Hoffnungen für 2021 – Ein Bloggespräch mit Stephanie Braun

Wir kennen uns bereits seit Jahren, sind uns zum ersten Mal beim Social Media Chat in Bonn begegnet, den ich damals mitorganisiert hatte. Wir blieben über Social Media in Kontakt und beschlossen schließlich, dass wir auch mal ein Bloggespräch führen wollten. Beinahe wäre es an der Suche nach einem passenden Thema gescheitert, doch hier kommt‘s:

Stephanie Braun

Hallo Annette, herzlichen Dank für die Einladung. Ich wünsche dir ein frohes neues Jahr 2021. 2020 begann ja bereits früh mit Katastrophenmeldungen, dann überschattete Corona alles. Unser Leben änderte sich und doch war nicht alles schlecht im Krisenjahr 2020. Zwischen den Jahren halte ich gerne inne, komme zur Ruhe und schöpfe neue Kraft für das neue Jahr. Klassische Vorsätze sind nicht so mein Ding, eher Pläne und Hoffnungen, wie sich mein Leben weiter entwickeln könnte. Hast du Vorsätze fürs neue Jahr gefasst?

Gute Vorsätze

Annette Schwindt

Nicht direkt fürs neue Jahr, sondern generell für die Zukunft und das schon vor Weihnachten. Ich möchte noch mehr auf meine innere Stimme hören, mich noch mehr damit auseinandersetzen, wie man unser aller Zusammenleben besser gestalten kann, und hier im Blog dieses Format der Bloggespräche noch öfter pflegen.

Der erste Wunsch ist wohl der am schwersten erfüllbare, der zweite hat durch meine Zusammenarbeit mit Davide Brocchi richtig Schub bekommen und am dritten arbeiten ja z.B. wir gerade. 😉 Sobald Thomas und ich dann nicht mehr wegen der Pandemie in Isolation bleiben müssen, möchte ich auch wieder regelmäßig spazieren gehen und Menschen fotografieren. Und wieder nach Oldenburg und an andere Orte reisen.

Was hast Du Dir vorgenommen? Du sagst, Du machst das jedes Jahr. Hältst Du das dann in der Regel auch durch, die Vorsätze zu verwirklichen?

Aus 2020 lernen

Stephanie Braun

Da es keine typischen Vorsätze sind, sondern mehr Richtungen, klappt das mit dem Einhalten relativ gut. Zum Beispiel hatte ich mir, ähnlich wie du bei den Bloggesprächen, vorgenommen, mehr Interviews im Blog zu führen und das ist mir gelungen. Ein Plan war 2020 mein Kinderbuch zu beenden, das habe ich getan.

Jobsuche ist jedes Jahr ein Thema, da ich bisher nur befristete Arbeitsverträge hatte. 2020 startete ich hoch motiviert mit den ersten Bewerbungen, aus denen nichts wurde. Ich begann meine systemische Weiterbildung, mit der ich schon lange geliebäugelt hatte. Mélina Garibyan und Astrid Nierhoff Storyatelier Cologne bildeten mich zum “Digital Storytelling Facilitator” aus, ein gemeinsamer Plan für 2020.

Als im März die Schulen schlossen und ich erst in Zwangsurlaub, dann in Kurzarbeit geschickt wurde, hatte ich viel Zeit mir Gedanken zu machen, zu lernen und zu schreiben. Ich würde sagen, ich habe diese Zeit gut für mich genutzt. Aus der Ungewissheit habe ich tatsächlich Mut gewonnen, denn auch ein vermeintlich sicheres Einkommen kann schnell wegbrechen und das Leben ist zu kurz, um nicht das zu tun, was ich wirklich tun möchte.

Daraus ergeben sich die konkreten Pläne für 2021: Mein Kinderbuch selbst herausbringen und weitere schreiben, mit Mélina und Astrid Projekte im Bereich Storytelling umsetzen und meine Weiterbildung zur systemischen Beraterin machen, inklusive der Durchführung erster Beratungen. Es ist neu, dass ich meine Pläne für das neue Jahr so klar ausspreche, aber ich denke, anders funktioniert es nicht. Die Entscheidungen sind getroffen und für die Umsetzung brauche ich mein Netzwerk.

