Über Fotografie – Ein Bloggespräch mit Johannes Mairhofer

Wir folgen uns schon lange auf Twitter und haben immer mal wieder bei Projekten des jeweils anderen mitgemacht. Aber darüber, dass wir beide Menschen fotografieren, darüber haben wir uns noch nicht ausgetauscht. Das wollen wir in diesem Bloggespräch ändern.

Annette Schwindt

Hallo, Johannes! Endlich kommen wir mal dazu, übers Fotografieren zu sprechen. Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit dafür nimmst. Ich habe zwar schon zu Jugendzeiten gern (noch analog) fotografiert, habe aber erst während meines Zeitungs-Volontariats so richtig damit angefangen. Wie und wann bist Du denn zum Fotografieren gekommen?

Johannes Mairhofer

Moin Annette, ja stimmt. freut mich auch sehr, dass es klappt, und danke dir für die Idee zu dieser Reihe. Ernst wurde es bei mir erst 2008, als ich mir ein kreatives Hobby gesucht habe um meinen damals langweiligen Bürojob zu kompensieren. 

Nach kurzer Zeit habe ich an einem Fotoworkshop teilgenommen und wusste von da ab: “Wow, ich will unbedingt DAS zu meinem Beruf machen”. Es folgten dann mehrere Praktika, Assistenzjobs und viel Ausprobieren bis ich 2009 in Teilzeit gehen konnte, um weiter an meiner Fotografie zu arbeiten. 2010 dachte ich dann “wenn ich das jetzt nicht probiere, ärgere ich mich später” und habe mich mit Gründerzuschuss selbstständig gemacht. 

Gab es bei dir auch so einen “Moment” der rückblickend ausschlaggebend war?

Portraits vor und seit Corona

Annette Schwindt

Ja, als mich ein Nachbar, der Videokünstler ist, gebeten hat, ein paar Portraits von ihm für sein laufendes Projekt zu machen. Die haben andere gesehen und mich gebeten, dass ich sie auch fotografiere. Vor allem mit Tim habe ich damals mehrere Sessions gemacht. Das war aber alles noch analog. 

Nach meinem Umzug nach Bonn habe ich meine erste digitale Spiegelreflex gekauft, aber lange keine Portraits mehr fotografiert, außer von meinen Neffen, als sie klein waren. Als dann Jahre später Kai zu uns kam, habe ich wieder mit richtigen Sessions angefangen. Die Ergebnisse haben dann andere gesehen und wollten auch fotografiert werden. Zuletzt hatte ich eine Warteliste und mir grade eine neue Kamera gekauft, als mir Corona dazwischen kam…

Ich habe meine Portraits bisher mit einer 50mm Festbrennweite fotografiert, wobei ich ziemlich nah rangehe. Das geht jetzt natürlich nicht. Ich hab gesehen, dass Du Deine Portraits mit großem Objektiv und Abstand fotografierst. Wie bist Du darauf gekommen und wie unterscheiden sich die Ergebnisse? Werden die Fotos dadurch nicht eher reportageartig statt typische Portraits?

Authentizität auch mit Abstand

Johannes Mairhofer

Doch genau, die werden “reportagig” – ich mag den Stil aber und so nenne ich meine Bildsprache momentan auch. “authentische Portraits ohne Chichi – durch reportagigen Stil”. Das ganze mit dem Tele-Objektiv kam aber tatsächlich durch Corona. 

Früher aka VOR Corona war mein Stil sehr nah, das siehst du gut an dem letzten Portrait-Auftrag vor Corona den ich mit Markus Büchler, MdL aus München, umgesetzt habe, diese Bilder würde ich auch als “reportagig” bezeichnen. Allerdings war ich da immer sehr nah dran; saß meinen Kund:innen fast auf dem Schoß und habe auch wie du mit 50mm Brennweite fotografiert. 

Außerdem habe ich immer versucht nicht allzuviel Einfluß auf das Geschehen zu nehmen, so dass die Kund:innen sich wohl fühlen und nicht dauernd mit Anweisungen überfordert werden. So entstehen meiner Erfahrung nach die Bilder die später am ehesten als “authentisch” bezeichnet werden. 

Dann stand ein großer Auftrag für den bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund an. In ganz Bayern sollte ich zehn Protagonist:innen treffen und fotografieren, ganz nach dem Vorbild von meinem #keinwiderspruch Projekt. Auf diesen Auftrag habe ich mich sehr gefreut und nachdem alles abgesprochen war, kam Corona.

