Keine Worte fürs Digitale – Ein Bloggespräch mit Hilge Kohler

Twitter ist einfach genial, wenn man mit neuen Menschen ins Gespräch kommen möchte. So haben sich auf meinen erneuten Aufruf nach Dialogpartnern für meine Bloggespräche hier gleich mehrere Leute gemeldet. Eine davon war Hilge Kohler, die das Herzensthema Sprache mit mir teilt. Beim ersten Kennenlernen via Direktnachricht kamen wir schnell auf das Ringen um Worte, wenn es um digitale Themen geht, zu sprechen. 

Annette Schwindt

Hallo, Hilge! Deine Themenidee gefällt mir richtig gut! Wie bist Du denn darauf gekommen, mir diese vorzuschlagen, und was interessiert Dich an dem Format des Bloggesprächs? 

Online und live präsent

Hilge Kohler

Deine Bloggespräche haben mich sofort begeistert, weil sie mir Lernen pur versprechen. Ich lerne, wenn ich schreibe, und ich lerne, wenn ich mit Anderen spreche. Hier kombinieren wir beides, und darauf freue ich mich. 

Als berufsmäßige Schreiberin finde ich es nicht leicht, das Schreiben als Lernformat zu nutzen. Wir Journalist:innen und Autor:innen sind ja mehr am perfekten Ergebnis interessiert als an dem, was auf dem Weg dorthin geschieht. Trotzdem versuche ich, das Schreiben auch zur Reflexion zu nutzen, Gedanken als Rohware aufzuschreiben und zu sehen, was dabei entsteht. Vielleicht kommen wir ja auch hier in unserem Bloggespräch auf ganz neue Gedanken. 

Jetzt zum Thema unseres Gesprächs: Am Online-Vokabular fasziniert mich, wie sprachlos es uns macht. Seit wir vor einem Jahr in den Lockdown gegangen sind, hat sich so viel Neues online entwickelt, neue Kontakte sind entstanden und wir haben gemeinsam viel erlebt. Aber immer wieder ging es darum, dass wir uns hoffentlich bald in Präsenz treffen können. Da habe ich mich gefragt: Ja, was machen wir denn hier? Sind wir nicht präsent? 

Ich merke das bei mir selbst. Als ich neulich eine Kollegin besuchte, die ich seit einem Jahr ständig online treffe, riefen wir uns freudig zu: “Toll, dass wir uns endlich live sehen!” Absurd, oder? Uns scheinen die Worte zu fehlen für das, was wir seit einem Jahr online erleben. Das finde ich spannend. 

Gibt es Worte oder Themen, die dich gerade sprachlos machen? 

Virtuell oder physisch, digital oder analog

Annette Schwindt

Diese Sprachprobleme sind mir nicht neu. Neu ist nur, dass es jetzt auch Menschen betrifft, die vorher nicht so viel digitale Erfahrung hatten. Ich arbeite seit bald 20 Jahren fast ausschließlich online, für mich war das jetzt also gar keine Umstellung. 

Ich setze mich schon lange dafür ein, den Menschen begreiflich zu machen, dass online nicht im Gegensatz zu real oder live steht. Wenn ich mit Dir videochatte, ist das ja auch live, also in Echtzeit. Was die Leute meinen, ist „physisch“. Online treffe ich mich virtuell, offline passiert es physisch. Online ist aber genauso real, live oder persönlich, denn auch da reden Menschen mit Menschen. Ich vergleiche das gern mit dem Telefonieren: Da würde auch keiner sagen, dass es nicht live, real oder persönlich wäre.

Leider liegt das Thema Medienkompetenz in Deutschland sehr im Argen. Das daraus resultierende Fehlverhalten vieler Leute und die Kommerzialisierung des Internets seitens der Unternehmen verbessern die Situation auch nicht gerade. Es gibt Initiativen, die das zu verbessern versuchen, aber das kommt mir bisher noch wie das Predigen in der Wüste vor. 

