Das hab ich doch gar nicht gesagt!

Puzzleteile im Spektrum

Wie bereits angekündigt, werde ich hier auch immer wieder zum Thema Autismus bloggen. Als ich vor wenigen Monaten meinen großen Aha-Moment in Sachen Autismus hatte (derzeitiger Kenntnisstand: ich bin Aspergerin mit Hochbegabung), hat mich das erst mal umgehauen. 

Deshalb wollte ich natürlich mit meinem Umfeld darüber reden, was ich da jetzt alles entdecke. Das führte zu sehr unterschiedlichen Reaktionen von aktivem Interesse bis hin zu offener Ablehnung. Die Voraussage von autistischen Kontakten, dass sich mein Freundeskreis stark ausdünnen werde bis keine neurotypischen Freunde mehr übrig sind, hat sich bisher glücklicherweise nicht bewahrheitet. Statt dessen habe ich einige neue Ansprechpartner zum Thema gefunden und bin von anderen, die in einer ähnlichen Situation sind, kontaktiert worden. Daher auch der Entschluss, hier im Blog öfter mal darüber zu schreiben.

WICHTIG: Es handelt sich hier um meine persönlichen Erfahrungen und Dinge, die ich mit meinem Mann oder Freunden erarbeite. Was dabei herauskommt KANN anderen helfen, muss aber nicht. Es gibt nämlich weder DEN Autisten (sondern viele verschiedene Schattierungen – daher spricht man auch von Autismusspektrum), noch gibt es DEN Nichtautisten. Ich stehe in den Kommentaren gern für Fragen zur Verfügung. Jetzt aber los:

Missverständnisse

Als einzige außer meinem Mann hat sich meine Freundin Rebecca das Buch „Aspergirls“ von mir gewünscht, damit sie mich und das Thema generell besser verstehen lernt. Kürzlich haben wir dann darüber geredet, was sie aus der bisherigen Buchlektüre und auch aus so manchem Gespräch mit mir mitgenommen hat. Dabei fanden wir heraus, dass sie die Erklärungen im Buch oder auch Erklärungsversuche meinerseits, wie ich als Aspergerin ticke, als implizite Handlungsaufforderungen interpretiert:

Sie hört in den Erklärungen ein unausgesprochenes „weil Du Nichtautist Dich so und so verhältst, geht es Autisten schlecht damit“, „Du bist Schuld, Du hast was falsch gemacht“. – Das hab ich aber weder so gesagt, noch so gemeint, und ich bin auch sicher, dass das Buch das so nicht meint.

Ans Licht kam dieses Missverständnis, weil wir im Nachhinein über ein früheres Missverständnis in einem Gespräch nachgedacht haben. Rebecca beschrieb die damalige Situation ganz anders als ich. Wie sich herausstellte, weil sie hinein interpretiert hat, was ich gar nicht gesagt und daher (für mich völlig selbstverständlich) auch nicht gemeint hatte. Für sie war das aber gar nicht klar!

Das hab ich nicht gesagt

Ich kann jetzt nur von uns beiden sprechen, aber möglicherweise ist das ja auch für andere anwendbar:

Wenn ich jemanden zu einer Handlung auffordern möchte, dann tu ich das ganz direkt: „Kannst Du bitte dies oder jenes tun?“, oder „Bitte mach dies oder jenes nicht“. Wenn ich keine solche explizite Handlungsaufforderung ausspreche, habe ich auch keine beabsichtigt.

Umgekehrt verstehe ich ja auch nur schwer, was jemand von mir will, wenn er es nicht explizit sagt. Deshalb bekommen Leute, mit denen ich arbeite, das immer als einen der wichtigsten Punkte in meiner Annette-„Gebrauchsanleitung“: Ich bin direkt und ich verstehe Dich nur direkt. Ist nicht persönlich gemeint. Fürs Drumrumreden hab ich schlicht kein Konzept.

Besser kommunizieren

Ich würde deshalb nie auf die Idee kommen, in einem Erklärungstext darüber, worin sich Asperger bei Frauen äußert und welche Probleme dadurch entstehen können, einen Vorwurf an den Leser zu sehen. Wenn ich das Buch lese, bin ich einfach erleichtert, wie gezielt da jemand meine „Symptome“ auf den Punkt bringt und mir damit hilft, das besser zu kommunizieren.

Mir selbst ist es auch schon passiert, dass andere auf solche Erklärungsversuche ablehnend, ja sogar aggressiv reagiert haben. Darüber habe ich mich immer furchtbar erschrocken und konnte mir nicht erklären, woher das rühren könnte.

Mit dem, was Rebecca mir jetzt aber gesagt hat, entdecke ich eine ganz neue, für Nichtautisten vermutlich völlig alltägliche, aber für mich eben fremde, Perspektive:

Jetzt mal ganz vereinfacht dargestellt: Für nichtautistische Menschen wäre es demnach völlig alltäglich, mit verschiedenen Schwingungen und Interpretationen einer Aussage umzugehen. Also scannt ihr Gehirn automatisch bei jeder Aussage nach solchen Schwingungen, auch wenn ihr Gegenüber keine beabsichtigt. Ein Autist hingegen versucht, sich möglichst klar und eindeutig auszudrücken, weil er/sie selbst es auch nur direkt versteht.

Für Rebecca und mich klingt das jedenfalls nach einer plausiblen Erklärung für viele Missverständnisse in unserer Kommunikation. Vielleicht habe ich das jetzt zu verallgemeinert ausgedrückt, aber uns hat das einen großen Schritt weitergebracht: In Zukunft weiß sie, dass bei mir keine Handlungsaufforderung mitschwingt, wenn ich nicht explizit sage, dass ich was möchte oder nicht gut finde. Umgekehrt kann ich vielleicht nachhaken, wenn ich merke, dass sie in einer konkreten Situation (für mich) komisch reagiert.