Keiner wusste, was das bedeutet, der Auftrag war auf Eis gelegt und ich hatte tatsächlich Angst, dass alles ins Wasser fällt. Zum Glück war das nicht so, und wir haben das Projekt dann ein paar Wochen später umgesetzt. 

Allerdings musste ich dazu meine Bildsprache anpassen, denn für die Gesundheit der Protagonist:innen und meine eigene war mir eine kontaktlose Umsetzung wichtig. So habe ich meinen Stil und meine Technik angepasst, kann seitdem meine Bilder mit 2m Abstand umsetzen und mache das momentan auch weiterhin so. Mir gefällt der Begriff, daher habe ich direkt eine Subdomain draus gemacht. Auf 2m.gutefotos.tk siehst du jetzt alle Bilder, die in dem neuen Stil fotografiert sind.

So, jetzt habe ich recht oft über das Wort Authentizität geschrieben und das beschäftigt mich auch seit einer Weile. Was bedeutet das für dich und meinst du, dass Fotografie überhaupt authentisch sein kann?

Bilder sprechen von Fotografierten und Fortografen

Annette Schwindt

Ja, klar! Und zwar nicht nur, was die fotografierte Person betrifft. Man kann auch etwas über den Menschen hinter der Kamera aus den Bildern lesen. Es gibt Fotos, die sind technisch perfekt, haben aber null Ausstrahlung. Am schlimmsten sind da die typischen einheitsgefertigten Familienfotos aus dem Fotoladenstudio. Grausam! Wenn der Mensch vor und der hinter der Kamera aber in eine positive Beziehung miteinander treten, dann werden das ganz andere Bilder! Das sieht man sofort! 

Deswegen verwickle ich die Menschen, die ich fotografiere, in ein Gespräch, oder nehme jemand Dritten mit, der für Ablenkung sorgt. Am liebsten fotografiere ich Personen, die ich schon etwas kenne. Und die, die ich vorher nicht oder noch nicht so gut kannte, kenne ich danach deutlich besser. Man erfährt viel über einen Menschen beim Fotografieren: Ist die Person mit sich im Reinen, erträgt sie das Näherkommen der Kamera ohne sich zu winden, sondern blüht auf, macht mit, zeigt Initiative. Die meisten zieren sich aber am Anfang und werden erst mit der Zeit warm. Trotzdem sind die ersten Bilder in einer Session meistens die, die ich nachher am besten finde. Denn da ist mein Gegenüber meist am unverstelltesten.

Wir haben ja schon kurz die Technik angesprochen. Ich bin ja Canon-Fan und  hatte mir gerade vor Ausbruch der Pandemie eine neue Ausrüstung zugelegt, nachdem ich die alte über 15 Jahre genutzt hatte. Inzwischen war deren Auflösung aber stark überholt und da Canon gerade ein Paket anbot, griff ich zu: Nun bin ich stolze Besitzerin einer Canon EOS90D mit Standardobjektiv sowie mit einem 70-300mm (und Fotorucksack). Mein 50mm Objektiv passt noch. Jetzt habe ich also 32,5 Megapixel für die Fotos und 4K für Video zur Verfügung – und kann sie nicht nutzen, weil wir in Isolation sind. Ich hoffe aber, dass ich nach der Impferei wieder zum Potraitfotografieren komme… 

Hast Du eine Lieblingskamera oder Lieblingsmarke? Welche Art Objektiv nutzt Du für die Abstandsportraits? Nutzt Du zusätzliches Licht, Reflektoren oder sowas? Und arbeitest Du komplett allein?

Technik als Glaubenssache

Johannes Mairhofer

Wow ich bin grad bisschen geflashed, wenn ich lese was du zu Authentizität schreibst, und darüber WIE du an die Fotografie rangehst. Denn fast genauso mach ich es auch. Nur dass ich eher ungern Freunde und Familie fotografiere. Ich mag die Distanz zu “Fremden” – aber auch das, was dann daraus wird. Aber die Gesprächssituation kenne ich sehr gut, dadurch werden die Menschen VOR der Kamera viel lockerer, vergessen die Kamera und werden entspannt. Dabei lernt man sich dann oft gut kennen, es bringt eine gewisse Intensivität mit. Und dann ist die Fotografie auch sehr emotional. 

Genau dazu habe ich vor ein paar Tagen mal unter “Persönlichkeit und Fotografie” einen längeren Beitrag gebloggt, finde der passt ganz gut.

