okay, das so zu machen wie ich das schon immer am liebsten praktiziert habe. Viele andere hat es aber unvorbereitet getroffen und sie mussten es erst für sich erarbeiten. Für mich wird es indessen wieder schwierig, wenn die Kontaktbeschränkungen vorbei sind und erwartet wird, dass man sich wieder verstärkt analog und in Gruppen trifft. Das ist übrigens für viele ein Problem.

Für Freude brauche ich kein analoges Treffen. Die kommt mit dem Humor in eine Beziehung und über das Teilen gemeinsamer Interessen und Erlebnisse (und die gibt es auch digital). Es gibt Menschen, bei denen weiß ich, dass ich unter zwei Stunden Gesprächsdauer gar nicht erst zu planen brauche, weil wir immer mehr als genug Themen haben. Das kommt ja auch immer auf die Mentalität meines Gegenübers an. Wie sich herausstellte, kann man selbst wenn Sprache nicht mehr funktioniert, noch digital eine Beziehung pflegen. Analog ist das für mich nur eins zu eins oder maximal in sehr kleinen Gruppen angenehm.

Was genau meinst Du mit Leichtigkeit? Bei mir haben gute Beziehungen eher was mit Tiefe zu tun. 

Aufrichtigkeit und Vertrauen

Saskia Kuhmann

Nach meinem Verständnis schließen sich Leichtigkeit und Tiefe nicht aus. Vielleicht ist es sinnvoll den Begriffen noch etwas nachzuforschen. Tiefe bedeutet für mich, dass zwischen Menschen ein Band entsteht, eine Bindung. Dazu braucht es Aufrichtigkeit und Vertrauen im Miteinander und die Bereitschaft sich als Mensch in seinem Sosein zu zeigen. Offenheit hilft, diese Tiefe zu entwickeln. Ich finde, dass haben wir in unserer Annäherung an das Thema “gute Beziehungen” sichtbar machen können. 

Beziehungen können allerding innig und gleichzeitig von einer gewissen Schwere getragen sein. Man begleitet sich in herausfordernden Situationen und vergisst dabei womöglich die Lebensfreude. Stattdessen umkreist man gemeinsam weiter das Problem und verhakt sich in der Schwere des Lebens. Dann kann man sich auch schnell mal gegenseitig blockieren. Wenn Gespräche und Erlebnisse von dieser Schwere getragen werden oder eine Person in der Beziehung sich in diese Schwere zurückzieht, wird es – zumindest für mich – kraftraubend. Ich brauche also bei aller Innigkeit in meinen Beziehungen auch die Leichtigkeit der Lebensfreude und des gemeinsamen Kontakts. 

Leichtigkeit bedeutet für mich ganz konkret, darauf zu achten gemeinsam zu lachen und Freude zu erleben. Ein essentieller Energiebooster ist für mich, auch in schwierigen Situationen meinen Humor zu bewahren. Über sich selbst und das Leben lachen zu können, macht so vieles leichter. Und ich achte darauf, dass ich schöne Erlebnisse für mich und andere schaffe, bei denen wir uns von Problemen ablenken können, einfach nur miteinander sein und auch mal Quatsch machen können. Und wenn die andere Person in der Beziehung ebenfalls darauf achtet, kann man sich in schweren Zeiten gegenseitig Energie geben. Die Qualität einfach miteinander sein und Zeit verbringen zu können, habe ich gerade in der Pandemie noch mal besonders schätzen gelernt.

Leichtigkeit bedeutet für mich übrigens auch, dass es einfach ist, mit Personen den Kontakt zu halten. Ich mag zum Beispiel, dass du bei unserem Bloggespräch gleich gesagt hast, dass wir uns mit den Antworten auf die Fragen der anderen Person keinen Stress machen. Gleichzeitig ist für mich aber klar, dass ich dir einigermaßen zeitnah antworte und daran interessiert bin, dass unser Gespräch im Fluss bleibt. 

Leichtigkeit bedeutet für mich auch, dass ich Stellung beziehe und klar kommuniziere, was ich will oder auch was ich nicht will. In der Pandemie habe ich insbesondere während des letzten, sehr lange dauernden Lockdowns gemerkt, dass der Kontakt mit einigen Personen sehr schleppend wurde. Teilweise blieben sie Antworten schuldig oder sie kamen sehr verzögert. Ich merke, dass mich das anstrengt und für mich dann die Leichtigkeit im Kontakt verloren geht. Ich denke Bindung braucht auch Verbindlichkeit.

