Transformation und Nachhaltigkeit – Ein Bloggespräch mit Davide Brocchi

Von meinem heutigen Gesprächspartner habe ich zum ersten Mal bei der #NEO19x gehört und wurde durch seine Session gleich zu einer ersten Idee inspiriert, die mein Leben, das meines Mannes und unserer Hausnachbarn bereits deutlich verbessert hat. Daraufhin haben Davide und ich uns via Social Media vernetzt und kürzlich auch in Vorbereitung auf dieses Gespräch auf Skype getroffen. Denn die Themen Transformation, Kulturwandel und Nachhaltigkeit sind ja auch meine Themen, wenn auch auf anderem Gebiet. Wo gibt es Überschneidungen, wo können wir uns ergänzen und unterstützen? Das wollen wir mit diesem Bloggespräch herausfinden und damit vielleicht auch andere inspirieren.

Annette Schwindt

Ich freue mich sehr, dass Du bereit bist, mit mir dieses Bloggespräch zu führen, Davide. 🙂 Während Du in Sachen urbaner Transformation und einem besseren Leben forschst und Initiativen startest, begleite ich andere in Sachen digitaler Transformation, indem ich ihnen helfe, ihre Projekte verständlich zu kommunizieren und miterlebbar zu machen. Uns beide beschäftigen dabei die Themen gesellschaftlicher Kulturwandel und Nachhaltigkeit. Bei Dir mit dem Ausgangspunkt auf lokaler Ebene, bei mir auf digitaler Ebene. Wie bist Du dazu gekommen und wie sieht Deine Arbeit aus?

Den Wandel in der Familie erleben

Davide Brocchi

Zuerst danke für die Einladung zu diesem Austausch. Zu deiner Frage. Die ersten Jahre im Leben prägen unseren Kern. Ich bin auf dem Land in Italien aufgewachsen, zuerst in einer Großfamilie. Drei Generationen saßen in den 1970ern täglich am Esstisch. Dabei habe ich die Transformation auf der Mikroebene erlebt. Sie war nicht ohne Konflikte. 

Meine Großeltern waren Bauern. Wir ernährten uns vor allem durch Subsistenzwirtschaft, aus Eigenproduktion. Die Menschen hatten wenig Geld, aber es wurde in der Nachbarschaft viel geteilt. Meine Großeltern hatten ein Stück Land von einem Landherren gepachtet, dafür mussten sie die Hälfte ihrer Ernte immer abgeben. Es waren teilweise noch feudale Verhältnisse. Schon in dieser alten Generation hatten die sozialistischen Ideale großen Einfluss, sie standen für die Ideale von Emanzipation und Gerechtigkeit. Dazu kamen die christlichen. 

Die nächste Generation, jene meiner Eltern, trennte sich vom Land und von manchen Traditionen. Am Esstisch waren die Alten an der Macht, Frauen nicht gleichberechtigt. Meine Eltern hatten das Gefühl, dass man in die Fabriken gehen müsse, um besser zu leben. Doch auch sie scheiterten mit der Emanzipation und der Gerechtigkeit. Es war eine Generation, die an Selbstentfremdung litt und den Massenkonsum als Freiheitsersatz bekam. 

Nun ist unsere Generation mit der Transformation dran. Neben der Emanzipation und der Gerechtigkeit geht es nun verstärkt auch um die ökologische Frage. Ich habe schon in den 1970ern erfahren, wie soziale und ökologische Probleme mit einer kulturellen Entwurzelung beginnen, durch die Industrialisierung und die Modernisierung. Für Jahrhunderte hatten die Menschen ganz ohne Chemie das Land bewirtschaftet. Mit den Pestiziden stiegen nicht nur die Profite, sondern auch die Krebsraten. Diese Erfahrungen haben mich sensibilisiert, deshalb setze ich mich heute für Nachhaltigkeit und Transformation ein. 

Liebe Annette, wie ist es bei dir… Wie stark hat dich deine Familie geprägt? Was sind die wichtigsten Lebensentscheidungen, die du als Kind getroffen hast?

Von Little Boxes zum Sharing

Annette Schwindt

Ich habe meine Kindheit zum größten Teil bei Oma und Uroma verbracht und viel über deren Leben als Donaudeutsche erfahren. Über das Leben vor und nach dem 2. Weltkrieg, Lagerinternierung und Zwangsarbeit. Meine Oma hat mit ihren Eltern hier nach der Flucht ein gutes Leben quasi aus dem Nichts aufgebaut. Dabei ging es nicht um Reichtümer, sondern um einen kleinen Hof außerhalb des Dorfes mit so viel Selbstversorgung wie möglich. Da wurde noch selbst geschlachtet, viel eingekocht, selbst kleinere Möbel oder andere Alltagsgegenstände handgefertigt. Man half sich gegenseitig, vor allem innerhalb der Familie. So habe ich Kleider meiner drei Jahre älteren Cousine aufgetragen und die Legos ihres großen Bruders bekommen, gleichzeitig war das neu Kaufen aber schon stark im Kommen. 