Was die Marke angeht bin ich nicht so sehr Technik-Nerd. Als ich angefangen habe mit der Fotografie, bin ich ins Geschäft und habe die damaligen Platzhirsche von der Bedienung her verglichen. Damals war Nikon und Canon in der engeren Auswahl, die Entscheidung fiel dann auf Canon und ist es geblieben. Nicht weil Canon besser ist, sondern weil ich mit dem Menü besser zurecht kam. Und das empfehle ich auch immer, wenn ich gefragt werde: “Welche Kamera soll ich mir kaufen?” 🙂

Meiner Meinung nach sind die großen Hersteller in der jeweiligen Preisklasse gleich gut. Die Diskussion ist dann so ähnlich wie Apple versus PC oder Android versus iPhone. Es ist eher eine Glaubensdiskussion.

Bei den Objektiven bzw der Brennweite ist es anders. Hier bin ich großer Fan von Festbrennweiten. Ich mag es, dass ich damit offenblendiger werden kann als bei den Tele-Objektiven und ich liebe den geringen Schärfebereich. Auch die damit verbundene Einschränkung, dass ich mich bewegen muss, anstatt einfach zu “zoomen” finde ich vorteilhaft, denn so mach ich mir vorab mehr Gedanken, anstatt einfach zu “knipsen”, weißt du wie ich meine?

Coronabedingt ist momentan allerdings das 70-200 mein Standard Objektiv.
Da ich den Abstand halten will, bewege ich mich meist auch im 150-200er Bereich der Brennweite und kann dadurch meine Bilder ganz anders komponieren. Durch den Abstand habe ich die Möglichkeiten, mehrere Ebenen in meine Bilder zu bringen als ich davor hatte. Anstatt “nur” die Person und dem Hintergrund gibt es nun oft noch einen (sehr unscharfen) Vordergrund. Dadurch bekommt das Bild mehr Tiefe. Hier kommt jetzt ein schmaler Grad zum “Paparazzi-Effekt” ins Spiel. Da muss ich aufpassen, dass es nicht zu extrem wird. Aber ich mag diese Gratwanderung und gehe das Risiko auch ein zu übertreiben, denn für manche Zwecke ist so ein übertriebener Stil auch durchaus interessant. 

Mit Video habe ich mich z.B. noch gar nicht befasst, ist das bei dir ein Thema? arbeitest du mit beidem und hast du Vorlieben?

Von analog zu digital

Annette Schwindt

Ich hab immer mal wieder Bedarf an Video, ja. Bisher hab ich das mit dem Smartphone erledigt. Aber vielleicht kann ich so auch mal was Größeres machen? Hauptsächlich werde ich die Kamera jedoch zum Fotografieren nutzen.

Ist schon der Wahnsinn, was sich da in den vergangenen Jahren technisch getan hat. Meine erste große Spiegelreflexkamera war die EOS 20D gewesen. Die hatten wir uns 2003 anlässlich der Hochzeitsreise gekauft. Für den damaligen Stand war das eine Top-Kamera und da ich die damit gemachten Fotos nur digital oder in Fotobüchern genutzt habe, war das auch lange genug so. Erst als ich ein Bild in Postergröße drucken lassen wollte und merkte, dass mein doch schon etwas älteres Smartphone eine höhere Auflösung hat als meine Kamera, hab ich mich mit einer neuen auseinandergesetzt. 

Mein Wissen ist dabei größtenteils Anwendungswissen, mit der Theorie habe ich mich kaum beschäftigt. Ein befreundeter Fotograf kommentierte das mal schön so nach dem Motto „Was nützen Dir technisch perfekte Bilder, wenn sie keine Seele haben?“ Und das sehe ich auch so. Die Theorie kann man lernen. Die Praxis muss man können.

Zum Glück hatte und habe ich durch meine Arbeit aber auch durch andere Projekte mit mehreren verschiedenen Fotografen zu tun und das vom Studiofotografen, über den Zeitungsfotografen bis hin zum Eventfotografen oder Künstler. Interessanterweise waren das fast immer Männer – bis auf eine Praktikantin bei der Zeitung. Andere Fotografinnen hab ich erst via Social Media kennengelernt. 

Wie ist das bei Dir? Kennst Du mehr Männer oder mehr Frauen, die auch fotografieren? Und unterscheiden die sich, in dem, was oder wie sie fotografieren?

Jeder hat seinen eigenen Stil

Johannes Mairhofer

Ja das stimmt, die Entwicklung war krass. 