Macht für dich die Beziehungsgestaltung im beruflichen Umfeld eigentlich einen Unterschied zum privaten Umfeld? Wie hältst du es da mit der Tiefe? Und was bedeutet für dich die Rückkehr zu Präsenztreffen im Beruf als Person, für die die digitale Welt eine Art Energieschutz bildet?

Pandemie als Katalysator

Annette Schwindt

Vieles von dem, was Du da jetzt unter Leichtigkeit gefasst hast, würde ich eher bei Tiefe einordnen. 🙂 Leichtigkeit bedeutet für mich auch, dass man zusammen lachen kann und sich miteinander wohl fühlt. Wenn ich sowohl Leichtigkeit als auch Tiefe mit jemandem erlebe, dann ist das eine ideale Beziehung. 

Zu Deiner Frage zu privat und beruflich: Bei mir gab es wie gesagt auch schon vor der Pandemie nicht die traditionelle Trennung von Arbeit und Leben. Ich bin mit und für andere tätig und das dann, wenn ich gebraucht werde, als Teil meines Lebens. Ich bin auch nur dann für andere tätig, wenn wir ein gewisses Mindestmaß an guter Beziehung aufbauen können. Für mich ist das bei einer Zusammenarbeit entstehende Sozialkapital viel wichtiger als die finanzielle Seite, Status oder Leistung.

Feste Arbeits- und Öffnungszeiten kenne ich nicht. Da ich außerdem ein Nachtmensch bin, lege ich Tätigkeiten, wie Lektorat, bei denen man Ruhe braucht, gern auf die Zeit nach dem Abendessen und schlafe dann dafür morgens so lange, bis ich von selbst wach werde. Das tut meinem Körper gut und damit hab ich dann auch mehr Energie für meine Tätigkeiten.

Offlinetreffen hatte ich auch vor der Pandemie aus den genannten Gründen schon weniger als andere. Ich freue mich natürlich darauf, bestimmte Menschen offline wieder zu sehen, die weiter weg wohnen, und anderen, die ich inzwischen digital kennengelernt habe, auch offline zu begegnen. Vor allem freue ich mich auf meine sehr vermissten Spaziergänge am Rhein. Das wird mich aber erfahrungsgemäß erst mal richtig Kraft kosten und ich muss mich da langsam rantasten… Gute Beziehungen bedeuten für mich auch, dass der/die andere das akzeptieren kann und nicht versucht, mich in Situationen zu zwingen, die mir nicht gut tun. 

Ich glaube, da habe ich in der Pandemie auch noch deutlicher als vorher gemerkt, auf wen ich mich verlassen kann und wer nur ein Schönwetterfreund ist. Hast Du ähnliche Erfahrungen gemacht?

Grenzen respektieren

Saskia Kuhmann

Super Frage. Darüber musste ich eine Weile nachdenken. Ein Zeichen für übermäßige Belastung ist sozialer Rückzug. Gleichzeitig ist eine wesentliche Säule für Resilienz, also die Bewältigung von Krisen, Beziehungspflege. Hier habe ich in meinen Beziehungen beides erlebt: Menschen, die sich zurückgezogen haben und Menschen, die sich um die Beziehung zu mir gekümmert haben. Ich habe auf jeden Fall noch deutlicher als vorher gemerkt, dass ich gute Beziehungen nicht alleine gestalten kann, sondern beide die Beziehung pflegen müssen. Und ich denke, ich bin noch besser darin geworden, liebevoll meine Grenzen zu setzen und meine Energie zu schützen.

Wenn Menschen sich sozial zurückziehen und die Beziehungsangebote, die ich mache, ausschlagen, dann muss ich das akzeptieren, auch wenn es mir schwer fällt. Manchmal wird darüber leider die Vertrauensbasis gestört und muss wieder aufgebaut werden, wenn die Person wieder in Beziehung treten will. Es kann aber natürlich auch passieren, dass man sich über diese Zeit entfremdet, weil man nicht mehr richtig Teil am Leben des anderen hat. Menschen entwickeln sich ja auch weiter und machen neue Erfahrungen. Ich bin sehr erleichtert, dass das in den für mich wichtigen Beziehungen scheinbar nicht der Fall ist und sie sich wieder normalisieren. 

Wenn die Belastungen im Leben zu hoch sind, dann können auch eigentlich zuverlässige Beziehungen an Qualität verlieren. Die Frage ist, ob es eine grundsätzliche oder eine temporäre Beziehungsstörung ist, die sich wieder beheben lässt. Der Bewältigungsprozess von Krisen umfasst für mich immer, dass man seine Beziehungen noch mal reflektiert und auch justiert. Man lernt Menschen genauer kennen und erkennt zum Beispiel die Schönwetterfreunde oder auch die Nutznießerfreunde, aber eben auch die wahren Freunde. Und natürlich muss man sich selbst auch die Frage stellen, welcher Typ Freund man für andere ist. Solche Klärungsprozesse sind ja wahnsinnig heilsam.