Dein Thema “Zusammenleben gestalten” ist ja auch eines, welches 2020 eine neue Bedeutung bekommen hat. Die Pandemie hat in meinen Augen vielen Menschen gezeigt, welche Möglichkeiten in digitalen Tools stecken. Ich bin überzeugt davon, dass auch virtuell das Gefühl von Nähe entstehen kann und wir so wertvolle Zeit miteinander verbringen können. Aus diesen Erfahrungen von 2020 können wir viel lernen, beibehalten und weiter entwickeln. Wie siehst du das?

Digitalisierung und Transformation

Annette Schwindt

Ja, natürlich kann auch digital Nähe entstehen. Ich arbeite ja seit beinah zwei Jahrzehnten fast ausschließlich online und habe einige Personen, die da involviert sind, bestenfalls mal per Videochat gesehen aber noch nie analog getroffen. Dasselbe gilt für Freunde und Familie, die weit weg wohnen. Viele meiner heutigen Freundschaften haben rein digital begonnen, und seit wir wegen der Pandemie in Isolation sind, geht es ohnehin nur noch so. Das ist bei mir aber nicht weniger intensiv.

Die Frage ist halt, wie man kommuniziert. Wer online nur so tut als ob, bei dem kann das natürlich nicht funktionieren. Und ja, man hat offline sensorisch mehr Möglichkeiten (riechen, anfassen etc.) und Menschen, die eher nonverbal kommunizieren, müssen auf keine Ebene wie Tonfall, Mimik und Gestik verzichten.  Aber wer wie ich egal wo immer direkt kommuniziert, für den ist online nicht weniger wertvoll als offline. Das bestätigen mir auch immer wieder diejenigen, die mich online kennengelernt haben und erst später offline treffen. Digital habe ich oft sogar die intensiveren Gespräche, weil ich da besser fokussieren kann. Wahrscheinlich ist auch diese Rubrik so entstanden. 😉

Viele haben die Vorteile digitaler Kommunikation jetzt (besser spät als nie) für sich entdeckt, andere können es nicht erwarten, das wieder loszuwerden. So mancher versucht sich auch jetzt noch dem Kulturwandel zu verweigern. Dass man digitale Kommunikation gerade auch dazu nutzen kann, sich weiterzubilden, wie Du es ja auch tust, ist für viele undenkbar…

Überhaupt hatte ich gedacht, dass durch die Pandemie der gesellschaftliche Wandel insgesamt einen Schub bekommt. Dass gerade ökologische und soziale Themen mehr Beachtung bekommen, jetzt wo wir mangels Mobilität der Erde ein bisschen Verschnaufpause geben. Aber davon sehe ich bisher wenig. Stattdessen leiden die Kulturschaffenden, die sozial ohnehin Benachteiligten und die Leute, die das Leben trotz aller Ansteckungsgefahr weiter am Laufen halten, bekommen Applaus aber keine Verbesserungen. Deshalb möchte ich mich noch mehr mit Möglichkeiten befassen, wie man da für Abhilfe sorgen könnte.

Was nimmst Du an persönlicher Transformation aus 2020 und der Pandemie mit und was glaubst Du, wie sich die Erfahrungen aus dieser Zeit generell auf unsere Zukunft auswirken werden? Ist die Welt überhaupt noch zu retten?

Weiterleben wie bisher?

Stephanie Braun

Ist die Welt noch zu retten? Eine gute Frage mit fatalen Folgen, wenn wir sie mit Nein beantworten würden. Und doch ganz ehrlich, manchmal habe ich das Gefühl, sie ist es nicht mehr. Doch was bleibt uns, wenn nicht Hoffnung und der Versuch die Welt zu retten?

