Plötzlich 50 – Ein Bloggespräch mit Dirk Pohlmann

Dirk und ich kennen uns schon seit über 20 Jahren, und wir haben den Kontakt über Zeit und Entfernung gehalten – mal mehr, mal weniger intensiv, aber immer gerne. Unter anderem verfolgt er, was sich in meinem Blog tut, und hat auch schon einige meiner Gespräche auf Facebook kommentiert. Jetzt fanden wir beide, es ist an der Zeit für ein eigenes Bloggespräch. Und da wir uns nun schon so lange kennen, bot sich das Thema Älterwerden geradezu an – auch wenn ich im Gegensatz zu ihm die 50 noch vor mir habe. Also los:

Wo ist die Zeit geblieben?

Annette Schwindt

Mensch, Dirk, das hätten wir uns auch nicht träumen lassen, als wir uns Ende der 90er bei der Zeitung kennengelernt haben, oder? Du damals der junge, aufstrebende Volontär, ich die freie Mitarbeiterin, noch im Studium. Und weißt Du noch, wie Du dann mein Chef in der Außenredaktion in Schifferstadt warst, als ich volontiert habe? Wo ist die Zeit geblieben? 

Dirk Pohlmann

In der Schifferstadter Zeit war ich ja selbst noch Volo und bin jeden Tag 18 Kilometer zur Arbeit geradelt – einfach so…

Das mit der Zeit finde ich einerseits sehr einfach zu beantworten: Diese Jahre waren für mich spannend, voller Veränderung, aber auch voller Entwicklung, beruflich wie privat. Ich arbeite heute in einem völlig anderen Bereich, wie ja auch der Einstieg in den Journalismus nicht wirklich geplant war. Und drei Kinder haben mich auch geprägt: Plötzlich trug ich nicht mehr nur für mich und meine Frau Verantwortung, sondern auch für kleine Wesen, die auf mich angewiesen waren. Der Große ist inzwischen 15, da ist schon lange Umschalten auf ein gleichberechtigtes Miteinander angesagt. 

Andererseits bin ich sehr verblüfft, wie schnell diese Zeit im Rückspiegel vergangen ist. Viele Eindrücke von damals sind mir noch total gegenwärtig, als wäre es gestern gewesen. Zum Beispiel die absolute Sonnenfinsternis im Jahr 1999, oder eine Serie von Waldbränden, die es damals gab. Was ist Dir aus unserer gemeinsamen Zeit am meisten in Erinnerung?

Feuchtfröhliche Erinnerungen

Annette Schwindt

Dass es die beste Zeit war, die ich im Volo hatte. Mit Dir konnte man so entspannt arbeiten und immer auf Augenhöhe. Kein Kompetenzgerangel oder andere Spielchen wie in der Hauptredaktion. Dafür nochmal ein dickes Dankeschön! 

Dann erinnere ich mich an eine feuchtfröhliche Weihnachtsfeier, die für mich in der ersten Übernachtung auf der Couch in meiner noch nicht vollständig eingerichteten ersten eigenen Wohnung endete. Da hast Du mich noch ganz gentlemanlike nach Hause bis zur Tür geleitet. 

Und ich erinnere mich an die Sonntagsdienste in der Hauptredaktion, bei denen sich gegen Abend die Sportredaktion immer mehr zum Stammtisch der freien Mitarbeiter entwickelte. Vorneweg unser eigener Horst Schlämmer, alias das „Schorlemonster“, an dessen richtigen Namen ich mich nicht mehr erinnere. Nur dass er im fortgeschrittenen Alter mit einem sauteuren Rennrad ankam plus passendem Outfit, in das er seinen Bauch gezwängt hatte, und dass er zum Schreiben seiner Sportberichte jedesmal sukzessiv die alkoholischen Getränkevorräte abbaute, bis ihn zum Schluss seine Frau samt Rennrad mit dem Auto abholen musste.