Ein Anwendungs-Beispiel

Für eine ganz konkrete Situation haben wir so auch schon eine gemeinsame Lösung für künftige Missverständnisse gefunden:

Wenn ich merke, dass der Overload droht und ich mich schnellstens zurückziehen muss, lasse ich sie nicht mehr einfach mit „Stop. Ich muss hier raus!“ stehen, sondern nehme eine gedachte Fernbedienung in Anspruch und sage: „Ich muss jetzt die Pausetaste drücken.“

Damit bekommt sie nicht mehr das Gefühl, dass sie was falsch gemacht hat, und ich kann trotzdem direkt weg, signalisiere aber, dass wir irgendwann später weiter reden können. Bisher hat sie mein abruptes Verschwinden nämlich so interpretiert, dass ich nie wieder über das betreffende Thema mit ihr reden will, weil sie in irgendeinen größeren für sie unbekannten und nie mehr zu klärenden Fettnapf getreten ist. Das hab ich aber so nie gemeint. Ich musste einfach nur schnellstmöglich den Overload vermeiden.

Mit der gedachten Pausetaste kommen wir jetzt beide leichter aus der Situation raus, ohen dass sich jemand zurückgesetzt fühlt.

Inzwischen habe ich auch mit anderen Menschen in meinem Umfeld diese Vorgehensweise übernommen und das funktioniert super. Vielleicht hilft es ja auch anderen?

 

Annette Schwindt
Ich bin entweder selbst schreibend tätig, oder wirke für andere als Kommunikations-Katalysator. Das bedeutet: Ich begleite andere bei ihrem eigenen Projekt und bringe sie durch Beratung und Vernetzung voran. Interesse an einer Zusammenarbeit? Übrigens: Ich verorte mich selbst im autistischen Spektrum, ich (re)agiere also nicht immer so, wie andere es erwarten. ;-) Aber keine Angst: Ich beiße nicht, denn vor allem bin ich eins: Ein Mensch! - Beiträge per Mail abonnieren -

10 Kommentare

  1. Ja, das ist wohl häufig so. Ich pflege zu sagen: „Ich sage, was ich denke, und ich meine, was ich sage.“ Und nur genau das! Das mit der Handlungsaufforderung kenne ich auch. Die Aussage „hier drin ist es etwas kühl“ ist für mich nur die Darstellung einer Empfindung. Neurotypische interpretieren da aber oft die Aufforderung hinein, man solle es für mich gefälligst wärmer machen. Mal so als Beispiel.

    Oder wenn sich jemand von mir beleidigt fühlt, weil ich eine Empfindung oder Fakten formuliere: Hab ich Arschloch oder sowas gesagt? Nein? Dann lag es auch nicht in meiner Absicht, jemanden zu beleidigen. Einfach meine Aussagen wörtlich nehmen, dann wird das klar. Oder könnte zumindest klar werden. 🙂

    Unter anderem zum Thema klare Ansagen versus schwammige Formulierungen und Interpretationen hatte ich schonmal vor einiger Zeit was geschrieben: Kein „Spirit of Health“ in Hannover! (3) – hier insbesondere die als Blockzitat gesetzte Rede, die ich dort gehalten hatte.

    Und selbst wenn die Neurotypischen im Umfeld wissen (könnten), wo das Problem liegt, heißt das noch lange nicht, daß die Kommunikation dann auch gut klappt, denn das „wilde Interpretieren“ ist für sie eine natürliche Sache.

    1. Danke Dir! Ich hab mich jahrelang gefragt, was ein Klassenkamerad damit gemeint hatte, als er sagte: „Hinter allem, was Du sagst, ist immer ein Punkt.“ Heute reime ich mir zusammen, dass das wohl auch mit dem hier Beschriebenen zu tun hat.

  2. Hallo Annette von einer anderen Annette,
    ich sage Leuten, die ich neu und näher kennenlerne, auch immer: „Wenn du etwas möchtest oder dir etwas nicht gefällt, dann sage es mir deutlich. Das „durch-die-Blume-sagen“ verstehe ich nicht. Wenn man mir gleich eine klare Aussage gibt, bin ich nicht beleidigt. Wenn mir die Bedeutung einer Bemerkung aber erst Stunden später langsam bewusst wird, dann fühle ich mich mies – weil ich’s nicht verstanden habe und nicht oder nur falsch reagieren konnte. und der andere fühlt sich wahrscheinlich mies, weil ich für ihn nicht nachvollziehbar reagiert habe.

    Mir hat in gewisser Weise obwohl ich kein ADS habe, das Buch „ADS – Das Erwachsenenbuch“ von Dieter Claus sehr geholfen, Strategien zu entwickeln, mit denen ich gut zurecht komme.

      1. Es fällt ihnen nicht immer ganz leicht, direkt zu sagen, was ihnen nicht gefällt,oder was sie gern von mir hätten. Manche sagen, sie müssen das wirklich richtig üben.
        Wenn wir doch mal wieder aneinander vorbei geredet oder gehandelt haben und ich dann ehrlich sage, was ich dachte, was sie meinten, staunen sie manchmal.
        Gerade fällt mir auf, dass ich, soweit ich mich erinnere, immer positive Reaktionen darauf bekomme.

        Neulich ist mir noch was lustiges passiert: Meine Schwester meinte, sie habe einen Bekannten, der Zahlen als Farben sieht und dass sie das total erstaunt. Da hab ich erst mitbekommen, dass das bei ihr – im Gegensatz zu mir – nicht so ist. Das hat dann wieder mich total erstaunt. 🙂

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.