In meiner Elterngeneration war es dann wichtig, einen sicheren, gut bezahlten Job auf Lebenszeit zu bekommen, hetero zu heiraten, funktionierende Kinder in die Welt zu setzen und ein Eigenheim zu besitzen. Mein Haus, mein Auto, mein…, mein…, MEINS! Man sollte es zu was bringen und dieses Etwas war zwingend mit dem Anhäufen materieller Güter verbunden. Seine Arbeit darf man nicht mögen, vielmehr wird Stress mit noch mehr Leistung gleichgesetzt. Dabei bloß nicht auffallen und immer drauf achten, was die Leute sagen. Wie in dem Lied „Little Boxes“, kennst Du das? 

Dass meine Generation und vor allem die nach mir sich jetzt vorwiegend Themen wie Nachhaltigkeit und Teilen zuwendet, ist für Little-Boxes-Menschen natürlich schwer zu verstehen. Sie erkennen vielleicht gerade noch die Umwelt-Argumente an, wenn überhaupt. Ich habe mich da zumindest gedanklich schon früh abgegrenzt: So wie meine Eltern wollte ich auf keinen Fall werden!

Jetzt bin ich zwar doch verheiratet, wir besitzen eine Eigentumswohnung und mein Mann ist Beamter, sogar Jurist (was ich mir zu Unizeiten nie hätte vorstellen können 😉), aber er liebt seinen Job sehr. Ich selbst arbeite nach zwei akademischen Abschlüssen und einer Berufsausbildung hingegen nicht in einem Unternehmen, sondern von zuhause aus und das zum Teil ohne finanzielle Gegenleistung. Mein Anliegen ist es, ein gutes Leben für uns aber auch für andere zu ermöglichen, das aber nicht im materiellen Sinne, sondern im kulturellen und sozialen. Ich bereichere unser Leben durch Kontakte zu kreativen Menschen aus aller Welt, ich organisiere Treffen online und offline, bei denen es um die digitale Transformation und das Teilen von Wissen geht. 

Diese Arbeitsteilung haben mein Mann und ich von Anfang an so entschieden und sie bewährt sich nun schon seit 18 Jahren, wobei wir uns auch gegenseitig bereichern. Wir möchten aber auch gern dazu beitragen, den kulturellen Wandel unter die Leute zu bringen und dabei bin ich auf Dich und Deine Arbeit gestoßen. 

Wir versuchen zu teilen, wo es geht. Das erweist sich aber immer wieder als schwierig, da die meisten Menschen die Vorstellungen von Wert und Preis nicht trennen können. Wertschätzung kann für sie nur in Geld ausgedrückt werden. Etwas, das kein Geld kostet, kann für sie also nichts wert sein. 

Bei den von Dir initiierten Tagen des guten Lebens findet Geld bewusst nicht statt. Wie hast Du die Leute davon überzeugen können und was hat das mit Nachhaltigkeit zu tun?

Vertrauen statt Geld

Davide Brocchi

Nachhaltig meint Teilen statt Besitzen, Nutzen statt Parken. Wenn Nachbar*innen die Bohrmaschine miteinander teilen, dann muss nicht jeder eine Bohrmaschine kaufen. Aber die Kooperation und das Teilen haben eine wichtige Voraussetzung, nämlich Vertrauen. Das Geld ersetzt in unserer Gesellschaft Vertrauen. Die Menschen kommunizieren im Alltag durch das Geld: Kaufen und Verkaufen; ich arbeite für dich, dafür bekomme ich einen Lohn. 

Die Ökonomisierung der Gesellschaft hat dazu geführt, dass Menschen heute für Dinge Geld ausgeben müssen, die noch in den 1970ern unentgeltlich und selbstverständlich waren, zum Beispiel Solidarität. Das ökonomische Kapital hat einen Teil des “Sozialkapitals” in der Gesellschaft zerstört.

Deshalb ist der Tag des guten Lebens eine Art Schulung für ein unentgeltliches Miteinanderteilen. Auf den autofreien Straßen darf nichts verkauft und gekauft werden, nur das Miteinanderteilen und das Schenken sind erlaubt. Die Währung des Tages ist Vertrauen statt Euro. Vertrauen ist das, was über den Tag hinaus im Veedel bestehen bleibt.