Deine Hochzeit und ersten Ehejahre hab ich ja noch miterlebt, Du bei mir ein paar Freunde, dann meine Hochzeit und den Umzug nach Bonn. Da warst Du schon Wirtschaftsredakteur bei der regionalen Mutterzeitung. Von Deinen Kindern und was beruflich folgte hab ich dann nur noch via Social Media gehört. Aber irgendwie bist Du in meinem Kopf nicht gealtert. Erst als ich dann wieder ein Foto von Dir gesehen habe, fiel mir der Zeitabstand auf. Irgendwie fühlt man sich doch noch gar nicht so alt, oder? 

Das erste mal erwischt hat mich das Älterwerden, als ich von einem Schüler im Supermarkt gesiezt wurde. Da war ich Mitte zwanzig und empört! Wann ist Dir zum ersten Mal aufgefallen, dass Du von Jüngeren als einer von den Erwachsenen wahrgenommen wurdest und wie hast Du reagiert?

Eine Frage der Perspektive

Dirk Pohlmann

Danke für das Kompliment, ich habe auch sehr gerne mit Dir gearbeitet! Hach, was sind das für schöne Erinnerungen. Ja, der Kollege, seines Zeichens verdienter dpa-Mitarbeiter und damals für mich schon uralt. Er kam noch aus der Generation, die erst am Ende ihres Berufslebens mit Computern und DTP konfrontiert waren. Entsprechend konnte beim Schreiben ein Schorlchen getrunken werden: Korrektorat und Setzerei machten die Fehler schon raus – heute undenkbar. Dabei war er, als ich ihn kennenlernte, vermutlich nur ein paar Jahre älter als ich jetzt. Alles eine Frage der Perspektive. 

Genau wie die Wahrnehmung durch Jüngere: Dass Kinder und Jugendliche mich nicht als Gleichaltrigen behandeln, ist natürlich schon lange so. Schon als Student war ich ja kein Jugendlicher mehr und wurde entsprechend behandelt, ohne ein spezielles Schlüsselerlebnis nennen zu können.

Wesentlich gegenwärtiger sind mir meine Erfahrungen aus den letzten 10 Jahren. Ich arbeite für ein großes Unternehmen in der Energiebranche, und da haben wir immer auch Auszubildende, die eine Station in unserer Abteilung absolvieren. Diese jungen Leute wurden gefühlt immer jünger, die Geburtsdaten näherten sich immer mehr der Jahreszahl 2000 an. Inzwischen sind sie alle nach dem Jahr 2000 geboren, gehören also alle definitiv zur nächsten Generation. 

Ich habe an mir gemerkt, dass ich mehr und mehr eine Vater- oder besser Mentorenrolle eingenommen habe. So kamen die jungen Leute auch auf mich zu. Es ist für beide Seiten klar, dass da ein großer Abstand ist, sowohl beim Lebensalter als auch in der Perspektive und bei den Erfahrungen. Das war zunächst ungewohnt, ist inzwischen aber völlig ok.

Nochmal krasser ist es mir im Sommer 2019 ergangen, als ich im Unternehmen die Abteilung gewechselt habe, weg von der Kommunikation und hin zur Energiepolitik. In meiner neuen Abteilung bin ich der Älteste, meinen Abteilungsleiter eingeschlossen. Die meisten meiner Kollegen sind Anfang 30, haben promoviert und arbeiten jetzt zum ersten Mal in einem Unternehmen. Drei oder vier sind zudem frischgebackene Väter. Wir tauschen uns zu diesen verschiedenen Perspektiven auch ziemlich intensiv aus, und das hat mir sehr geholfen, meinen Platz in dieser tollen Truppe zu finden. Das sind alles Experten auf ihrem Gebiet, während ich Quereinsteiger bin. Dafür habe ich mehr Lebenserfahrung und kenne das Unternehmen seit vielen Jahren. Das ist ein sehr kommunikatives und fruchtbares Miteinander und macht mir riesig Spaß. 

