Zu wörtlich genommen

Während meines Romanistikstudiums hatte ich auch Italienischkurse, die wir dank der Abneigung des Lektoren gegen den uns zugewiesenen Raum im vierten Stock des Fachgebäudes im von ihm stattdessen zum Seminarraum ernannten Café „Goldene ’erz“ abhielten. Dort fanden aber nicht nur Sprachunterricht, sondern auch jede Menge Gespräche über den Uni-Alltag, Gott und die Welt statt.

Interessant wurde das auch deshalb, weil nicht nur Studierende aus der Romanistik diesen Kurs wahrnahmen, sondern auch aus anderen Fächern. Darunter eine hübsche junge Jurastudentin, die eines Tages plötzlich nicht mehr zum Unterricht kam. Einer ihrer Fachkollegen berichtete grinsend, dass wir nicht mehr mit ihr zu rechnen bräuchten. Sie hätte kürzlich einen gut betuchten Kommilitonen mit Aussicht auf Erbe einer Kanzlei geheiratet und sei jetzt anderweitig beschäftigt. Darauf bemerkte ein anderer aus der Runde: „Na, da hat sie ja ihre Schäfchen ins Trockene gebracht!“

Dann begannn die Italienischstunde. Wir hatten die Geschichte schon fast wieder vergessen, versunken in Verbformen und Ausspracheregeln, als unser muttersprachlicher Lektor aus Italien immer geistesabwesender wurde. Wir fragten ihn, was los sei, da platzte die Frage förmlich aus ihm heraus: „Ma! Aber wieso sie hat Schafe getrocknet???“

Illustration: Morten N. Pedersen


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2 Antworten auf „Zu wörtlich genommen“

[…] Beim Lektorieren muss ich auch darauf achten, dass ein Text beim ersten Lesen verständlich ist. Da werden dann öfter mal lange Schachtelsätze in mehrere einzelne aufgeteilt, oder umständliche Wendungen vereinfacht. Besonders interessant finde ich es, wenn der Text von jemandem mit einer anderen Muttersprache stammt, die ich aber auch spreche, und so passende Wörter oder Formulierungen anstelle von Hyperkorrektismen oder „falschen Freunden“ finden muss. Redewendungen sind besonders tricky. Dabei entstehen oft lustige Situationen, wie die mit den Schäfchen.  […]

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