Telefonhörer, aus dem es tutet

Freizeichen (74. Blognacht)

Meine erste Reaktion ist zunächst „Och nöö“, als ich den Impuls der heutigen Blognacht höre… Ich komme wie immer direkt aus der Liedtextgruppe von Little World, wo wir über „Du hast den Farbfilm vergessen“ geredet haben. „Auch sowas aus alten Zeiten“, denke ich also, als ich überlege, was ich zum Thema „Freizeichen“ schreiben soll. 

Das Erste, woran ich denke, ist der Ton des Freizeichens:

Tuut tuut Pause Tuut tuut… 

Das gespannte Warten, ob jemand abnehmen würde und wer.

Denn damals gab es keine Smartphones, keine Handys, nur Festnetz. Mit Schnur! Ich kenne sogar noch die Telefone mit Wählscheibe…

Anrufbeantworter hatten auch nur wenige. Und wenn man in einer Firma anrief, gab es kein Gedudel mit Dibedibedong und Co. Nur das allüberall gleiche

Tuut tuut Pause Tuut tuut… 

Man musste dann auch nicht zuerst eine bestimmte Zahl oder Rautetaste drücken (ganz am Anfang gab es ja auch keine) und man landete auch nicht bei einem Bot, der einen in irgendwelche Endlosschleifen schickte. Schlimmstenfalls landete man beim falschen Ansprechpartner und musste weiter verbunden werden:

„Einen Moment bitte“…

Tuut tuut Pause Tuut tuut… 

Spannend war auch, dass sich das Tuut je nach Land, in dem man anrief, unterschiedlich anhörte. Mal kürzer, mal gedämpfter, mal beruhigender, mal hektischer… Und immer die bange Frage: Wird jemand antworten? Denn es gab ja keine Online-Markierung, keine bewegten Punkte oder ein Mikrosymbol, die zeigten dass gerade jemand seine Antwort vorbereitet.

Das erinnert mich an den Witz von den zwei Teenagern im Bus, die sich lautstark darüber unterhalten, wie cool es doch wäre, wenn man Sprachnachrichten schon hören könnte, während sie aufgenommen werden. Da mischt sich ein älterer Herr von ein paar Sitzreihen weiter ein und ruft: „Das gibt es schon, das nennt man Telefonieren!“

Was hätten die Teenies erst gemacht, wenn sie statt der Zeichen, dass jemand beim Antworten ist, nur das Tuut bekommen hätten? Wäre das mit der heutigen Geschwindigkeit der Welt überhaupt noch kompatibel?

Tuut tuut Pause Tuut tuut… 

Heute ruft ja auch niemand mehr einfach so an. Das wird von vielen sogar als unhöflich empfunden. Nein! Man muss sich zuerst per Text- oder Sprachnachricht vergewissern, dass und wann die anzurufende Person Zeit hat. Erst dann und nur dann ruft man an und bekommt vielleicht noch kurz Freizeichen und dann ist schon der dran, mit dem man verabredet ist. Oder der AB. Keine Spannung, keine Überraschungen, nur noch Effizienz. 

Es gibt auch nur noch selten ein Besetztzeichen. Sofort schaltet sich eine Ansage ein, dass die Person am anderen Ende gerade „not available“ ist und man später nochmal anrufen oder eine Nachricht nach dem Piep hinterlassen soll. 

Es gibt auch kein Tuut mehr. Nur noch ein Düdeldidüdeldidüdel. Selbst das Freizeichen ist also hektischer geworden. Wer will, kann sich auch Klingeltöne runterladen und seinen Anrufern irgendeine Mucke ans Ohr drücken. Ist aber, glaube ich, auch schon wieder out, oder? Hat noch irgendein Unternehmen den obligatorischen Vivaldi in der Warteschleife? Oder scheppernde Rockmusik?

Jedenfalls nix mehr mit dem Tuut, das mal so gut tutete… 

…

Tuut tuut Pause Tuut tuut… 

Klingt fast wie eine Achtsamkeitsübung… 

Einatmen…

Pause

Ausatmen…

…

Tuut tuut… 

Titelbild erstellt mit Canva

Die Blognacht ist eine regelmäßige Veranstaltung von Anna Koschinski, in der der sich Blogger treffen, um spontan etwas zu einem Impuls zu schreiben. Mehr dazu unter blognacht.de

Kommentare

2 Kommentare zu „Freizeichen (74. Blognacht)“

  1. Weisst du was? Ich vermisse die alten Telefone. Die mit dem Hörer und der geringelten Telefonschnur. Eine Nummer auswendig (!) zu wählen, ohne zu wissen, ob jemand abhebt und antwortet, war auch irgendwie spannend.

    Du willst nicht die Wartemusik unserer Praxis hören – die tötet den allerletzten Nerv! Da hätte ich tatsächlich lieber ein schönes Tuuuuut!

    Irgendwann hol ich mir so ein altes Telefon, ich kenn mich. Die Nostalgie gewinnt die Oberhand.
    Haha!

    Liebe Grüße aus dem Mausloch
    mit Freizeichen!

    Sabine

    1. Ich stelle mir gerade die Maus von Deinem Blog mit so einem Wählscheibentelefon in grünem Brokat mit Goldborte vor. Daneben eine Käseplatte und ein Gläschen Rotwein und dann gemütlich plaudern.

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