Was mich oft sprachlos macht, ist die krude Rechtsprechung in diesem Bereich. In vielen Fällen sind bestimmte Dinge inzwischen zwar offiziell strafbar, aber dann stehen Ländergrenzen und entsprechend verschiedene Rechtsprechungen einer effektiven Strafverfolgung im Weg. Gerichte treffen derweil Entscheidungen über digitale Sachverhalte, die auf analogen Erfahrungen basieren und digital teils gar nicht umsetzbar oder kontraproduktiv sind. Es ist manchmal echt zum Verzweifeln…

Was tust Du, wenn Du jemandem begegnest, der sich mit dem Benennen digitaler Gegebenheiten schwer tut?

Auch online persönlich Dialog führen

Hilge Kohler

Ich zeige auf, wie Sprache unser Denken prägt und welche Räume wir uns eröffnen, wenn wir unsere Sprache erweitern. Wie du sagst: Medienkompetenz ist in Deutschland ungleich verteilt. Ich arbeite oft mit Leuten, die sich nicht so versiert im virtuellen Raum bewegen. Und das zeigt sich in ihrer Sprache. 

Ein Beispiel: Ich analysiere seit Jahren die Reden von Unternehmenschefs auf ihren Hauptversammlungen. Im letzten Jahr mussten die Hauptversammlungen online stattfinden. Darauf waren die Firmen nicht vorbereitet. Sie mussten improvisieren, und das Ergebnis war ernüchternd. Die Redner starrten in die Kamera und lasen ihren Text vor, Interaktion mit dem Publikum blieb komplett aus. Die Standardbegrüßung: “Liebe Aktionärinnen, liebe Aktionäre, gern hätte ich Sie heute persönlich begrüßt.” 

Darüber kann man lächeln, aber ich finde es schade. Wenn der Redner sich nicht vorstellen kann, dass sein virtuelles Publikum “persönlich” da ist, dann wird er auch nicht den Dialog suchen. Dabei sollen Hauptversammlungen als Raum für diesen Dialog dienen. Chance vertan. 

Andere haben eine steile Lernkurve hingelegt. Ich denke an den Journalist Hajo Schumacher, den ich als Moderator auf einem Hybriden Kongress erlebt habe. Anfangs sprach Schumacher fast nur zum Publikum im Saal und erwähnte uns, die wir online dabei waren, beiläufig als “die Zuschauer am Bildschirm”. Das Publikum im Saal aber hielt sich schweigend zurück, während wir “Zuschauer” munter Fragen und Kommentare in den Chat posteten. Am zweiten Kongresstag begrüßte Hajo Schumacher uns freudig als “unsere neuen Hybriden da draußen” und dankte uns, dass wir uns so rege beteiligen. Lernkurve absolviert. 

Ich möchte noch einmal auf das zurückkommen, was du geschrieben hast. Du hast zwei große Themen angesprochen: Initiativen, um die Medienkompetenz der Deutschen zu verbessern, und die krude Rechtsprechung in diesem Bereich. Was meinst du damit?

Medienkompetenz fördern

Annette Schwindt

Es gibt ganz verschiedene Initiativen und das nicht nur für die Deutschen, von Einzelpersonen wie mir, die es via Blog oder Buch versuchen, über Kurse verschiedener Art bis hin zu Initiativen der EU oder weltweit. Manche sind auf bestimmte Anwendungsfälle spezialisiert (z.B. wie Eltern sicherstellen können, dass ihre Kinder sicher im Netz unterwegs sind), andere auf bestimmte Gruppen (z.B. Senioren) oder sie sind mit Förderungen verbunden (z.B. für mehr Frauen im Tech-Sektor). Die wirken aber weiter nur punktuell, solange es an der nötigen Infrastruktur fehlt und viele glauben, man müsse die Technik nur besitzen, um den digitalen Wandel zu vollziehen. Dabei geht es nicht bloß um Was oder Wie, sondern vor allem um Warum und Wozu! 

