Lernen ist wie Atmen – Ein Bloggespräch mit Dr. Christoph Schmitt

Ein Vortragender, der mir bei meiner Mitwirkung bei der Next Economy Open 2019 #NEO19x besonders aufgefallen ist, ist Dr. Christoph Schmitt aus Luzern. Er sprach so engagiert über Bildung und Lernen, dass ich richtig mitgerissen wurde. Wir blieben via Social Media in Kontakt und schließlich fragte ich ihn, ob er nicht Lust zu einem Bloggespräch hätte. Er hatte, und hier kommt es:

Annette gezeichnet von tutticonfetti

Es freut mich wirklich sehr, dass Du Dich zu diesem Austausch hier bereit erklärt hast, lieber Christoph! Dein Vortrag bei der #NEO19x war einer der Auslöser für mich, mich noch mehr mit dem Weitergeben von Wissen bzw. dem Helfen beim Selbstlernen zu beschäftigen. Ich schreibe seit Jahren über digitale Kommunikation – ob als Blog, in Gastartikeln oder in Büchern. Ich gebe kostenloses Mentoring und versuche auch bei Beratungskunden die Neugier zum Lernen und sich Weiterbilden zu wecken. Schließlich habe ich ursprünglich auch so mein Wissen in Sachen digitaler Kommunikation erworben – damals, als das Web noch kein Mainstream war und das gegenseitige Helfen und Zusammenarbeiten selbstverständlich. Leider ist das in der Kommerzialisierung der digitalen Kommunikation untergegangen… Ich versuche mit meinen Möglichkeiten, dem etwas entgegen zu halten und freue mich über jeden, der digitale Transformation auch lebt und damit Sinnvolles zu bewirken versucht. So hilfst Du beispielsweise anderen, das Lernen neu zu lernen. Wie bist Du zu dieser Tätigkeit gekommen und wie genau machst Du das?

Dr. Christoph Schmitt

Für mich ist Lernen eine wunderbare Eigenschaft des Menschen. Keine Fähigkeit sondern eine Eigenschaft. Wie das Atmen auch. So wenig ich nicht nicht atmen kann, kann ich nicht nicht lernen. Solange ich lebe, atme ich, und solange ich lebe, lerne ich. Beide halten mich am Leben. Und so wenig ich das Atmen einstellen kann, wenn die Luft verpestet ist, so wenig kann ich das Lernen einstellen, wenn die Lernumgebung schlecht ist. Wenn also quasi das Lernklima vergiftet ist. Lernen ist eine Eigenschaft, mit deren Hilfe ich mir bestimmte Fähigkeiten aneigne oder entwickle: Mich in der Welt zurecht zu finden, mich in der Welt auszukennen, mich an die Welt anzupassen, die Welt zu gestalten. Das Lernen ist für mich so etwas wie ein inneres Navigationssystem. Mit Hilfe von Neugier und Intuition entdecke ich die Welt und finde heraus, was die mit mir zu tun hat und ich mit ihr. Wir nutzen alle unsere Sinne und alle kognitiven Fähigkeiten und Leistungen, um uns mit Hilfe dieser Eigenschaft des Lernens zu entwickeln.

Was hältst Du von diesem Zugang zum Thema Lernen? Kannst Du damit etwas anfangen und wenn ja was? Welche Bilder und Vorstellungen lösen diese Gedanken zum Thema Lernen bei Dir aus?

Annette gezeichnet von tutticonfetti

So habe ich das noch nie betrachtet, aber es stimmt: Unser Gehirn knüpft ständig neue Verbindungen aufgrund der Erfahrungen, die wir machen. Und das ob wir wollen, oder nicht. Und immer ganz individuell. Das zu beobachten ist für mich besonders spannend bei einem Freund, der einen Schlaganfall hatte und jetzt vieles neu lernen muss. Was und vor allem wie da manches wieder hochkommt, ist oft ganz unerwartet, weil auf ganz eigenen Verknüpfungen basierend.