Meine erste Digitalkamera war eine 1-Megapixel Kamera von Kodak, die hab ich damals von meinem Bruder bekommen und ich glaube das war eine der ersten Digitalkameras überhaupt. Die war im Verhältnis gesehen riesengroß und hatte einen extremen Energieverbrauch, wurde mit 16Mb Speicherkarten (glaube ich) gefüttert. 🙂 

Mittlerweile können ja auch viele moderne Smartphones immerhin technisch mit den “richtigen” Kameras mithalten. Im normalen Alltag habe ich z. B. gar keine Kamera mehr dabei sondern dokumentiere “mein Leben” mit dem Smartphone. 

Und bin da ganz bei dir. Was bringt eine teure Kamera, wenn ich damit nicht umgehen kann? Oder umgekehrt: “schlechte Bilder kann ich auch mit der teuren Kamera machen, wenn ich im Automatik-Modus bleibe”. Wir Fotograf:innen machen die Bilder, nicht die Kamera. Das ist auch einer meiner Lieblingssätze die ich immer in meinen Smartphone-Fotoworkshops den Teilnehmer:innen mitgebe. 

Schon von Anfang an war ich der Auffassung “andere sind Kollegen, keine Konkurrenten” denn jede:r hat ihren oder seinen eigenen Stil, keiner kann was ich kann und umgekehrt. Durch diese Denkweise habe ich mich schon von Anfang an viel mit anderen vernetzt und bin außerdem bei dem Fotografenverband Freelens und kenne dadurch recht viele Kolleg:innen zumindest virtuell über unsere Mailingliste. Ohne das jetzt geprüft zu haben ist mein Netzwerk einigermaßen ausgeglichen, sowohl was die Bereiche angeht als auch Geschlecht oder Alter. 

Durch meine Arbeit als Fotoassistent habe ich auch mehrere Fotograf:innen bei der Arbeit direkt begleitet. Hier bilde ich mir schon ein, dass Frauen etwas anders rangehen. Das ist aber eher ein Bauchgefühl als dass ich das jetzt mit irgendwelchen beweisbaren Werten aufzeigen könnte. Was ich aber konnte, war, in verschiedene Bereiche Einblicke erhalten und damit überlegen, wo ich selbst hin will. Und wohin nicht.

Mittlerweile finde ich schon dass es wichtig ist, sich Schwerpunkte zu suchen und habe mich momentan auf Portraits fokussiert. Wie machst du das? Hast du Schwerpunkte in deiner Fotografie und wie kamen die zustande?

Von der Ritschratsch zur digitalen Spiegelreflex

Annette Schwindt

Ich bin ja kein Profi. Ich habe meine ersten Portraitfotos noch als Abzüge in physischen Alben arrangiert und anderen gezeigt, die dann auch fotografiert werden wollten. Als das dann digital wurde, habe ich das Best of der einzelnen Sessions im Blog verewigt und mir bei pixum Fotobücher für mich und die Fotografierten daraus machen lassen. So hat es sich inzwischen herumgesprochen. Ich tue das ja nicht für Geld, sondern das ist einfach etwas, das ich gern mache. 

Mit dem Smartphone habe ich vor der Pandemie immer meine Spaziergänge am Rhein dokumentiert, aber meist nur auf Instagram und Facebook gepostet. Ich möchte sie mal sortieren und auch ein Fotobuch damit gestalten. Ein Foto vom Weg durch die Bäume am Rhein entlang hab ich uns auch als Poster rahmen lassen. Das ersetzt uns seit wir in Isolation sind wenigstens ein bisschen die Aussicht am Rhein. 

Als ich noch ehrenamtliche Pressereferentin eines Kulturveranstalter-Vereins war, habe ich viele Künstler- und Konzertfotos gemacht, die dann auch für Websites, CD-Booklets oder anderes Printmaterial verwendet wurden. Auch jetzt nutzen einige meine Bilder für ihre Websites oder als Pressefotos. Das sind aber meist Leute, die sich einen Profi nicht leisten können, oder einfach mal ausprobieren wollen, wie das ist, vor der Kamera zu stehen. Wenn jemand mit Geschäftsanliegen auf mich zukommt, dann verweise ich auf Profis, die ich kenne. 

Meine Affinität zum Fotografieren kommt vermutlich daher, dass ich schon als Kind dauernd abgelichtet wurde und das dann auch mal umgekehrt haben wollte. Zuerst noch mit Ritschratsch und anderen Kleinkameras ohne Wechselobjektive oder großem Blitz. Nur so Knipsgeräte, wie man sie damals privat so hatte. Damit hab ich alles Mögliche dokumentiert, von Klassenfahrten bis Familienfeiern. 