In Sachen Jurisdiktion gibt es inzwischen zwar auf Medienrecht spezialisierte Anwälte, darauf spezialisierte Gerichte gibt es aber nicht. Das fällt in die Zuständigkeit der allgemeinen Gerichtsbarkeit und die ist an bestehende Gesetze gebunden, die unsere digitalisierte Welt oft noch nicht in ausreichendem Maße berücksichtigen. Dabei kommen dann so wiederkehrende Fragen wie die in Sachen Uploadfilter raus, bei der jedem webaffinen Menschen klar ist, dass das technisch gar nicht wie gewünscht umsetzbar ist und außerdem möglicher Zensur den Weg bereitet. Entschieden wird das dann aber von Menschen, die keine Ahnung von diesen Themen haben – oder wie nannte Sascha Lobo das so schön? „Die dunkle Technikhörigkeit der Ahnungslosen“

Leider wird das Narrativ von der bösen bedrohlichen Technik gegenüber der rosaroten analogen Welt immer weiter gesponnen. Selbst jetzt, wo die Corona-Pandemie viele zum digitalen Kontakthalten und Arbeiten gezwungen hat und sicher viele auch die Vorteile davon zu schätzen gelernt haben, wird dem sprachlich immer noch eine längt nicht mehr existierende „Normalität“ entgegengesetzt. 

Es ärgert mich sehr, dass es in den Medien so wenig Verantwortungsbewusstsein dafür gibt, wie mit Worten Vorstellungswelten geschaffen oder fortgeführt werden. Schau Dir mal gängige deutsche Serien, Tatort oder andere Filme an. Da kommt das Internet in der Regel weiter als etwas vor, das mit Straftaten in Verbindung steht und/oder mit Nerds. Wenn Kinder oder Jugendliche es nutzen, dann nur im Zusammenhang mit Mobbing und Missbrauch und auf jeden Fall hält es sie davon ab, in die „reale Welt“ zu gehen (wo es nur grünes Gras und eitel Sonnenschein gibt?).

Wie lange hat es gedauert, bis selbst in den öffentlich rechtlichen Nachrichten angekommen ist, dass man zum Senden einer E-Mail keine Websiteadresse mit www benutzen kann, sondern dass man dafür eine Mailadresse mit @ benötigt? Oder dass es einen Unterschied gibt zwischen Homepage und Website? Stattdessen wird diese Gleichsetzung inzwischen sogar vom Duden akzeptiert. Ich hab manchmal das Gefühl, ich lebe in diesem Monty-Python-Sketch vom ungarischen Phrasenbuch (englisches Original)…

So fühlte ich mich auch, als Du Menschen angesprochen hast, „die sich nicht so versiert im virtuellen Raum bewegen“ und daraufhin Unternehmenschefs als Beispiel nanntest. Müssten die nicht gerade besser Bescheid wissen und mit gutem Beispiel voran gehen?

Sprachliches Versagen zeigt Teilung

Hilge Kohler

Gute Frage. Ja, es wäre traumhaft, wenn die Chefs großer Konzerne auch als persönliche Vorbilder fungierten. Aber das vermissen wir seit Jahren. Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Themen sind Mangelware, politisch hören wir allenfalls Forderungen nach Unterstützung, und in der Bildung finden wir Unternehmen auch nur, wenn sie Nachwuchskräfte suchen. Soviel zum Thema “Corporate Social Responsibility”. 

In der Digitalisierung steckt ja aber noch ein anderes Thema. Das sprachliche Versagen der obersten Firmenlenker ist für mich auch Ausdruck der Teilung, die wir gerade in den letzten Monaten bemerkt haben. Da stehen auf der einen Seite Leute wie Du, die sich zwischen analogen und digitalen Welten bewegen wie zwischen Wohnzimmer und Terrasse. Und auf der anderen Seite Leute, die bis heute nicht wissen, wofür es Hashtags gibt und wie sie in einer Konferenz ihren Bildschirm teilen. Und manchen geht es vielleicht wie Kindern, die auf dem Dreimeterbrett stehen und zögern, ins kalte Wasser zu springen: Je länger sie warten, desto mehr müssen sie sich überwinden. 

Jetzt kann man die belächeln, die noch am Beckenrand stehen. Ich finde es aber lohnender, wenn wir sie einladen, den Sprung zu wagen – damit diese Teilung nicht zur Spaltung wird. Du hast die vielen Initiativen angesprochen, die Medienkompetenz stärken wollen. Zu meinen Favoriten zählt Dagmar Hirche, die mit https://www.wegeausdereinsamkeit.de/ Senior:innen ans Internet führt. Ich fand es wundervoll, wie sie auch im Lockdown “das Internet versilbert” hat – und siehe da, auch Achtzigjährige chatten fröhlich mit Enkeln und entdecken, wie sie im Internet soziale Isolation überwinden können. Das ist ein anderes Narrativ als das, was du aus Tatort & Co genannt hast. Davon würde ich gern mehr hören.