Oder wenn man sich daran erinnert, was man selbst aus der Schul- und Unizeit noch weiß und was gleich wieder verschütt gegangen ist. Oft liegt es gar nicht, wie angenommen, am Fach, sondern daran, wie und von wem es vermittelt wurde. Und die Lehrenden, die die einen gut finden, sagen anderen wieder gar nichts. Es ist schade, dass Lernen noch immer so mit Pauken und Auswendigwissen assoziiert wird, statt mit spielerischem Zugang, Neugier und spannenden Inhalten.

Aber Du hast meine Frage nicht beantwortet: Wie motivierst Du andere dazu, das Lernen neu zu lernen? Und was hat die Digitalisierung damit zu tun?

Dr. Christoph Schmitt

Wenn ich meine Metapher von vorhin nochmal bemühe, dann kann ich andere gar nicht zum Lernen motivieren, so wenig ich jemandem zum Atmen motivieren kann. Wenn Menschen mit mir Kontakt aufnehmen, dann sind sie bereits motiviert zu lernen! 

Also nicht: Ich darf oder soll sie nicht motivieren, sondern: ich kann es schlicht nicht, weil sie es einfach jederzeit tun und nie nicht. So wenig wir Menschen motivieren müssen zu sprechen oder zu laufen oder zu lesen, tun wir es in punkto Lernen. Sie tun es, wenn es bei ihnen dran ist. Alles, was sie dazu brauchen, ist ein sprechendes, laufendes und lesendes Umfeld. Diese Erfahrung ist längst gemacht und belegt. Sie tun es nicht besser oder schneller, weil oder wenn wir es “fördern”. Im Gegenteil, wir reißen einen Menschen damit aus seiner/ihrer Eigenzeit. Es macht auch keinen Sinn zu sagen: “Menschen wollen lernen.” So wenig wie sie atmen wollen. Wir tun beides, Lernen und Atmen, weil wir Menschen sind.

Das sind nicht einmal radikale Einsichten, sondern Beobachtungen, die du machen kannst, wenn du Menschen in Ruhe lässt, sie ihre Zeit finden lässt. Wenn du da bist, wenn sie dich brauchen und fordern. Es sind aber auch Erfahrungen, die du mit dir selber machst. Täglich. Wir achten einfach viel zu wenig darauf, wie sehr wir selber Lernende sind. 

Mit Digitalisierung hat das erst einmal wenig zu tun. So wenig wie das Lernen durch die Erfindung der Schrift oder des Buchdrucks oder der Maschinen verändert wurde. Alle drei waren Möglichkeiten, die sich der Mensch erschaffen hat, um seine/ihre Möglichkeiten zu erweitern. So ist das auch mit der Digitalisierung. Sie ist eher eine Folge, ein Ausfluss, ein Resultat des unendlichen Antriebs des Lernens und nicht etwas, “das wir zu lernen haben”. 

Woher kommen nur diese scheinbar unausrottbaren Vorurteile und Missverständnisse über das Lernen? Was denkst Du? 

Annette gezeichnet von tutticonfetti

Die Vorurteile kommen vermutlich von den leidvollen Erfahrungen, die bestimmt jeder im Zusammenhang mit Schule oder sonstigen Bildungsinstitutionen hat. Da wird Lernen mit Zwang assoziiert, den man dann auf Schule oder Bildungsinstitutionen bezieht, im Gegensatz zur vermeintlich lernfreien Freizeit, in der man sich erholt. Jeder erinnert sich doch an unzählige solcher Erfahrungen und der Frust darüber sitzt tief. – Natürlich ist Lernen viel mehr und passiert ständig. Aber das ist nicht das, was Ottonormalverbraucher mit dem Wort Lernen verbindet. 

Man hört Lernen und denkt Schule: Aufmerksamkeit und Stillsitzen an, Wissen rein, Wissen wiederkäuen, Note kriegen und auf zum nächsten Thema und wieder von vorn. Eigenständig denken lernen, Dinge hinterfragen oder eigene Lösungswege finden – wird nicht unterstützt. 

Wenn ich heute anderen erzähle, dass ich z.B. aus alltäglichen Begebenheiten, oder gar aus schmerzhaften Erlebnissen etwas gelernt habe, dann wird das von ihnen eher unter “Erfahrungen machen” verbucht als mit dem bösen “Lernen” in Verbindung gebracht. Weil unser Bildungssystem uns das so eingetrichtert hat: Lernen ist nichts Schönes, sondern eine verdammt ernste Sache, bedeutet Zwang, führt zu Bewertung und immerwährenden Versagensängsten. 