Was ist dir beim guten Leben besonders wichtig?

Das gute Leben

Annette Schwindt

Das Konzept finde ich toll. Das sollte an viel mehr Orten durchgeführt werden. Na, mal sehen, wohin sich unsere Hausgruppe entwickelt. Vielleicht können wir es ja auf die angrenzende Nachbarschaft ausweiten?

Ich denke, dass Thomas und ich wie oben beschrieben bereits ein ziemlich gutes Leben aufgebaut haben und das nach Corona auch wieder offline pflegen werden. Am wichtigsten finde ich dabei, dass man sich gegenseitig hilft, für eine gute Gemeinschaft sorgt und auch die Umwelt nicht vernachlässigt. Das meine ich nicht nur lokal, sondern generell. Das gute Leben des einen sollte nicht auf Kosten von anderen gehen. 

Da hinzukommen, ist aber gar nicht so einfach. Wir haben z.B. vor ein paar Jahren angefangen, Konsum einzuschränken, Plastik zu reduzieren oder bei der Ernährung soweit uns möglich auf regionales, verantwortungsvoll angebautes und möglichst nicht vorgefertigtes Essen zu achten. Ich habe schon länger Fleisch reduziert, dann bis auf seltene Ausnahmen ganz weggelassen, Thomas kommt langsam auch auf den Geschmack. 

Mein Auto habe ich bereits bei meinem Umzug nach Bonn vor beinahe 20 Jahren verkauft, Thomas hat schon lange ein Hybridauto und überhaupt nur eins, weil es für ihn als Tetraplegiker sonst nicht möglich ist, selbständig von A nach B zu kommen. Öffentliche Verkehrsmittel oder Carsharing sind für ihn zur selbständigen Nutzung  nicht zugänglich. Es wird bei all der Transformation nämlich oft der Fehler gemacht, die Belange von Menschen mit Behinderung nur theoretisch einzubeziehen, praktisch aber niemanden zu fragen, der sich selbst damit auskennt. Die Umrüstung des Bonner ÖPNV war so eine Aktion. Da wurde viel Geld für angebliche Barrierefreiheit ausgegeben, die dann doch nicht für alle funktioniert.

Wie kann man sicherstellen, dass alle in die Transformation einbezogen werden und keiner auf der Strecke bleibt?

Das Problem der Ungleichheit

Davide Brocchi

Erstmal freut mich zu lesen, dass du und Thomas auf einem guten Weg zum guten Leben seid. Es gibt kein gutes Leben auf Kosten anderer – und viele Kosten unserer Lebensweise fallen außerhalb unserer Wahrnehmungshorizonte an. Die Menschen, die diese Kosten tragen, halten wir hinter den sichtbaren und unsichtbaren Mauern. Es wurden noch nie so viele Mauern errichtet und erhöht, wie in Zeiten der neoliberalen Globalisierung, sagte einmal der Philosoph Roberto Esposito. Diese Mauern stehen an den Grenzen Europas, zwischen USA und Mexiko, Israel und Palästina. Aber auch um die gated communities herum, innerhalb der wohlhabenden Länder. 

Reichtumskonzentration und Armut bedingen sich gegenseitig. Auf Überfluss zu verzichten, Reichtum und Arbeit bei uns gerecht verteilen, bedeutet, die Kosten für viele Menschen in Afrika oder Lateinamerika zu reduzieren – denn unser Überfluss bedeutet für sie Ausbeutung.

In einer Gesellschaft, die Status und Wettbewerb so hoch schätzt – und in der jeder nach oben will, gibt es notwendigerweise auch viele, die zurückbleiben. Als Dozent habe ich oft erlebt, dass die Note 1 deutlich mehr wert ist, wenn alle anderen eine 3 bekommen haben, als wenn alle eine 1 bekommen. Es geht in der sozialen Ungleichheit und im Wettbewerb darum, sich von der Masse abzuheben. Auch benachteiligte Menschen halten nicht unbedingt zusammen, wenn jeder versucht, sich gegen die noch schwächeren abzuheben – zum Beispiel Flüchtlinge.

Wir leben in einem System, das ständig sozioökonomische Ausgrenzung und Benachteiligung produziert. Wir können das Problem auf der Ebene der Symptome lindern, aber um das Problem zu lösen, müssen wir das System ändern. Weil gesellschaftliche Systeme materialisierte Kultur sind, müssen wir auch die “geistigen Baupläne” hinter dem Systemsändern. Wir brauchen einen Kulturwandel. Das ist die erste Antwort zu deiner Frage. 