Einen Punkt, den du angesprochen hast, fand ich besonders bemerkenswert. Gute Beziehungen bedeuten für dich, dass andere deine Bedürfnisse und persönlichen Grenzen akzeptieren und dich nicht in Situationen drängen, die dir nicht gut tun. Das ist für mich mittlerweile in Beziehungen essentiell und ich stimme dir vollständig zu. Je größer der Druck auf den Einzelnen und je geringer die Kompetenz der persönlichen Selbstfürsorge, desto eher ist m. E. die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen die Bedürfnisse und Grenzen anderer nicht achten. 

Hinzu kommen die gesellschaftlichen Tendenzen zur Individualisierung, die eine Haltung der Rücksichtslosigkeit befeuern. Diese Haltung ist absolut schädlich für gute Beziehungen. Es braucht die Balance zwischen Ich und Du. Und genau in diesem Raum zwischen Ich und Du wachsen wir persönlich und können auch heilen. Grenzen setzen und Grenzen achten ist für mich eine Kernkompetenz der Beziehungsgestaltung zu sich selbst und anderen.

Der Aushandlungsprozess um die eigenen Grenzen und Bedürfnisse kann in Beziehungen natürlich auch Konflikte erzeugen, die der Klärung dienen. Auch das Bereinigen von Beziehungsstörungen kann Streit erfordern. Wie gehst du mit Konflikten um und was ist dir in Konflikten besonders wichtig? Kannst du dich gut streiten?

Konstruktiv streiten

Annette Schwindt

Oje, ich mag Konflikte gar nicht. Wenn es aber sein muss, dann ist es mir wichtig, nicht im Streit auseinander zu gehen, da ungelöste Situationen in meinem Kopf in Endlosschleife gehen und sich auch schnell körperlich bemerkbar machen. 

Ob ich gut streiten kann, das kann ich schlecht selbst beantworten. Also hab ich meinen Mann Thomas gefragt. Er sagt, ich bemühe mich immer um konstruktives Streiten ohne den anderen zu beschimpfen oder absichtlich zu beleidigen. Da habe ich von ihm als ausgebildeten Mediator aber bestimmt auch einiges gelernt. Wie man möglichst gewaltfrei kommuniziert, indem man das, was einen ärgert als Ich-Botschaften formuliert. Also nicht: „Du räumst nie deine dreckigen Socken weg, immer muss ich das machen!“, sondern: „Ich mag es nicht, wenn deine dreckigen Socken rumliegen. Ich fände es besser, wenn Du sie nach dem Ausziehen direkt in den Wäschekorb werfen würdest.“

Wir streiten allerdings ziemlich selten, da wir über wirklich alles miteinander reden können. Das ist für mich das Wichtigste in jeder Beziehung, egal ob Partner, Familie oder Freunde. Das funktioniert aber nur, wenn beide Seiten zu einem konstruktiven Gespräch bereit sind. 

Sobald einer ausfallend wird, oder rumschreit, bin ich raus. Wenn das nicht geht, benutze ich die Spiegelmethode: Alles wiederholen, was der andere einem an den Kopf wirft. Wenn er also schreit „Du blödes Arschloch, Du bist ja das Dümmste, was rumläuft“, wiederholt man ganz ruhig und sachlich seine Aussagen „Ja, ich bin usw.“ und bleibt dabei fest vor ihm stehen und schaut ihm in die Augen. Dabei wird vielen erst klar, was sie da machen. Meist werden sie dann zuerst noch lauter, aber dann versuchen sie der Situation zu entkommen und gehen von selbst weg. Die Methode hat mir eine Mitschülerin beigebracht, deren alkoholkranker Vater verbal und physisch gewalttätig war. 

Aber zurück zu guten Beziehungen: Letztendlich geht es dabei immer um dasselbe: Um verschiedene Formen oder Grade von Liebe:

„Jeder Mensch, der Dir wichtig ist und dem Du wichtig bist, ist mit Dir in Liebe verbunden. Egal ob das Deine Familie ist oder Freunde oder ein Partner. Ganz egal, das ist alles Liebe. Nur eben in verschiedenen Formen. Und diese Liebe ist wie ein Band zwischen Dir und diesen Menschen. Mal ist es breit und stark, manchmal nur ganz zart.“

(R., In alle Ewigkeit)

Als ich das begriffen habe, hat das mein ganzes Weltbild verändert. (Die Geschichte, aus der dieses Zitat stammt, ist übrigens exakt so passiert. Ich habe 14 Jahre gebraucht, um sie aufschreiben zu können. Seitdem hat sie vielen Menschen geholfen.)