Vermutlich wird von vielen deswegen auch alles Neue erstmal als Bedrohung interpretiert statt mit Neugier darauf zuzugehen. Das erlebe ich gerade in Sachen digitaler Kommunikation jeden Tag. 

Wo kann man ansetzen, damit sich daran etwas ändern kann? Das Bildungssystem zu reformieren scheint ja eine schier unlösbare Aufgabe zu sein… Gibt es etwas, das jeder selbst tun kann? 

Dr. Christoph Schmitt

Für mich hat die Veränderung u.a. damit begonnen, dass ich über die Welt der Sprache und der Gespräche kritisch wurde; dass ich angefangen habe, ihrer Normativität und ihren Routinen zu misstrauen. Den Sprachspielen meiner Welt zu misstrauen. Den theologischen, den moralischen, den politischen Sprachspielen, den Beziehungs-Sprachspielen. 

Diese Art der Reflexivität, mit der ich ja hinter alle menschlichen Phänomene gehen kann, nicht nur hinter die sprachlichen, half mir, Bestehendes, Unhinterfragtes zu dekonstruieren, zu hinterfragen, zu durchschauen auf das, was dahinter liegt. Das sind ja alles schon Bewegungen, die genuin mit Lernen zu tun haben. Es sind die Werkzeuge, die sich das Lernen sucht. Und so wurde ich ein Analytiker. Von der Stelle und vom Fleck, weiter im Leben, komme ich, so meine Erfahrung, durch Reflexion. 

Du fragst, was jeder selbst tun kann in dieser Sache. Ich denke, jeder kann immer nur alles selbst tun (oder ein anderer macht’s, dann ist’s aber nicht mehr meins). An meiner Stelle kann niemand etwas tun, nur an seiner oder ihrer Stelle. Alles andere ist juristische (“Stellvertretender Direktor”) oder theologische (“Jesus stirbt für unsere Sünden) Konstruktion. Gerade beim Thema Lernen gibt es nur das “selber”. Wie beim Atmen. Da kann mich zwar im Notfall eine Maschine mit Sauerstoff versorgen, aber das bezeichnen wir ja nicht als Atmen. Auch beim Lieben ist das so. Das kann ich nur selber 🙂 Von Anfang an.

Zugleich bin ich gerade beim Lernen (und beim Lieben) immer auf andere ausgerichtet, weil Lernen ein soziales Phänomen ist. So sehr es meine eigene Aktivität ist (“selber”), so sehr ist es sozial. Ein Wir-Ding. Das unterschlagen wir in der Schule sträflichst. Zwar pferchen wir die Kids in Klassenzimmer, individualisieren dann aber sofort: Leistung, Bewertung und Benotung ordnen wir dem Individuum zu, ja verbieten ihm bei Strafe, zu kollaborieren. Bei Zeugnis, Lohn und Arbeit ist das auch so. Wie seltsam, denn uns Menschen gibt’s ja nur als Systeme in Systemen. Selbst die herausragende Einzelleistung kommt nur aufgrund unterstützender Systeme auf den Weg, je herausragender umso mehr Unterstützung. 

Also erste Antwort: Ich erkenne, dass ich, was mein Lernen betrifft, alles selber in der Hand habe.

Zweite Antwort: Ich erkenne, dass ich mir andere suchen muss und mich von anderen finden lassen, um Lernen als soziales Phänomen anzupacken. Das steckt für mich hinter den Anliegen der 4K: Kollaboration, Kreativität, Kommunikation, kritisches Denken. Alle vier kann ich nur selber lernen, ich lerne sie aber ausschließlich, indem ich sie mit anderen zusammen praktiziere. Da kommt nirgendwo “Lehre” vor, nur Lernen.

Gegenwärtig sind wir so geprimt, dass wir etwas & alles für uns selber lernen, und dann, danach, irgendwie das mit anderen irgendwie zusammenbringen. Das ist der fundamentale und unausrottbare Irrtum, den unsere Kultur via Bildungssystem brav reproduziert. Da müssen wir raus. Schleunigst. Andere Lernerfahrungen machen – und das geht nur, indem ich das selber in die Hand nehmen. Die Infrastruktur und alle anderen Möglichkeiten liegen uns mit dem Internet zu Füßen. Wir brauchen nur noch damit anfangen. 

