Ich hab hier ja schon mehrmals von unserer freitäglichen Gruppe „Deutsch lernen mit Liedtexten“ bei Little World erzählt. Inzwischen ist sie eine feste Institution geworden. Längst ist klar, dass es die Apostrophe im Text braucht, um den Rhythmus zu halten, und was Refrain und was Strophen sind. Über die Textinhalte wird schon mal engagiert diskutiert. Allerdings meist nicht bei den Liedern, wo wir es erwartet haben.
So hatten wir gehofft, dass es bei Grönemeyers „Männer“ lustig werden würde. Stattdessen Schweigen. Alle Versuche, ein Gespräch über die Krise des Männerbilds zu initiieren, verliefen ins Leere. Erst bei der A-capella-Version der Bläck Fööss kam ein zögerliches „Dann ist das doch lustig gemeint…?“ Für gemeinsames Gelächter sorgte der Verhörer „Rooo-sen-montag, schenk mir dein Herz und sag ja“.
Vereinzelte Versuche, Antikriegslieder zu besprechen, sind in der Gruppe nicht gut angekommen. Das triggert wohl zu stark. Also haben wir uns darauf geeinigt, nur noch fröhlichere Lieder zu besprechen. Das gelang besonders bei Reinhard Meys „Der Mörder ist immer der Gärtner“. (Dabei lernten wir übrigens, dass nicht weltweit selbstverständlich klar ist, was Big Ben oder ein Butler ist.)
Eine Teilnehmerin wünschte sich „Lieblingsmensch“ von Namika, die marokkanische Vorfahren hat. Ein Belgier brachte uns zu „Komet“ von Udo Lindenberg mit Sido, und zu unserem Erstaunen erfuhren wir, dass Heintje bei Türken enorm gut ankommt. Sachen gibt‘s…
Das zwischen all den Popsongs und Schlagern als Ausnahme geplante „Bunt sind schon die Wälder“ von 1782 kam derart gut an, dass sich die Gruppe explizit mehr Volkslieder ins Programm gewünscht hat. Ich freu mich schon auf „Innsbruck ich muss dich lassen“!
Und dann gibt es immer wieder die Momente, wo etwas Bewegendes passiert:
Zum Beispiel wenn eine Teilnehmerin sich fürs Zuspätkommen entschuldigt, weil sie zuerst noch mit dem Radio „Über den Wolken“ mitsingen musste. Das war unser allererstes Lied in der Gruppe gewesen. Oder wenn ein junger Teilnehmer berichtet, dass er seit unserer ersten Grönemeyer-Session „Flugzeuge im Bauch“ singend durch den Irak läuft.
Wenn bei Max Giesingers Mongolei-Version von „80 Millionen“ alle Tränen in den Augen haben. „Viel besser als das Original“, so die einhellige Meinung.
Der neueste Gefühlsmoment war, als ein älterer Teilnehmer aus den USA mit Vorfahren aus der Gegend von Mainz von seiner Kindheitserinnerung erzählte, wie sein Vater ihm das Lied der Mainzer Hofsänger „So ein Tag so wunderschön wie heute“ beigebracht hatte. Später, bei einer Rheinkreuzfahrt mit Stop in Rüdesheim, geriet er in eine Geburtstagsfeier und fragte die Band, ob sie das Lied kennen. Daraufhin habe das ganze Lokal mitgesungen. Auch in der Liedtextgruppe begnügte er sich nicht mit dem Vorlesen des Refrains, sondern sang es allen vor – begleitet vom beseelten Mitsummen einer älteren Russin, die schon lange im Rheinland lebt.
Für nächstes Mal steht „Tage wie diese“ von Die Toten Hosen auf dem Programm. Vielleicht dichten wir das dann um in „Freitage wie diese“? 😉
Übrigens: Alle Lieder, die wir in der Gruppe besprechen, speichere ich in einer YouTube-Playlist.
Titelbild erstellt mit Canva


Schreibe einen Kommentar