Gibt es bei Dir Gelegenheiten zu Austausch und Zusammenarbeit mit der nächsten Generation? Wie erlebst Du das?

“Coole Tante” oder “Oma erzählt vom Krieg”?

Annette Schwindt

Da sind zum einen die Kinder aus der Familie oder von Freunden, für die ich einerseits der Elterngeneration angehöre, andererseits aber auch Freundin sein kann, zu der man gehen kann, wenn man von den Eltern Abstand braucht. Vor einer Weile bekam ich von meinem ältesten Neffen den Ehrentitel  „coole Tante“ verliehen, weil man mit mir so schön über Techkram reden kann und man mich auf YouTube und via Google findet. 😉

Was die Webaffinität angeht, bin ich für die Leute meiner Generation ja auch untypisch. Das merke ich nur im Freundeskreis nicht wirklich, weil inzwischen fast alle unsere Freunde entweder aus meiner Branche kommen, oder mit uns digital vernetzt sind.

Zum anderen sind da „die jungen Leute“, mit denen ich beruflich ab und an zu tun habe, z.B. wenn ich von Studenten der „Influencer“-Generation interviewt werde. Das sind völlig andere Welten als die Netzgemeinde, aus der ich komme. Wenn ich denen erzähle, wie das Web mal ursprünglich gedacht war, ist das wie wenn Oma vom Krieg erzählt. 

Dass ich älter werde, merke ich aber auch daran, dass das Thema Gesundheit (auch außerhalb von Corona) verstärkt in den Fokus rückt. Zwar sind Thomas und ich damit ohnehin ständig konfrontiert, aber im Freundeskreis tauchen nun öfter Dinge wie Schlaganfall, Krebs, ja sogar erste Todesfälle auf. Man beginnt, sich Gedanken um Patientenverfügung und Testament zu machen. Das ist schon krass. Wie gehst Du damit um?

Vorsorge treffen

Dirk Pohlmann

Meine Mutter sagt immer: Wenn Du über 40 bist und morgens beim Aufwachen nichts weh tut, bist Du tot. Ganz so heftig ist es zum Glück noch nicht, ich komme schon noch ohne große Wehwehchen aus dem Bett – seit Corona noch etwas früher, weil ich mich mit einem Kollegen jeden Morgen um kurz vor 6 Uhr zum Joggen treffe. Eigentlich laufe ich nur sehr ungerne, aber diese 20 Minuten täglich tun mir echt gut! Von daher ist das Thema “Alter und Krankheit” für mich zum Glück noch im Hintergrund – ich bin ja auch 50, nicht 80… 

An Patientenverfügung und Testament sind wir allerdings auch grade dran. Das ist eine unbequeme Perspektive – wer denkt schon gerne daran, dass das eigene Leben endlich ist oder dass ich morgen schon nicht mehr Herr meiner Selbst sein könnte? Aber ich habe auch das Gefühl, dass ich heute gelassener damit umgehen kann als noch vor wenigen Jahren. Die Einschläge kommen zwar gefühlt noch nicht näher, aber in der Generation vor uns wird das Thema sehr akut: Wie können wir das Haus verkaufen, wenn Vater oder Mutter dement werden und wir die Pflege finanzieren müssen? Wie lange sollen wir ihn oder sie künstlich am Leben halten? Unter dem Druck dieser Entscheidungen können Menschen sehr leiden, und das möchten wir unseren Kindern gerne ersparen. Daher war es keine Frage, dass wir das selbst regeln müssen.

Den unterschiedlichen Blick auf alles, was online passiert, merke ich natürlich auch. Zum einen an meinen jungen Kollegen, die eine Welt ohne Internet allenfalls als Kinder erlebt haben. Zum anderen aber ganz heftig an unseren eigenen Kindern. Wir verhandeln mit ihnen Themen, die wir selbst mit unseren Eltern nie hatten: Dürfen sie Whatsapp und TikTok nutzen? Wie lange dürfen sie pro Tag online sein? Ab wann brauchen sie ein Smartphone? Das ist anstrengend, aber es sorgt auch dafür, dass wir am Ball bleiben. Denn ich muss mich informiert haben, ehe ich mit meinem Ältesten diskutiere, warum er sich lieber nicht auf eine Karriere als Youtuber verlassen sollte. Und dass eine Begrenzung der täglichen Zeit vor dem Bildschirm eine sinnvolle Sache ist.