Es gibt viele Formen von Diskriminierung. Männer und Frauen sind manchmal nicht einmal am selben Esstisch gleichberechtigt, von den Kindern gar nicht erst zu reden. Auch Senioren werden nicht zu den produktiven Kräften gezählt, also in Altenheimen weggeparkt. Viele Menschen haben nicht verstanden, dass dort, wo Armut, Diskrimierung und Ausgrenzung existieren, bestimmte Gruppen mehr leiden als die anderen, und doch sich das Problem auf fast alle Menschen negativ auswirkt. Auch wer kein Hartz IV bezieht, hat Angst vor dem sozialen Abstieg. Die UNO führt regelmäßig Umfragen über das Wohlbefinden der Menschen durch. Das Wohlbefinden ist dort höher, wo mehr soziale Gleichheit und eine Atmosphäre der Großzügigkeit herrschen. Da stehen skandinavische Länder oder Puerto Rico besser da als Deutschland.

Die Kultur der Ungleichheit und des Wettbewerbs widerspricht dem ersten Artikel des Grundgesetzes: die Würde des Menschen ist unantastbar. In ihrer Würde sind alle Menschen gleich. 

Ich finde die Toleranz für die Vielfalt der menschlichen Erscheinungen wichtig. Inklusion ist für mich keine Pflicht, sondern Ausdruck von Neugierde. In der biologischen Evolution hatte die Inzucht nie einen besonders guten Status. Das sollte auch für die kulturelle Evolution gelten: Je mehr sich andere Menschen von uns unterscheiden, umso mehr können wir voneinander lernen. Dialog setzt Augenhöhe voraus. Nachhaltigkeit bedeutet, die Komplexität in möglichst breiten Wahrnehmungshorizonten zu betrachten, statt in engen. Unsere geistigen Horizonte erweitern wir nicht, indem wir “unter uns” bleiben: Es braucht die Auseinandersetzung mit dem “Fremden”. Das ist meine zweite Antwort zu der Frage…

Wie ist deine Erfahrung mit Inklusion? Deine Perspektive darauf?

Gleichberechtigtes Miteinander

Annette Schwindt

Ich habe nie verstanden, wo das Problem liegt und wovor die Leute Angst haben. Ich fand es schon immer sehr spannend, neue Menschen kennenzulernen. Vor allem solche, die aus anderen Ländern kommen oder die ein ganz anderes Leben führen als ich. Das mag daher kommen, dass ich in meiner Familie von klein auf verschiedene Sprachen gehört habe und Menschen mit verschiedenen körperlichen Fähigkeiten oder unterschiedlicher Bildung erlebt habe. Vom Kindergarten an hatte ich auch Freunde aus anderen Ländern, als Schülerin und Studentin darüber hinaus viele Brieffreundschaften in alle Welt und seit ich das Internet nutze, kommuniziere ich in verschiedenen Sprachen mit Menschen auf der ganzen Welt. 

Wir haben ja oben schon über unseren Ansatz vom guten Leben gesprochen. Dazu gehört für Thomas und mich maßgeblich der Kontakt mit allen Arten von Menschen von überall her. Egal aus welchem Land, mit welcher sexuellen Orientierung, mit welchen körperlichen oder kognitiven Fähigkeiten mit welchem Alter, mit welchem Bildungshintergrund oder welcher Tätigkeit. Darauf basiert ja auch diese Rubrik der Bloggespräche hier. Auch hier versuche ich, von anderen zu lernen.

Außerdem bin ich aktiv in Sachen Inklusion von Menschen mit der Art von Behinderung, die in unserer Gesellschaft noch immer als deviant aussortiert wird. Durch diese Separierung von klein auf meinen viele, es ginge immer noch darum „die anderen“ mit der Gesellschaft der „Normalen“ kompatibel zu kriegen. Das wäre noch nicht mal Integration, geschweige denn Inklusion. Leider basiert dieses Fehlverständnis hierzulande noch immer auf dem Wohlfahrtsprinzip. Dass eine Gesellschaft, die jeden gleichberechtigt behandelt, für alle ein Gewinn wäre, verstehen viele nicht.

Nachdem mein Mann und ich öfter auf unsere Beziehung angesprochen wurden, haben wir von 2003 bis 2016 ein Dokumentationsprojekt online durchgeführt, bei dem wir und andere Paare mit einem Partner mit und einem ohne Behinderungsstempel unsere Kennenlerngeschichten erzählt haben. Damit haben wir gezeigt, dass es nicht auf körperliche Fähigkeiten ankommt, ob man einen Partner findet, sondern darauf, wie man mit sich und anderen umgeht. Bei meiner Öffentlichkeitsarbeit für paralympische Sportler habe ich dann auch angefangen, mich mit Sprache und Inklusion zu beschäftigen. 