Erinnerst du dich, wie Angela Merkel von einigen Jahren das Internet als “Neuland” bezeichnet hat? Ich vermute, du hast da laut gejault, oder? 

Realsatire und Bullshitbingo

Annette Schwindt

Ja, klar. Damals hat die ganze digitale Branche aufgeheult. Und danach wurde es ja nicht signifikant besser. 

Am krassesten ist mir das aufgefallen, als wir 2017 Besuch von Kai hatten, der seit einem Schlaganfall zwei Jahre zuvor wegen Aphasie Verständnisprobleme hatte. Vor dem Schlaganfall hatte er als langjährig erfahrener Netzmensch Vorträge zum digitalen Kulturwandel in Unternehmen gehalten. Als er dann bei uns war, schauten wir Nachrichten, in denen über Frau Merkels Besuch bei einer Wirtschaftsmesse berichtet wurde. Sie wurde gezeigt, wie sie sich sinngemäß so äußerte, dass man ja jetzt (2017!) nicht mehr um die Digitalisierung herumkomme und sich dann doch mal damit beschäftigen müsse. Da schaute mich Kai ungläubig an. Er hatte ja zwei Jahre lang wegen der Aphasie nicht viel mitbekommen, war aber davon ausgegangen, dass sich inzwischen einiges getan haben müsse. Also fragte er mich: „Satire?“ Als ich ihm antworten musste, dass es echte Nachrichten waren, hat ihn das echt geschockt…

Es gibt heute noch Unternehmen, die argumentieren, sie bräuchten sich um digitale Kommunikation nicht zu kümmern, weil sie ja so schon ausgelastet seien. Einige von ihnen dürften in der Pandemie damit auf die Nase gefallen sein, andere haben es immer noch nicht begriffen. Wieder andere haben vielleicht eine alte Website, die aber mobil nicht vernünftig nutzbar ist. Da kriegt man dann allen Ernstes heute noch zu hören: „Für Handy? Brauchen wir nicht, unser Chef hat keins. 

Wenn sie dann in der Not drauf kommen, dass es doch von Vorteil sein könnte, erwarten sie die eierlegende Wollmilchsau, die sofort den Umsatz hochtreibt. Erklärt man ihnen dann, dass es um Ansprechbarkeit und Vertrauensaufbau durch Gespräche geht, was zu positiver digitaler Mundpropaganda führt, dann flüchten sie erst mal lieber zu Beratern oder Agenturen, die ihnen kurzfristige Erfolge versprechen und halbgare Schubladenlösungen verpassen, die aber mit englischen Buzzwords superwichtig klingen (die sie aber nicht wirklich verstehen, weil es mit ihrem Englisch ähnlich steht wie mit ihren digitalen Kenntnissen). Wenn das dann nicht klappt, sind die Plattformen schuld. Ich habe ja gerade kürzlich ein anderes Bloggespräch über diese Zustände geführt. Und bei der Digitalisierung geht es ja nicht nur um Social Media oder digitale Arbeitsprozesse, da geht es um einen grundlegenden kulturellen Wandel der Gesellschaft.

Wer schon mit den Grundlagen Probleme hat, wie Du es gerade beschrieben hast, der kann natürlich auch nicht unterscheiden, ob er:sie es mit seriösen Beratern zu tun hat, oder Bullshitbingo verkauft bekommt. Was würdest Du anderen raten, wie sie sich am besten auf Stand bringen können und woran sie gute Hilfe erkennen können?