Mir fällt auf, dass wir das Thema “Älterwerden” bisher relativ stark aus der Perspektive Dritter diskutiert haben. Dabei finde ich den eigenen Blick genauso spannend: Wie nimmst Du Dich heute wahr? Bist Du noch die gleiche Annette, mit der ich damals Speyer und Schifferstadt unsicher gemacht habe? Oder hat die Zeit Dich (aus Deiner Sicht) zu einem anderen Menschen gemacht?  

Auf dem Weg zu sich selbst

Annette Schwindt

Nein, die bin ich glücklicherweise nicht mehr. Damals war ich sehr verloren und hatte noch keine Ahnung, wer ich wirklich bin und wo meine Stärken liegen. Ich habe getan, was Autisten üblicherweise tun, wenn sie sich in einem für sie unübersichtlichen Umfeld bewegen: Ich habe versucht, das zu machen, was ich bei anderen als sozial anerkannt beobachtet habe. Dieses Maskieren hat mich unendlich viel Kraft gekostet, ohne dass ich gewusst hätte warum. Ich habe ja erst mit über 40 rausgefunden, was bei mir Sache ist. Hätte ich das früher gewusst, hätte ich mir viele schmerzhafte Erfahrungen erspart. Das war erstmal ein richtiger Schock, dann eine Befreiung. Seitdem lerne ich mich nochmal komplett neu kennen.

Glücklicherweise bin ich in meinem Leben immer wieder Menschen begegnet, die mich mit neuen Perspektiven bereichert haben. Zum einen auf das, was wirklich wichtig im Leben ist, zum anderen darauf, wer ich bin und was ich kann. Und diese Begegnungen gehen immer weiter. Dafür bin ich sehr dankbar! 

Trotz aller Fortschritte bin ich aber noch längst nicht bei mir angekommen. Ich glaube, das tut man auch nie ganz, denn man verändert sich ja immer weiter. So bleibt es aber auch spannend. Und wenn man dann Freunde und einen Partner hat, die diesen Weg mit einem mitgehen, dann kann man sich echt glücklich schätzen.

Schlimm finde ich es, wenn Menschen glauben, einem Jugendwahn und irgendwelchen Äußerlichkeiten hinterherrennen zu müssen. Ich finde es doch gerade interessant, wenn man jemandem seine Lebenserfahrung auch ansieht und ich mich mit ihm/ihr darüber austauschen kann. 

Ich finde es auch schön, dass Menschen aller Altersstufen zu mir kommen, um sich Rat (nicht nur in digitalen Dingen) zu holen. Und das seit ich denken kann. Eine gute Freundin hat mich mal als „Yinbrumme“ bezeichnet, also u.a. als sehr mütterliche Person. Das wird mit dem Älterwerden vermutlich noch stärker. Ich freue mich schon darauf, wenn wir nach Corona wieder unsere Tür für andere öffnen können! 🙂

Wie ist das bei Dir? Wie hast Du Dein Älterwerden bisher erlebt und was hast Du dabei über Dich gelernt? 

Gestresst mit 40, gelassen mit 50

Dirk Pohlmann

Im Vergleich unserer Historien habe ich keinen solchen Sprung erlebt wie Du. Die einschneidendsten Erlebnisse waren sicher die Geburten unserer Kinder und die beruflichen Neuorientierungen. Da musste ich meine Rolle und mein Selbstbild wenigstens in Teilen neu stricken. Ansonsten lief meine Entwicklung in den vergangenen 20 Jahren aber über weite Strecken langsam und wenig spektakulär. Ich denke, wenn ich mein 30jähriges Ich heute neben mich stellen würde, fiele mehr Gelassenheit auf, dazu mehr Kommunikationsfreude, Selbstbewusstsein und Lebenserfahrung – aber auch eine gewisse Gesetztheit, weniger Tatendrang, mehr Akzeptieren des Status Quo. 