Leider wird gerade Menschen mit Behinderung nicht immer zugetraut, sich gleichberechtigt in Entscheidungsprozesse einzubringen. Oder sie sind selbst so desillusioniert, dass sie es gar nicht erst versuchen. So werden dann viele vielleicht gut gemeinte, aber nicht praxistaugliche Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg getroffen und bis auf ein paar Aktivisten kommen sie in der Öffentlichkeit nicht vor. 

Haben sich denn in Deinen Projekten bisher schon viele Menschen mit Behinderung eingebracht und wie hat das den Prozess verändert? Mit welchen Barrieren hast Du bei Deinen Projekten generell zu tun?

Barrieren abbauen

Davide Brocchi

Zur ersten Frage: Unter den Aktiven gab es keine Menschen mit einer Behinderung im engen Sinne. Wenn wir am Tag des guten Lebens denken, da waren bestimmt auch Menschen mit Behinderung unter den 80.000 bis 100.000 Menschen vertreten. Alle, mit oder ohne Behinderung, haben am Tag des guten Lebens die Straßen für sich. Das heißt, eine Barriere wie das Auto, das den öffentlichen Raum im Alltag komplett in Anspruch nimmt, fällt weg.

Eine weitere Barriere habe ich bereits genannt: die soziale Ungleichheit. Menschen fühlen sich heimisch, wenn sie die anderen nicht von unten nach oben anschauen müssen. Wer im reichen Köln-Lindenthal wohnt, verkehrt selten in Chorweiler. Die soziale Ungleichheit hemmt die soziale Interaktion, also die Partizipation. Soziale Ungleichheit ist auch die Quelle sozialer Konflikte. Auch Depressionen können Ausdruck von verinnerlichten sozialen Konflikten sein, dabei richtet sich die Aggression nach innen statt nach außen.

Soziale Ungleichheit ist nicht nur Reich und Arm, sondern auch Akademiker und nicht, Mann und Frau, Einheimische und Nichteinheimische usw.

Soziale Ungleichheit meint nicht, dass die Armen das Problem sind. Der Tag des guten Lebens traf auf Barrieren, wenn Privilegien infrage gestellt wurden. Ein wohlhabender Einwohner kam nie zu den Nachbarschaftstreffen, schaltete aber einen Rechtsanwalt ein, um sein “Menschenrecht” des Autofahrens auch an dem einen Sonntag zu verteidigen. Die Widerstände gegen die Transformation sind oben nicht kleiner als unten – im Gegenteil.

Eine Barriere sind die menschlichen Grenzen im Umgang mit Komplexität – und wenn man Prozesse offen und inklusiv gestaltet, bedeutet dies auch mehr soziale Komplexität. Einerseits entsteht Überforderung und Überlastung dadurch, dass man irgendwo beim eigenen ideellen Anspruch immer scheitert. Es gibt immer etwas, was nicht berücksichtigt wurde oder werden konnte. Andererseits ist es tatsächlich so, dass Diskussionen, Entscheidungsprozesse… anstrengender werden, je breiter die Vielfalt am Tisch ist – und immer eine Selektion stattfindet, weil sie sich nicht jeder in der Freizeit antun kann und will.

Wo siehst du die größten Barrieren?

Transformation braucht Zeit

Annette Schwindt

Tja, wie kriegt man alle zusammen an einen Tisch? 

Ich tue mich selbst sehr schwer damit, wenn ich Intoleranz oder Abschottung begegne, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass Vertreter solcher Ideologien keine anderen Meinungen zulassen. Sie sind aus Prinzip dagegen, bieten aber keine eigenen Lösungsvorschläge. Wie soll man da zusammenkommen, wenn man noch nicht mal angehört wird. Vorurteile und Stereotype sehe ich daher als eine große Barriere an. 

Wie schafft man es überhaupt, bereits in der Keimzelle eines Transformationsprozesses möglichst inklusiv zu starten, um möglichst viele Menschen dafür zu interessieren mitzumachen? Das geht vermutlich nur über Empfehlungen, wenn da einer einen kennt, der wieder einen kennt…? In vielen Stadtteilen kennen sich die Nachbarn aber gar nicht mehr. 