Immer noch Neuland

Hilge Kohler

Auf jeden Fall selbst drüber nachdenken und sich in die Materie einarbeiten. Ansonsten bin ich überzeugt von der Kraft des eigenen Netzwerks. Wenn ich einen Kontakt brauche oder ein Thema recherchiere, dann frage ich in meine Communities. Twitter finde ich fantastisch, um Expert:innen in Themen zu finden, in denen ich mich nicht auskenne. LinkedIn nutze ich für Themen, die mir fachlich näher liegen. Und wenn es um Expertise in einem meiner Fachgebiete geht, dann frage ich meist eine meiner Communities. 

Wenn es darum geht, sich in ein neues Thema einzuarbeiten, dann finde ich Working Out Loud (WOL) super, oder LernOS als Open Source Variante. Gerade Working Out Loud ist interessant für Menschen, die Souveränität im Online-Netzwerken gewinnen wollen. Aktionen wie WOL FrauenStärken von Katharina Krentz und Monika Struzek bieten Neulingen einen geschützten Raum mit einer geschlossenen Community. Das ist wertvoll, weil viele unabhängig vom Alter anfangs Berührungsängste haben. Und je mehr Hate Speech wir erleben, desto größer und manchmal auch valider werden diese Berührungsängste. 

Ein Wort noch zum Merkel’schen Neuland: Ja, das war damals lustig. Aber offenbar hatte Merkel recht. Kaum einen Satz von ihr habe ich so oft im letzten Jahr wieder gehört, oft zitiert mit dem Hinweis: Ja, damals haben wir alle gelacht, aber eigentlich stellen wir gerade fest, dass es vielerorts wirklich noch Neuland ist – gerade in Unternehmen, an die sie sich ja damals gewandt hat. Im Rückblick wirkt diese Belustigung auf mich wie ein Fall für den Spruch “Don’t shoot the messenger”. 

Was glaubst du, wie viel wir als Gesellschaft in den letzten 1,5 Corona-Jahren gelernt haben? Glaubst du, wir sind alle miteinander “digitaler geworden”? Haben wir das Neuland erkundet und den virtuellen Raum begonnen zu besiedeln? 

Vom Zoom-Meeting zum Kulturwandel

Annette Schwindt

Ich fand das nicht lustig, ich fand das schlimm. Und spätestens jetzt mit Corona fliegt es uns um die Ohren. Da helfen auch ein paar gezwungenermaßen absolvierte Zoom-Meetings nicht. Das verwandelt keine Offline-Kultur mal eben so in eine digitalaffine. Da gehört ja viel, viel mehr dazu als nur Geräte oder Software zu benutzen. 

Das Ausmaß der nötigen Transformation ist vielen überhaupt nicht bewusst, oder sie denken, das beträfe erst die nächste Generation. Da kommen dann solche Mythen wie die vom alleskönnenden digital native dazu. Dabei bezeichnet dieser Begriff ja nur Menschen, die zu einer Zeit geboren wurden, in der digitale Kommunikation bereits existiert hat, und dass sie diese deshalb als selbstverständlich gegeben ansehen. Es bedeutet nicht, dass sie automatisch alle Tools beherrschen.

Wie gesagt, da hängt so viel mehr dran, wie z.B. ein verändertes Lernen, das Abflachen von Hierarchien, überhaupt ein bewussterer Umgang miteinander und der Welt. Die Netzwerke, die Du nennst, erreicht man ja auch erst, wenn man bereits die ersten Schritte ins Digitale gewagt hat. Doch überhaupt erst mal dahin zu kommen, ist ja die größte Hürde.

Ich glaube ja, dass die Nutzung wie schon bisher weiter niedrigschwelliger werden wird und es dann eben welche gibt, die die Hintergründe verstehen, und andere, die einfach nur Nutzer bleiben. Interessanterweise geht die Entwicklung bei Social Media ja auch weg vom fortbestehenden Feed hin zu vergänglicher Livekommunikation.

Was glaubst Du, wie sich das weiter entwickeln wird? Wird die Schere zwischen denen, die das alles selbstverständlich benutzen, und denen, die sich kaum herantrauen, noch größer? Oder erledigt sich das Problem spätestens dann, wenn aus den prädigitalen Generationen keiner mehr da ist? 