Vielleicht war mein 50. Geburtstag im vergangenen Jahr auch wegen dieser unspektakulären Entwicklung so besonders für mich: Er hat einen Einschnitt markiert. Ich bin definitiv nicht mehr jung, auch wenn ein Teil von mir sich darüber nach wie vor wundert. 

Dabei konnte ich den 50. viel gelassener angehen und genießen als den 40. – den habe ich damals komplett ignoriert, weil er mich echt angefasst hat und ich nicht feiern wollte. Ich hatte damals das Gefühl, dass sich mehr und mehr Türen schließen, dass es immer mehr Dinge gibt, die ich nicht mehr tun werde. Das ist jetzt nicht mehr so. Dieses Akzeptieren des Älterwerdens würde ich mir gerne bewahren und in die nächsten Jahrzehnte mitnehmen, vor allem dann, wenn echte Wehwehchen dazu kommen. 

Ein weiterer Aspekt, der in den vergangenen Monaten deutlicher geworden ist, dreht sich um das Ende des Berufslebens. Unsere private Altersvorsorge ist auf einen Ruhestand mit 65 ausgerichtet, das sind noch 15 Jahre – nicht übermorgen, aber eben auch nicht mehr die völlig unabsehbare Zeitspanne, die es mit 30 war. Bis dahin sollte ich meine anderen Interessen ausbauen, um dann nicht in ein Loch zu fallen. 

Wie gehst Du diesen Gedanken an? Bei Dir sind ja vermutlich Beruf und Hobby wesentlich dichter zusammen als bei mir. Siehst Du Dich mit 70 noch bloggen oder als Beraterin für Kommunikation? Die “Yinbrummen”-Rolle (wunderbares Wort!) auf der menschlichen Ebene wird Dir ja auf jeden Fall bleiben. 

Lebenslanges Lernen 

Annette Schwindt

Ja, da sehe ich bei mir keine Probleme kommen, es sei denn, ich bin irgendwann nicht mehr in der Lage, mit Sprache zu agieren. Das kann mir mit meiner Vorerkrankung jederzeit passieren, wie Kais Geschichte zeigt. Aber solange mir das erspart bleibt, kann ich weiter bloggen, lektorieren, digitale Kommunikation beratend begleiten oder umsetzen, Projekte dokumentieren. Oder ich finde was Neues, das ich tun kann. Es bleibt sicher spannend.

Eine Unterteilung in Arbeitszeit und Freizeit ist mir ziemlich fremd. Was ich tue, tue ich mit Herzblut. Es bringt mich mit anderen Menschen in Kontakt, die ich auch miteinander vernetze, so dass wir möglichst viele Menschen mit dem bereichern, was wir tun. Natürlich mache ich auch mal was für mich oder mit anderen einfach nur so. Aber im Endeffekt lerne ich mein Leben lang alles mögliche und weiß nie, wo ich es mal brauchen kann. 

Die strikte Trennung von Arbeit und Freizeit, vor allem in Kombination mit einem einzigen festen Job auf Lebenszeit und dem Konzept Erwerbsarbeit generell, ist nach Meinung vieler, die sich damit beschäftigen, ohnehin ein Auslaufmodell. Das basiert noch auf den Prinzipien der Industriegesellschaft. Künftig werden die Menschen ganz verschiedene Tätigkeiten ausüben, aber nicht, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, sondern um sich sinnvoll zu betätigen und etwas zum Gemeinwohl beizutragen. Was sie zum Leben brauchen, wird von der Gemeinschaft bereitgestellt. Wie genau das funktionieren kann, das versuchen wir gerade herauszufinden. 