Die aktuelle Lage wirkt dystopisch und wir brauchen genau das, was du ansprichst, einen gesellschaftlichen Wandel auf allen Ebenen. Die Frage, ob wir weiter leben wollen wie bisher und den nachfolgenden Generationen die Probleme oder eben den Weltuntergang zu überlassen, funktioniert nicht mehr.

Corona hat gezeigt, dass wir nicht einfach weitermachen können wie bisher, hat uns gezwungen alternative Lösungen zu finden, um die Systeme am Laufen zu halten. Jetzt stellt sich die Frage, in was für einer Welt wir leben wollen. Eine komplexe und vor allem globale Frage. Das ist zugleich unheimlich spannend, denn verschiedene Gruppen beantworten diese Frage unterschiedlich, aber auch beängstigend.

Wie du sagst, viele wollen zurück. Ich denke, unser Weg führt nach vorne ins Ungewisse, was für viele beängstigend ist. Bei aller Bedrohung sehe ich auch Hoffnung. Mich haben zum Beispiel die wundervollen Bilder von Venedig sehr berührt. Wie sich die Natur in der Lagunenstadt erholte. Inzwischen sehnt sich die Stadt zurück nach den Touristen, der Segen für die Natur ist ein Fluch für die Wirtschaft. Auch aus anderen Städten gab es beeindruckende Bilder zu sehen. Eine Verschnaufpause für die Erde?

Aus dem Zwang heraus, neue Lösungen zu entwickeln, könnte jetzt ein Eifer entstehen, gute Lösungen zu entwickeln. Noch ist wenig sichtbar, aber ich glaube es sind in vielen Bereichen die richtigen Diskussionen angestoßen worden. Ein Keim der Hoffnung? 

Was denkst du? In welchen Bereichen zeigt sich ein zarter Wandel, den es jetzt stärker auszubauen gilt? Was brauchen wir jetzt, um die Hoffnung auf die Zukunft nicht zu verlieren?

Keimzellen des Wandels

Annette Schwindt

Zunächst mal mehr Solidarität. Das, was sich ganz zu Anfang der Pandemie zeigte, wovon man dann aber nichts mehr hörte. Wir haben hier im Haus zum Glück eine gute Vernetzung und wir helfen uns gegenseitig. Ich denke schon darüber nach, wie man das zunächst auf die direkten Nachbarn draußen und irgendwann vielleicht auf den ganzen Stadtteil übertragen kann. Wenn viele klein anfangen, kann daraus vielleicht etwas Großes entstehen.

Das Schlimme ist ja, dass dies nicht der erste große Wandel in der Geschichte der Menschheit ist und trotzdem immer wieder dieselben Reaktionen kommen: Krampfhaft am Gewohnten festklammern und am liebsten einem Diktator hinterher rennen, der den Wandel angeblich zu verhindern weiß und dann mit einem großen Knall scheitert. Nicht ohne vorher jede Menge Schaden anzurichten. In den USA können wir das gerade live beobachten. Ist die Menschheit nicht fähig zu lernen? Wenn ja, haben wir bereits verloren. Denn im Gegensatz zu den früheren Wandeln steht diesmal nichts weniger als das Überleben auf diesem Planeten auf dem Spiel…

Dazu gehört auch das Ende von der Mär des Wachstums und der Erwerbsarbeit. Es ist längst bekannt, dass das so nicht weiter funktionieren kann. Doch statt sich mit Alternativen zu beschäftigen, müssen krampfhaft Umwege erfunden werden, den Schein des Altbekannten aufrecht zu erhalten. 

Deswegen halte ich es für wichtig, dass so viele Keimzellen des Wandels wie möglich entstehen, indem jeder, der kann, seinen individuellen Teil dazu beiträgt. Das kann Nachbarschaftshilfe sein, ehrenamtliches Engagement, Teilnahme an Projekten für einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und der Umwelt, oder einfach nur mal das Reduzieren von Plastik im eigenen Haushalt und weniger Konsum. Denn eins zeigt Dein Beispiel von Venedig sehr schön: Die Erde braucht uns nicht, sondern sie blüht auf, wenn sich der Mensch zurückzieht. Warum kriegen wir das nicht auch mit den Menschen hin?