Noch ein weiter Weg

Hilge Kohler

Jetzt hätte ich gern eine Kristallkugel! Ehrlich: Ich habe keine Ahnung. Aber ich glaube nicht, dass sich die Scheren schließen, wenn alle Menschen digital unterwegs sind. Im Gegenteil: Von “online sein” über “verstehen, was läuft” hin zu “für eigene Zwecke nutzen” ist es ein weiter Weg. 

Unser Gespräch dreht sich ja eigentlich um Sprache. Wir haben anfangs darüber gesprochen, wie schwer sich viele noch mit dem Vokabular für virtuelle Welten tun. Und wer sich damit schwer tut, ist weit davon entfernt, virtuelle Räume für sich zu erobern, zu nutzen und zu gestalten. Dabei ist es so leicht, sich online Gehör zu verschaffen und Einfluss zu gewinnen, unabhängig von Macht oder Position. 

Während mächtige und arrivierte Menschen noch das Vokabular erlernen, verschaffen sich “Nobodies” mit gezielter Online-Kommunikation mächtig Gehör. Das ist die Schere, die ich aufgehen sehe. Im Moment hat das noch etwas mit dem Alter zu tun, aber das wird weniger. Die Schere schließt sich nicht, weil mehr Menschen online sind – im Gegenteil, sie wird dadurch größer. Deshalb ist mein Wunsch: Dass wir alle zusammen über unsere Kommunikation nachdenken, dass wir diese Schlüsselkompetenz ernst nehmen und dass wir nicht vergessen, dass Sprache ein Waffe sein kann, aber nicht muss. 

Werkzeuge richtig nutzen

Annette Schwindt

Da hast Du mich missverstanden. Ich meinte nicht, dass die Anzahl der online aktiven Menschen die Schere schließt, sondern dass die digitalen Kommunikationskanäle sich so entwickeln, dass sie immer intuitiver nutzbar werden. Dies gepaart mit dem „Aussterben“ von Menschen, die vor der Nutzung digitaler Kommunikation als Massenmedium geboren wurden, führt zu einer immer selbstverständlicheren Nutzung. Und dann fühlen sich hoffentlich immer weniger Menschen vom Digitalen bedroht. Schließlich handelt es sich dabei nur um ein Werkzeug. Das, was eine mögliche Bedrohung darstellen könnte, sind die Menschen, die es für aggressive Zwecke nutzen.

Dazu passt auch Deine Anmerkung, dass Sprache eine Waffe sein kann, aber nicht muss. Es kommt darauf an, wie und wofür man Sprache nutzt – und das nicht nur online. Oder wie ich gern sage: Digitale Kommunikation ist das, was WIR daraus machen.

Danke, dass Du dieses Gespräch – auf digitalem Weg – mit mir geführt hast! Hiermit überlasse ich Dir das Schlusswort:

Hilge Kohler

Kurz und knapp: Danke DIR, Annette, für die Einladung zum Gespräch! 

Über meine Gesprächspartnerin

Hilge Kohler

Hilge Kohler ist Redencoach und Schreibtrainerin in Heidelberg. Sie schreibt Reden, analysiert Auftritte und coacht Menschen in Sachen Rhetorik. Als Schreibtrainerin unterrichtet sie journalistisches Schreiben und Content Creation für PR-Kräfte. Sie hat mehrere Jahre Reden für CEOs geschrieben und Veränderungskommunikation in Unternehmen gestaltet. – hilgekohler.com 

Titelfoto: Hilge Kohler
Avatar von Annette: tutticonfetti

In meiner Rubrik „Bloggespräche“ unterhalte ich mich mit einem Gegenüber über ein frei gewähltes Thema wie in einem Mini-Briefwechsel. Wer ebenfalls mal so ein Gespräch mit mir führen möchte, findet alle nötigen Infos dazu unter https://www.annetteschwindt.de/bloggespraeche/ und kann sich von dort direkt bei mir melden.


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Eine Antwort auf „Keine Worte fürs Digitale – Ein Bloggespräch mit Hilge Kohler“

Liebe Hilge und liebe Annette!
Ui! Ihr habt echt ein lehrreiches Gespräch geführt, das ich jetzt gleich mal zum Dazulernen über verschiedenen Kanäle – auch per Mail – weiter verteilen werde! Vielen herzlichen Dank dafür, Evy

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