Dann ist da auch noch der Zeitfaktor. Wer kann und wer möchte Zeit in Transformationsprozesse investieren? Und wie reagieren diejenigen, wenn etwas nicht gleich funktioniert? Du hast bei Deiner Session damals bei der #NEO19x auch angesprochen, dass das einen langen Atem braucht. Und wie frustrierend muss es sein, wenn man sich über längere Zeit mit Herzblut eingebracht hat und dann scheitert… 

Wie gehst Du damit um? Als Impulsgeber stößt Du Transformationsprozesse oder zumindest Reallabore dafür an und das Ganze ist nicht nur ein wissenschaftliches Interesse, sondern auch ein Herzensanliegen für Dich, oder? Wann weißt Du, dass ein Projekt in guten Händen ist und abgegeben werden kann? Bleibst Du dann weiter mit den Machern als Ratgeber in Verbindung? Und wie ist das für Dich, wenn ein Projekt nicht anläuft, oder Du vorzeitig das Team verlassen musst?

Loslassen können

Davide Brocchi

Wir sollten weniger über Projekte reden, und mehr über Prozesse. Ich habe selbst Grenzen, wie jeder Mensch – und dies führt dazu, dass ich immer wieder Erfahrungen wie Überlastung oder Ermüdung machen kann. Dann muss ich auf mein Inneres hören und die Bremse ziehen. Wir sind keine allmächtigen Wesen. Das heißt, ohne Pragmatismus geht es nicht. Ich muss akzeptieren, dass ich in einem Quartier nicht die Zeit habe, um mit 10.000 Einwohner*innen persönlich zu reden, obwohl dies der ideale Weg wäre. Was ich hingegen tue, ist Menschen zu motivieren, Teil eines Schneeballsystems zu werden. Jede motivierte Person führt zu einer doppelten Wirkung der eigenen, doch die Kombination von Lebewesen funktioniert ganz anders als die Mathematik. 1 Mensch plus 1 Mensch ergibt manchmal 3 oder 4 als Ergebnis, manchmal aber auch 0,5. Im Fußball weiß man, dass eine Mannschaft mit den besten Spielern nicht unbedingt jedes Spiel gewinnt, denn sie müssen auch gut zusammenspielen können.  

Ich bin ein freiheitsliebender Mensch – und man kann sich irgendwann sogar im eigenen Prozess gefangen fühlen. Das Loslassen fällt einerseits nicht leicht, wenn man in etwas viel investiert hat. Andererseits ist das Loslassen auch Freiheit, die Möglichkeit der Entlastung, der Neuorientierung, von neuen Erfahrungen. Man kann nicht nachhaltig handeln, wenn die Zeit zum Reflektieren fehlt. Ich mag weltoffene Prozesse, in denen jeder seine Individualität neben der Gemeinschaft bewahren kann – und die Gemeinschaft neben der Individualität. 

Das Loslassen fällt wesentlich leichter, wenn die eigene Investition dem Gemeinwohl dient. Schwieriger ist es, wenn die privaten Ambitionen Besitzansprüche erheben, wenn es um einen Eigennutzen geht. Ich investiere viel, um Räume zu öffnen – und Gruppendynamiken haben die starke Tendenz zur Selektion, bis ein uniformes “unter sich” entsteht. Partizipative Prozesse können nicht wirklich entstehen, wenn sich Hierarchien bilden – und doch bringt die Partizipation nicht immer die Fähigkeit mit, eine Offenheit im Prozess zu halten und zu schützen – gerade in freiwilligen Kontexten nicht. Hierarchien setzen sich oft in der Gesellschaft durch, weil sie auch Effizienz und Entlastung mitbringen. Nachhaltigkeit braucht jedoch auch Effektivität, und nicht nur Effizienz. Manchmal ist der schwierigste Weg der nachhaltigste. 

So oder so: Ein partizipativer Prozess kann nicht wirklich erfolgreich sein, wenn er von einer Person allein abhängt. Die Botschaft will vom Medium (vor)gelebt werden, um glaubwürdig zu sein. Wer Partizipation fördern will, muss so arbeiten, dass er sich im Prozess überflüssig macht. Es liegt in der Natur der Sache, dass die eigenen Kinder nicht immer den Weg gehen, den wir uns als Väter wünschen. Und trotzdem haben wir sie stark geprägt.

Was sind deine wichtigsten “Kinder” und in welchem Verhältnis stehst du zu ihnen heute?

Organische Entwicklung

Annette Schwindt

Stimmt, es sind ja keine abgeschlossenen Projekte, sondern Prozesse, die Du initiierst. Das heißt, Du hilfst, den Anfang zu machen für etwas, das von vornherein dazu gedacht ist, von anderen mit Leben gefüllt und fortgeführt zu werden. 