Wie möchtest Du Deinen Teil zu einem positiven Wandel beitragen?

Lebensfreude und Motivation

Stephanie Braun

Ein Keim des Wandels steckt für mich in Geschichten. Wir halten an dem fest, was wir kennen. wie du sagst. Wenn wir einen Moment stehen bleiben und dieselbe Situation aus einem neuen Blickwinkel betrachten, können wir neue Möglichkeiten entdecken. Wir können aus unseren eigenen Geschichten und denen anderer lernen. Geschichten können uns auch trösten oder Mut machen.

Ich möchte mich darauf konzentrieren, Geschichten zu erzählen und zuzuhören. Andere dabei unterstützen ihre Geschichten zu erzählen, einen neuen Blickwinkel auf eigene Geschichten zu nehmen und positiv in die Zukunft zu blicken.

Einander zuhören und voneinander lernen ist etwas, was ich 2020 in vielen virtuellen Begegnungen erleben durfte. Wir brauchen diese Begegnungen und persönlichen Momente. Ich lese seit einiger Zeit, dass viele der Videokonferenzen müde werden. Wir sollten darauf achten, dass wir ausreichend lebendige Kontaktpunkte haben. Wir dürfen uns nicht nur aufs Arbeiten konzentrieren. Kunst, Kultur und Spaß müssen weiterhin Bestandteil unseres Lebens sein.

Pflanzenkeime brauchen Sonne und Wasser. Keime des Wandels brauchen in meinen Augen positive Energie, die genährt wird durch Lebensfreude und Motivation. Oder was denkst du, wie können zarte Keime des Wandels am besten aufblühen?

Annette Schwindt

Ja, das sehe ich auch so. Durch Motivation und Inspiration. Und die kommen oft, indem man einfach mal anfängt und sich dabei mit anderen austauscht. Offen sein für Neues und bereit sein, voneinander zu lernen. 

Vielleicht geben wir mit diesem Bloggespräch ja auch dem ein oder anderen einen Stups in die richtige Richtung? Dir jedenfalls herzlichen Dank fürs Mitmachen und viel Erfolg bei Deiner Weiterbildung und Deinen Projekten!

Stephanie Braun

Vielen Dank, Annette. Es wäre schön, wenn wir andere mit unserem kleinen Gespräch inspirieren könnten. Herzlichen Dank, dass du dir die Zeit für mich genommen hast und ich wünsche auch dir viele kreative Impulse für dein großes Thema “Zusammenleben gestalten” und alles Gute für 2021.

Über meine Gesprächspartnerin

Stephanie Braun

Stephanie Braun lebt mit ihrer Familie in Bonn und streift als kleiner Komet durch das Netz. Ihr Blog ist ihr digitales Zuhause und Twitter ihr liebster Ort, um auszugehen und interessante Leute zu treffen. Auf BarCamps nimmt sie andere viaTwitter live mit und begeistert sich auch sonst für Geschichten aller Formate. Als Bloggerin, Autorin, Psychologin, angehende systemische Beraterin und „Digital Storytelling Facilitator“ sind Geschichten der gemeinsame Nenner ihrer vielseitigen Tätigkeiten.
www.kleiner-komet.de

Übrigens: Wer auch einmal ein Bloggespräch mit mir führen möchte, der kann hier nachlesen, wie das funktioniert und welche Themen es schon gab. Dann nehmt gern Kontakt mit mir auf! Die Themenwahl ist frei, sofern es noch kein Gespräch vorher dazu gab.

Foto von Stephanie: privat
Avatar von Annette: tutticonfetti

In meiner Rubrik „Bloggespräche“ unterhalte ich mich mit einem Gegenüber über ein frei gewähltes Thema wie in einem Mini-Briefwechsel. Wer ebenfalls mal so ein Gespräch mit mir führen möchte, findet alle nötigen Infos dazu unter https://www.annetteschwindt.de/bloggespraeche/ und kann sich von dort direkt bei mir melden.


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