Als ich dann meine erste eigene Wohnung hatte, war einer meiner Nachbarn Studiofotograf und hat mir immer seine alten Kameras für wenig Geld überlassen, wenn er seine Ausrüstung erneuert hat. So kam ich an meine ersten EOS-Kameras, damals aber noch analog. Um unsere Hochzeit herum bot dann mein Fotoladen an, Negative nicht nur für Prints zu nutzen, sondern auch einzuscannen und auf CD-Rom zu brennen. Von da kam dann mein Einstieg in die Digitalfotografie.

Hast Du noch Erfahrung in Analogfotografie gemacht? Oder hast Du erst im Digitalzeitalter angefangen, Dich mit Fotografie zu beschäftigen?

Wo beginnt professionelle Fotografie?

Johannes Mairhofer

Der Übergang von Hobby- zu Berufsfotograf:in ist ja total fließend. Viele Kolleg:innen (und ich auch) machen z. B. nicht “nur” Fotografie sondern setzen auf mehrere Standbeine. Sind sie deswegen weniger professionell? Umgekehrt gibt es auch Berufsfotograf:innen, die sich z. B. nicht informieren und nicht an der Weiterentwicklung ihrer Bildsprache arbeiten. So wirken die Fotos dann schnell “altbacken”. Früher galt eine Ausbildung als Nachweis der Professionalität, heute ist das nicht mehr so. Da ist professionell, wer bezahlt wird. Also, wer mit seinen Bildern Kaufinteresse weckt.

Ich selbst hab als Kind, klar, analog geknipst. Die ernsthafte Auseinandersetzung mit der Fotografie fand dann aber direkt digital statt. Auch meine Arbeit als Fotoassistent war bei allen Fotograf:innen die ich begleiten durfte digital. Allerdings fotografiere ich auch heute noch ab und an Analog. Für freie Projekte sogar mal mit der Lochkamera, auch das ist spannend. 

Meine Jobs fotografiere ich mit der digitalen Kamera, meine “Lebensreportage”, also die Bilder die so entstehen, wenn ich unterwegs bin, meistens mit dem Smartphone.

Weil mich die Frage in letzter Zeit immer wieder beschäftigt und ich da auch mit Kolleg:innen darüber rede: Wie würdest du deine:n Fotograf:in auswählen, wenn du selbst Bilder von dir brauchst?

Selbst fotografiert werden

Annette Schwindt

Das ist eine schwierige Frage. Meistens bin ja ich die mit der Kamera. 

Zuletzt hat Benedikt Geyer in einer gegenseitigen Fotosession ein paar Portraits von mir gemacht, davor Michèle Lichte von mir und meinem damaligen Team. Die einzigen professionellen Fotos (außer den Hochzeitsfotos) von Thomas und mir hat Rasso Bruckert gemacht. Und es gibt ein paar Zeitungsfotos von mir bei verschiedenen Veranstaltungen, die Klaus Venus geschossen hat.

Inzwischen kenne ich so viele Leute, die gut fotografieren können, dass es ohnehin schwierig würde, einen auszusuchen, ohne die anderen zu verärgern. 😉

Aber Du hast ja nach persönlichen Kriterien gefragt: Die Bilder sollten nicht zu clean sein, lieber eins zu eins und mit natürlichem Licht gemacht, und mich selbstverständlich vorteilhaft abbilden. Sie sollten meine Persönlichkeit zeigen, möglichst ungekünstelt, also nicht gestellt. Wenn es um reine Kunst geht, dann auf jeden Fall schwarz-weiß, in verschiedenen Situationen und nicht immer mit Blick zum Betrachter. Wenn ich sie fürs Web oder als Pressefoto benutzen möchte, besser in Farbe und mit Lächeln in die Kamera.

Wenn er nicht schon verstorben wäre und ich ihn mir hätte leisten können, hätte ich mich am liebsten von Peter Lindbergh portraitieren lassen. Seine Fotos gefallen mir bisher am besten. Die Portraits von Heike Rost gefallen mir aber auch sehr gut. 

Welche Fotografen magst Du? Hast Du Vorbilder? Vielleicht sogar Folge-Empfehlungen? 

Beide Seiten der Kamera kennen

Johannes Mairhofer

Hier prominente Namen aufzuzählen fällt mir schwer, ein paar Kolleg:innen aus meinem Umfeld erwähne ich aber gern. In der Auflistung erzähle ich noch, was uns jeweils verbindet.