Meine „Kinder“ haben sich bisher immer organisch aus meinem Leben ergeben. Etwas ist mir aufgefallen, ich habe mit anderen darüber gesprochen und dadurch eine Idee gehabt, die ich dann einfach mal ausprobiert habe. Die Menschen, die ich dabei kennenlerne, werden oft Freunde und damit Teil meines Lebens, der wieder zu neuen Ideen führt und so weiter. Und ich vernetze sie auch untereinander.

So habe ich zum Beispiel bei der oben genannten Dokumentation Zweisames von den Büchern und Videotrainings von Peter Müller erfahren und damit HTML und CSS gelernt. Mit diesem Wissen habe ich dann Websites für andere erstellt. Die sah der norwegische Autor Pål H. Christiansen und bat mich, auch für ihn tätig zu werden. Dabei lernte ich Jon Buscall kennen, der mich zum Bloggen und Twittern brachte. 

So begann ich, mich professionell mit Social Media und WordPress zu befassen, startete mein Blog, das mir wenig später einen Buchvertrag einbrachte. Daraus entstand ein Bestseller über Facebook, der genau den Peter Müller, mit dem mein Weg in die professionelle digitale Kommunikation angefangen hatte, nach Facebook und mit mir ins Gespräch brachte. So wurde ich schließlich Fachlektorin für seine WordPress-Einführung und im vergangenen Jahr sogar für die in HTML und CSS (was ich ja ursprünglich von ihm gelernt habe). 

Gleichzeitig lernte ich durch meine Beschäftigung mit Facebook einen Verleger kennen, den ich auf Fjodor, die Kinderbuchreihe von Pål aufmerksam machte. Der Verleger entpuppte sich als der des legendären Klassikers Ritter Rost und so übernahm er nicht nur Påls Bücher, sondern zog auch noch Felix Janosa, den Komponisten vom Ritter hinzu, der für Fjodor ebenfalls Lieder komponierte. Die übersetzte Pål wieder ins Norwegische und kreierte so eigene Audiobücher. 

Als ich eigentlich Pause von der professionellen digitalen Kommunikation machen wollte, kam der Kontakt mit Kai zustande und ich lernte nicht nur, wie man ein Crowdfunding macht, sondern auch, was es bedeutet, wenn jemand einen Schlaganfall und Aphasie hat. Und auch hier entstand wieder einiges, das mein/unser Leben veränderte und von dem auch viele andere profitiert haben.

Bei meinen Anfängen in Twitter und Facebook hatte ich Gunnar Sohn kennengelernt, der mich zusammen mit Guido Schwan bereits per Videochat bei Barcamps für Vorträge zugeschaltet hat, als das noch nicht selbstverständlich war. Als Guido dann den Social Media Chat Bonn, einen analogen Stammtisch, gründete, lernten wir uns alle auch offline kennen. So kam es dazu, dass ich Gunnars Europatour #fuerMiliana dokumentiert habe und 2019 für seine „Next Economy Open“ getwittert habe. 

Dabei bin ich dann auf Dich aufmerksam geworden, habe inspiriert von Deiner Session die ersten Schritte zur Vernetzung meiner Nachbarschaft gemacht und bin Dir gleichzeitig via Social Media gefolgt. Schließlich hast Du Dich auch mit mir vernetzt und hier sind wir nun. 😉 Wer weiß, was daraus noch entstehen wird? Auf einige Freunde und Nachbarn hat es jedenfalls schon abgefärbt. 🙂 

Wie ist das bei Dir? Kannst Du Dein Leben von Deinen „Kindern“ völlig trennen, oder führen sie bei Dir auch organisch zu immer wieder neuen Ideen, die Du dann umsetzt und mit denen Du Dich auch persönlich weiterentwickelst?

Davide Brocchi

Man kann die Kinder nicht loslassen, wenn sie wenige Wochen alt sind, sonst sterben sie. Das heißt, Kinder im umfassenden Sinne brauchen immer eine kritische Masse, um überleben und sich selbstständig bewegen zu können; um Störungen und Konflikte zu bestehen. Das gilt auch für soziale Gebilde. Sie brauchen eine innere Energiequelle, die sie trägt. Wenn diese Energie zu schwach ist, gehen die Leute weg, empfinden die Gruppe als langweilig, übernehmen keine Verantwortung, wollen lieber ihre Kräfte woanders investieren. Diese kritische Masse braucht es in jeder neuen Initiative. Je größer eine Stadt ist, desto mehr Energie braucht eine neue Initiative, um sich in der Masse der Initiativen bemerkbar zu machen; um sich im Wettbewerb um Aufmerksamkeit zu bewähren. Der Tag des guten Lebens in Berlin hat mich noch mehr Kraft gekostet, als in Köln.