Was hält Dich davon ab?

Annette gezeichnet von tutticonfetti

Nichts. Seit ich Internet habe und v.a. seit Social Media lerne ich vorwiegend im Austausch mit anderen. So sind auch meine beiden Bücher entstanden. Ich habe andere gelesen, mit ihnen Gespräche geführt, meinen eigenen Weg entwickelt und dokumentiert und Fragen gestellt, bin darüber mit anderen ins Gespräch gekommen, habe Rückfragen bekommen, die wir zusammen ergründet haben, und wurde schließlich von den Lesern gebeten, das auch als Buch zu veröffentlichen. Das wurde dann allerdings von den meisten wieder wie im Frontalunterricht benutzt, zumal das vom Verlag vorgegebene Format auch darauf ausgerichtet ist. 

Via Mentoring und Blog versuche ich, andere auf Menschen und Gespräche neugierig zu machen und auf all die tollen Dinge, die daraus entstehen können. Das verläuft aber größtenteils echt zäh… Zu viele wollen nur beschallt werden und sturen Anweisungen folgen. Das ist manchmal wirklich zum Verzweifeln.

Dadurch lerne dann aber ich wenigstens wieder etwas. Über die Menschen, über mich selbst. So zum Beispiel, dass ich tatsächlich allein oder 1:1 besser lerne und arbeite als in Gruppen. Aber nicht aus den von Dir genannten Gründen, sondern, weil mein Hirn so verdrahtet ist, dass ich schneller und strukturierter bin als viele andere. In den seltenen Fällen, wo ich mal mit gleich gestrickten Leuten zu tun habe, ergibt das immer ein Ideenfeuerwerk. Leider sind die nicht so oft zu finden. Mit den anderen ist es für mich meist furchtbar frustrierend.

Wie schaffst Du es, die Motivation bei Deiner Tätigkeit zu behalten? Du hast ja kürzlich festgestellt, dass Vorträge etc. vielleicht nicht der richtige Weg für das sind, was Du den Menschen mitteilen möchtest. Welchen Weg möchtest Du stattdessen gehen? 

Dr. Christoph Schmitt

Ich verliere die Motivation eigentlich nie. Muss mich auch nicht wirklich motivieren. Ich habe meine Leidenschaft und meine Themen gefunden. Ich gehe den Weg der echten Einladungen in gemeinsame Lernprozesse, die Prozesse des Wachsens sind für alle Beteiligten. Lernen ist für mich tatsächlich ein soziales Ding. Ich verstehe mich immer als Teil eines Lernprozesses, nicht als jemand Lehrender oder Vermittelnder im Sinne einer Funktion oder Aufgabe. Lernprozesse sind für mich immer reziprok.

Annette gezeichnet von tutticonfetti

Das erinnert mich an etwas, das ein Handwerksmeister mal zu mir gesagt hat: Wenn er einen Lehrling ausbildet, lernt er von ihm genauso etwas und gerade das macht ihm solchen Spaß. Ich wünschte, mehr Menschen würden das so sehen und das Lernen so begreifen, wie Du es beschrieben hast. Vielleicht trägt dieses Bloggespräch dazu bei. Danke, dass Du Dir die Zeit dafür genommen hast.

Dr. Christoph Schmitt

Ich danke Dir sehr für Deine Einladung zu diesem Gespräch, das mir große Freude bereitet hat! Die Herausforderung, wieder einmal über mich und meinen Lernen nachzudenken, hat mir sehr gut getan.

Über meinen Gesprächspartner:

Dr. Christoph Schmitt ist Ethiker, Bildungsdesigner und hat eine Ausbildung als systemischer Coach. Als Lerndetektiv hilft er seinen Klienten, die Freude und die Ressourcen des Lernens neu zu entdecken in einer Kultur der Digitalität. >>> bildungsdesign.ch

Titelfoto: Dr. Christoph Schmitt


Diesen Beitrag weitersagen:

Schreibe einen Kommentar