Der Freundlichkeit eine Chance geben

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Manchmal sind es die kleinen Dinge, die einen Tag besser machen. So auch dieses Erlebnis heute:

Da mein Mann als Rollstuhlfahrer und ich aus gesundheitlichen Gründen keine Kisten schleppen können, lassen wir uns unsere Getränke von einem der hiesigen Händler in die Wohnung liefern. Da der Stauraum dafür nicht übermäßig groß ist, bedarf es der Einhaltung eines gewissen Stapelsystems, damit alles so reinpasst, dass Thomas mit dem Rolli nachher noch rankommt.

In der Regel ist das auch kein Problem, weil wir seit eh und je denselben Fahrer hier aus dem Rheinland haben, der uns schon ewig kennt. Wenn der mal nicht kann oder woanders eingeteilt wurde, muss ich der Vertretung das System erst erklären, denn Thomas und ich können nachher nur mit langwierigem flaschenweisem Umschichten selbst die richtige Ordnung herstellen. Bei mancher Vertretung wurde das zum Problem, weil derjenige einfach nicht zugehört hat, unfreundlich war oder nur schnell wieder weg wollte.

Als dann heute auch jemand Neues vor der Tür stand, der außerdem nur gebrochen Deutsch konnte, hatte ich schon die Befürchtung, ich müsste den Rest des Nachmittags fürs Umräumen reservieren. Stattdessen hörte der offenbar aus Afrika stammende Mann geduldig zu, fragte freundlich nach, wenn er was nicht gleich verstand und hielt dabei noch ein fröhliches Schwätzchen mit mir darüber, dass er neu sei und dass nicht jedes Haus so einen praktischen Aufzug wie bei uns hat und man da die Kisten per Hand die Treppen rauf schleppen muss.

Unsere Lieferung war ohne langes Hin und Her schnell und perfekt eingeräumt, und als ich ihm das Weihnachtstrinkgeld, das ich eigentlich für unseren üblichen Fahrer vorbereitet hatte, in die Hand drückte, freute er sich wahnsinnig. „Soo nett! Oh, soo nett!“ Als er sich dann verabschiedete, sagte ich zu ihm „Dann bis zum nächsten Mal!“ Da lächelte er und sagte „Ja, hoffentlich! Ich hab Chance bekommen, ich will gut machen!“

Später rief ich nochmal im Büro des Getränkehändlers an, um nach den Lieferzeiten zwischen den Jahren zu fragen, und sprach den Händler auch auf den neuen Fahrer an. Ich erzählte ihm von dessen Freundlichkeit und tollem Service. Da freute sich der Händler total und sagte: „Sonst meckern in Deutschland immer nur alle und nicht gemeckert ist schon genug gelobt. Das geb ich an den Fahrer und die Geschäftsleitung weiter, Mensch, ist das nett, Danke!“

Nun sitz ich hier, hab nen Kloß im Hals und frage mich, in was für einer Gesellschaft wir wohl leben, wenn sowas Einfaches schon als so etwas Besonderes empfunden wird.

Ich hoffe, sie behalten den Fahrer und ich sehe ihn bei einer der nächsten Lieferungen wieder. Vielleicht durfte ich dann ja ein bisschen dazu beitragen, dass er bleiben darf?

Annette Schwindt
Ich mach was mit Schreiben: Ich bin freischaffende Bloggerin, Autorin, Journalistin, Fachlektorin und Beraterin für digitale Kommunikation. Interesse an einer Zusammenarbeit? Außerdem engagiere ich mich für Inklusion und blogge über meine Selbstfindung in Sachen Autismus. Und vor allem bin ich eins: Ein Mensch! - Beiträge per Mail abonnieren -

4 Kommentare

  1. Liebe Annette,
    dieses kleine Wort „Danke“ oder ein Lob scheint für viele Menschen unaussprechlich zu sein. Warum das so ist, kann ich nicht erklären. Aufgefallen ist es mir besonders während meines Studiums als ich als Studentin in einer Bäckerei jobbt. Dort viel mir mehrmals auf das es ein paar Kinder gab, die sehr zielstrebig in Richtung Theke liefern und sehr deutlich „Ich will einen Keks“ forderten. Das hat mich oftmals überrascht, da ich mich noch an die Zeit erinnern kann als ich klein war und mich immer über ein Stück Fleischwurst gefreut habe, dass mir die Verkäuferinnen freiwillig gaben. Natürlich habe ich dann immer gehofft, dass ich beim nächsten Einkauf wieder ein Stück bekam. Aber eingefordert habe ich das nie.
    In der Bäckerei habe ich zunächst auf die Reaktion der Eltern gewartet, die dann die Forderung mit den Worten „Er/Sie bekommt hier immer einen Keks“ unterstützten. Vieles fängt schon im Elternhaus an und wenn wir da bestimmte Werte wie Lob, Dankbarkeit, Hilfsbereitschaft, Bescheidenheit, Durchsetzungsvermögen etc. beigebracht bekommen haben, dann zieht sich das auch im Erwachsenenalter durch.
    Zu deinem Beispiel: Ich halte es immer so, dass ich in meinem Umkreis immer ein Danke ausspreche. Einfach zum zu signalisieren das ich nichts für selbstverständlich nehme. Und darum finde ich deinen Anruf um so schöner. Vielen Dank dafür. Daniela

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