Meine “Kinder” haben sich unterschiedlich entwickelt – und je älter sie werden, desto mehr Väter und Mütter kommen hinzu. Gesunde “Kinder” leben vom miteinander Teilen – im privaten wie im sozialen. Auch Annette hat Bücher über HTML oder WordPress mit auf  den Weg gebracht, obwohl sie diese Systeme nicht selbst geboren hat (da ist dir eine harte Schwangerschaft erspart geblieben!). 

Manchmal zersetzen sich die Kinder, um als Teil anderer Wesen weiter zu leben – so wie es in der Natur ist, wo sich unsere Körper regelmäßig zersetzen und sich wieder neu bilden, hinter einem anderen Gesicht. 

So gut es geht, versuche ich Prozesse wissenschaftlich und schriftlich festzuhalten – so dass sie in mein Bewusstsein hineinwirken und anderen die Erkenntnis zugänglich gemacht wird. Das Verhältnis von Vater und Kind ist keins zwischen aktivem Subjekt (oben) und passivem Objekt (unten), sondern es ist ein Prozess der Wechselwirkung. Nach jedem “Kind” ist auch Davide Brocchi nicht mehr dasselbe Wesen wie vorher. Insofern lebt und wirkt eine Erfahrung auch in uns weiter. Das gehört auch zur Organik: Unsere eigene Identität ändert sich im Laufe des Lebens stark, der Tag des guten Lebens hat mich verändert. Transformation bedeutet auch, dass wir unsere Identität und Überzeugung immer wieder aufs Spiel setzen müssen. Nicht jeder will das, aber ich bin eben Migrant und dazu verdammt 😀

Ich erlebe die Transformation manchmal wie eine Reise, dafür muss ich nicht unbedingt als Tourist nach Afrika oder nach Australien fliegen. Es gibt so viel Nebenan, was entdeckt werden will. So viel Buntheit, die darauf wartet, entfaltet zu werden. Wie siehst du das?

Annette Schwindt

Ja, da hast Du recht. Es gibt so viel in der Nähe zu entdecken, das einen inspirieren und mit dem man etwas machen kann. Und dabei macht es auch immer etwas mit einem selbst. Vielleicht macht unser Gespräch auch den ein oder anderen Menschen neugierig, der das hier liest? Mir hat es jedenfalls viel Freude gemacht, mich hier mit Dir auszutauschen und ich freue mich, dass wir das auch weiter tun werden. Vielen lieben Dank dafür!

Davide Brocchi

Vielen Dank für die Einladung, Annette, es war mir eine Freude! 

Über meinen Gesprächspartner

Davide Brocchi

Davide Brocchi ist als Diplom-Sozialwissenschaftler, Forscher und Publizist freiberuflich tätig. 2020 leitete er das Projekt „Nachhaltigkeitskultur“ am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim mit. Seine Schwerpunkte sind die soziale und die kulturelle Dimension der Nachhaltigkeit, die Bildung unkonventioneller Bündnisse sowie die sozial-ökologische Transformation als partizipativer Prozess aus dem Lokalen heraus. Er ist Initiator vom „Tag des guten Lebens“ in Köln und Berlin. – https://www.davidebrocchi.eu

Foto von Davide: Teona Gogichaishvili
Avatar von Annette: tutticonfetti

In meiner Rubrik „Bloggespräche“ unterhalte ich mich mit einem Gegenüber über ein frei gewähltes Thema wie in einem Mini-Briefwechsel. Wer auch mal so ein Gespräch mit mir führen möchte, findet alle nötigen Infos dazu unter https://www.annetteschwindt.de/bloggespraeche/ und kann sich von dort direkt bei mir melden.


Diesen Beitrag weitersagen:

6 Antworten auf „Transformation und Nachhaltigkeit – Ein Bloggespräch mit Davide Brocchi“

Nachhaltigkeit und Transformation gehen meiner Meinung nach sowieso Hand in Hand, weil wir uns zu mehr Nachhaltigkeit hinbewegen müssen: Das kann nicht ohne Veränderungen der eigenen Lebensführung gehen …

Was für ein großartiges Bloggespräch, liebe Annette. Es beleuchtet die Nachhaltigkeit so großartig und ausführlich, dass ich Euer Gespräch sicherlich noch einmal lesen werde.
Dass wir u.a. eine Atmosphäre der Großzügigkeit (wieder) schaffen müssen ist auch mein großes Anliegen. Ich bin in einer solchen Atmosphäre aufgewachsen und vermisse sie immer mehr.
Nicht alles muss bezahlt werden!
Ich freue mich sehr, dass ich durch Anna Koschinski auf Dich und Deinen Blog aufmerksam wurde.
Beste Grüße aus dem Allgäu
Margaretha

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