Ob wir noch mitbekommen werden, wie das konkret umgesetzt werden kann, wage ich zu bezweifeln. Aber in dem Wandel drinnen sind wir schon längst. Diese Transformation mitzugestalten finde ich extrem spannend. Und das ist keine Frage des Alters, nur des Offen- und Neugierigseins für/auf die Zukunft. Dann gibt es auch kein „Papa ante portas“. 😉 

Ich lebe dieses neue Modell in den meisten Punkten schon seit ich nach Bonn gekommen bin. Daraus haben sich viele spannende Dinge ergeben, die nicht nur mein Leben, sondern mithilfe der dabei entstandenen Kooperationen das Leben vieler anderer Menschen bereichern. Ich lerne ständig dazu und das wird wohl bis an mein Lebensende so bleiben. Und wer weiß, was dann erst kommt?! 

Hast Du denn schon Ideen, was Du machen willst, wenn Du in Rente gehst? Und machst Du irgendwas davon jetzt schon?

Die Zukunft wird spannend

Dirk Pohlmann

Ich werde unser Einkaufsverhalten optimieren. Da sind echte Rabatte drin, wenn man gleich sechs Paletten Senf abnimmt! 😉 (Wer mit der Anspielung nichts anfangen kann, sollte dringend den Film “Papa ante portas” mit Loriot in der Hauptrolle anschauen, auf den Du oben ja schon hingewiesen hast!)

Nein, im Ernst: Darum habe ich mir bisher noch keine Gedanken gemacht. Hey, ich bin 50, nicht 65! Es wird bis dahin sicher noch das eine oder andere geben, das mich neu interessiert, womit ich mich beschäftige und wo ich meine Zeit sinnvoll investieren kann. Was mir sicher bleiben wird, ist das Engagement in der evangelischen Kirche. Ich würde zum Beispiel sehr gerne eine Weiterbildung als Lektor machen, also als Laie mit der Befähigung, Gottesdienste zu halten. Dazu fehlt mir im Moment noch die Zeit. 

Die von Dir angesprochene “neue Arbeit” (das englische Schlagwort ist ja “New Work”) ist natürlich hochspannend, weil es das komplette Gesellschaftsmodell von Grund auf neu denkt. Es würde jetzt wohl zu weit führen, wenn wir uns daran noch abarbeiten würden, daher nur ein, zwei Gedanken dazu: Bietet “New Work” auch ein Modell, in dem KlempnerInnen, MüllfahrerInnen und VerkäuferInnen vorkommen? Und wie unterscheidet sich “New Work” vom real existierenden Sozialismus? Verstehe mich nicht falsch, ich finde viele dieser Ideen faszinierend und zukunftsweisend. Ich habe nur manchmal das Gefühl, dass einige aus einem soziologisch-intellektuellen Elfenbeinturm kommen. Um zu funktionieren, müssen sie aber alle Arten gesellschaftlich notwendiger Funktionen mitdenken, auch die unbeliebten und körperlich anstrengenden. Und sie müssen alle Menschen mitnehmen.

Es wird spannend werden, die kommenden Jahrzehnte aus unserer Sicht zu begleiten. Auch das hat ja etwas mit dem Älterwerden zu tun: Die Perspektive ändert sich, weil wir mehr Erfahrung mit einer kürzer werdenden Restlebenszeit verbinden. Ich versuche, diese Perspektive meinen Kindern zu vermitteln, die natürlich ihre eigene haben. Und ich erinnere mich, dass meine Eltern das mit mir auch getan haben – und wie ich das furchtbar altmodisch und aus der Zeit gefallen fand. Wie hast Du das weiter oben formuliert? “Wie Oma vom Krieg” – genau das Gefühl meine ich. Dabei finde ich unsere Erfahrungen durchaus noch relevant, denn so sehr sich die Umstände ändern, der Mensch als solcher bleibt doch ziemlich gleich. 