Ich glaube, Du und ich haben in diesem Gespräch auch ein gutes Band geknüpft. Es würde mich freuen, wenn wir es weiter stärken würden. Und vielleicht hilft unser Gespräch ja auch anderen? Danke, dass Du Dir die Zeit dafür genommen hast, ich überlasse Dir hiermit das Schlusswort:

Bande knüpfen

Saskia Kuhmann

Ein wunderbares Zitat aus einer ganz berührenden Geschichte, liebe Annette, die mich auch deshalb sehr anrührt, weil so viel universelle Wahrheit in ihr liegt. Das Band der Liebe trägt uns durch das Auf und Ab des Lebens, durch Nähe und Distanz, durch Konflikt und Versöhnung. 

Ich kann mich übrigens leidenschaftlich streiten und richtig sauer werden, auch wenn ich die Methoden der gewaltfreien Kommunikation sehr schätze und auch umsetze. Seitdem klappt es übrigens besser mit der Lösung von Konflikten und die Fronten verhärten sich nicht mehr so leicht. Aber es gibt auch Situationen, in denen ich das Gefühl habe, auf den Tisch hauen zu müssen, damit man mich endlich ernst nimmt mit meinem Bedürfnis oder Anliegen. Sobald beide Parteien besser bzw. gewaltfrei kommunizieren ist Streiten allerdings viel angenehmer und es kommt meistens ein gutes Ergebnis für beide dabei heraus.

Meine Erfahrung beim Streiten bekräftigt allerdings auch dein Zitat. Wenn die Basis Liebe und gegenseitiges Wohlwollen ist, findet man nach einem Streit immer einen Weg zurück, selbst wenn er mal heftiger ausgefallen ist (immer vorausgesetzt die physische und psychische Sicherheit aller Personen bleibt gewahrt). Genauso wie du, kann ich Konflikt nicht so gut aushalten und bin sehr daran interessiert, eine Lösung zu finden, Harmonie schnell wiederherzustellen und wieder in eine gute Beziehung zueinander zu kommen.

Unser Gespräch über gute Beziehungen war für mich sehr wertvoll und ich freue mich über unser neu geknüpftes Band, das sich hoffentlich weiter festigt. Ich danke dir sehr für diese digitale Erfahrung, die in dieser Form ganz neu für mich war und die ich absolut schätzen gelernt habe, genauso wie unseren Austausch und dich als Person.

Abschließen würde ich gerne mit einem Wunsch: Ich denke, dass wir die Liebe als Urkraft des Lebens und gute Beziehungen als Glücksfaktor in unserer Ratio betonten Welt noch zu oft unterschätzen. Ich wünsche mir, dass sich noch mehr Menschen der Entwicklung ihrer Persönlichkeit und ihrer Beziehungen widmen, dass sie sich auf sich selbst und andere einlassen und dabei wieder in Kontakt mit ihrer Liebe und Freude kommen. Ich glaube, wir können beide aus eigener Erfahrung berichten, dass es sich lohnt und alle Mühe wert ist. 

Danke dir, für dieses schöne Gespräch und deine Offenheit.

Über meine Gesprächspartnerin

Saskia Kuhmann

Saskia Kuhmann begeistert sich leidenschaftlich für Menschen und jede Form von Kreativität. Nachdem sie lange als Führungskraft im Konzern tätig war und merkte, dass sich etwas ändern muss, stellte sie ihr Leben auf den Kopf und erfand sich noch mal neu. Heute lebt und arbeitet sie als Beraterin und Coach für achtsames und kreatives Leben und Arbeiten in Bielefeld. Sie hilft Menschen dabei, Veränderungen im privaten und beruflichen Umfeld mit Freude und Leichtigkeit zu bewältigen, auch wenn sie sich erschöpft, gestresst und überfordert fühlen. Außerdem begleitet sie Unternehmen dabei, gesunde und innovative Arbeitswelten zu gestalten. Sie hat ihre eigene Kreativität ganz neu entdeckt und probiert sich aus, indem sie malt, fotografiert, podcastet und bloggt. – saskiakuhmann.de

Titelfoto: Sakia Kuhmann
Avatar von Annette: tutticonfetti

In meiner Rubrik „Bloggespräche“ unterhalte ich mich mit einem Gegenüber über ein frei gewähltes Thema wie in einem Mini-Briefwechsel. Wer ebenfalls mal so ein Gespräch mit mir führen möchte, findet alle nötigen Infos dazu unter https://www.annetteschwindt.de/bloggespraeche/ und kann sich von dort direkt bei mir melden.


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