Wie würdest Du Deine Lebenserfahrung in diesem Zusammenhang auf einen Punkt bringen? Was bleibt im (bisherigen) Rückblick unter dem Strich, das Du gerne weitergeben würdest?

Interessiert Euch für Neues!

Annette Schwindt

Zunächst mal muss ich hier ein paar Punkte klarstellen: Was mittlerweile so alles als „new work“ bezeichnet wird, hat mit dem ursprünglichen Konzept von Zukunft der Arbeit nicht mehr viel zu tun. Und mit Sozialismus auch nicht. Man darf halt nicht versuchen, die Prämissen der Leistungs- und Industriegesellschaft zu übernehmen. 

(Erwerbs-)Arbeit und Tätigkeit sind zwei verschiedene Dinge. Das Konzept von der ungeliebten Arbeit, die man nur auf sich nimmt, um seinen Lebensunterhalt zu sichern und die umso anerkannter ist, je mehr Stress sie verursacht, ist ein Konzept der Wachstumsgesellschaft, die noch aus Zeiten der Industrialisierung herrührt. Dass das so nicht weitergehen kann, sehen wir ja gerade.

Tätigsein hingegen bedeutet etwas zu tun, das für einen selbst und andere sinnvoll ist, ohne dass dieser o.g. Ballast daran hängt. Und dann gibt es Leute, die tüfteln gern handwerklich und helfen anderen. Außerdem wird noch viel mehr maschinell erledigt werden, als das heute schon der Fall ist. Wir stehen da ja gerade erst am Anfang, siehe z.B. mein Bloggespräch zum Thema Handwerk und Digitalisierung oder die Gespräche von Gunnar Sohn zum Thema 3D-Druck. Wer zum Thema Zukunft der Arbeit mehr erfahren möchte, kann das eBook von meinem Mann Thomas Reis lesen. Das führt hier sonst tatsächlich zu weit.

Wichtig ist, dass man versteht, dass Lernen ein lebenslanger Prozess ist und Spaß machen kann, wenn er nicht an so ein bulimisches Bildungssystem wie unser jetziges geknüpft ist. Und dass man themenbezogen und altersübergreifend miteinander lernen kann, statt rein theoretisch, in Konkurrenz und nach Fächern abgetrennt.

Das ist es auch, was ich gern vermitteln möchte: Interessiert Euch für Dinge! Seid offen dafür, Euch ein Leben lang geistig zu bewegen, Dinge in Frage zu stellen, zu durchdenken und Neues zu entdecken. Tauscht Euch aus und lernt mit- und voneinander und das nicht für Prüfungen oder Leistungsnachweise, sondern tatsächlich fürs Leben, egal ob mit 5 oder mit 50. Dann kommt es auch nicht mehr zum  Papa-ante-portas-Phänomen. 😉

Danke, dass Du Dir die Zeit für dieses Gespräch genommen hast. Wir können ja dann in 15 Jahren ein Follow-up machen. 😉

Über meinen Gesprächspartner

Dirk Pohlmann

Dirk Pohlmann ist studierter Sozialwissenschaftler, gelernter Journalist, PR-Mensch, Energiefachmann, Vater, Weintrinker,  Nichtraucher, Leser und Sänger aus Leidenschaft, Sportler Jogger aus Vernunft, ganz allmählich von den Einheimischen als Zugezogener in der Pfalz akzeptiert, im vergangenen Jahr 50 Jahre alt geworden. Und ein Fan von Annette, die großartige Texte schreibt und eine im besten Sinne herausfordernde Gesprächspartnerin ist.

Foto von Dirk Pohlmann: privat
Avatar von Annette Schwindt: tutticonfetti

In meiner Rubrik “Bloggespräche” unterhalte ich mich mit einem Gegenüber über ein frei gewähltes Thema wie in einem Mini-Briefwechsel. Wer ebenfalls mal so ein Gespräch mit mir führen möchte, findet hier alle nötigen Infos dazu und kann sich von dort direkt bei mir melden: https://www.annetteschwindt.de/bloggespraeche/


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