Marcus Vetter hab ich einiges zu verdanken. Er hat mir vor vielen Jahren ein Praktikum angeboten. Recht schnell haben wir gemerkt dass wir verschiedene Ansichten bzw Ziele eines Praktikum haben. Aber anstatt es einfach zu beenden, hat er mich als Fotoassistent mitgenommen, einmal als Test und dann regelmäßig.

Dabei habe ich extrem viel gelernt, wir haben viel Zeit zusammen verbracht und wurden gute Freunde, sind nach wie vor in Kontakt. Noch im Praktikum hat er mich gebeten, ein Foto von ihm zu machen. Dass er dieses noch heute benutzt hat mich damals geehrt und freut mich noch heute. Vor einiger Zeit hat er dann mich fotografiert.

Dennis Weissmantel kenne ich schon lange durch ein gemeinsames Projekt. Seine Bilder und seine Art gefallen mir sehr gut, wir sind in regelmäßigem Austausch.
Meine aktuellsten Bilder auf meiner Homepage und das Portrait hier im Bloggespräch ist von ihm.

Heike Ulrich habe ich auch mehrfach assistiert und schätze sie und ihre Arbeitsweise sehr. Sie hat sich auf Schauspieler:innen fokussiert, ihre Bildsprache gefällt mir.
In einer Session im Studio haben wir uns auch gegenseitig fotografiert, eins der Bilder nutze ich heute noch.

Sandra Schink habe ich vor einigen Jahren über Twitter kennen gelernt. Ich mochte ihre Art und wie sie öffentlich auftritt. Da ich damals auch neue Bilder brauchte, habe ich den Kontakt aufgenommen. So kam es dazu, dass sie mich in Hamburg fotografiert hat. Wir sind in Kontakt geblieben. Gerade bin ich nach Hamburg gezogen und fotografiere nun auch gerne dort, wo sie mich damals fotografiert hat.

Meiner Meinung nach ist es wichtig, beide Seiten der Kamera zu kennen. Deswegen und weil ich mich ja auch ständig verändere, versuche ich regelmäßig Fotos machen zu lassen und hier auch zwischen Frau und Mann zu wechseln. 

Für weitere Inspiration nutze ich zb Netze wie behance, schaue Ausstellungen an, tausche mich zB über meinen Verband Freelens aus. Über diesen sind auch schon tolle Projekte entstanden wie gerade das “Wir geben Hamburg Perspektive” Projekt. Das passt wunderbar zum “wie fotografiere ich” denn: Hier haben wir uns überlegt, dass wir uns selbst einmal in und an Orten, die uns wichtig sind, inszenieren. Wir wechseln also bewusst die Seite der Kamera. Und werden nicht fotografiert, sondern erarbeiten ein Selbstportrait.

Durch Instagram und Social Media sind Selfies ja mittlerweile keine Besonderheit mehr, gut inszenierte Selbstportraits sind allerdings schon eine spannende Herausforderung, über die ich auch geschrieben habe

Hast du dich schon mal mit dem Thema Selbstportrait befasst?

Annette Schwindt

Bis auf Smartphone-Selfies eigentlich nicht. Die nutze ich auch nur zur Dokumentation. Ich hätte gar nicht das Equipment dafür, mit meiner Spiegelreflex welche zu machen. Ein Stativ ist zwar da und es gibt auch ne Selbstauslöserfunktion, aber da würde ich doch lieber mit Fernauslöser arbeiten. 

Vielleicht schaffen wir es nach Corona ja auch mal, uns in Hamburg zu treffen? Dann können wir uns gegenseitig fotografieren. 🙂

Inzwischen danke ich Dir herzlich für dieses Gespräch!

Johannes Mairhofer

Gerne, dann zeig ich dir wo ich damals fotografiert wurde und heute gern selbst fotografiere. 🙂 Dir auch vielen Dank und: bleib gesund.

Über meinen Gesprächspartner

Johannes Mairhofer

Johannes’ wohl markanteste Eigenschaft ist seine Neugier. So hat er in seiner beruflichen Laufbahn schon verschiedenste Stationen erlebt. Vom gelernten Fachinformatiker zum freiberuflichem Fotografen ist er vielseitig unterwegs und kann dadurch die verschieden “Brillen” seiner Kunden aufsetzen. Heute steht er auf mehreren Standbeinen und arbeitet als Portrait Fotograf, Berater für WordPress und gibt sein Wissen in diesen Themenfeldern auch als Autor oder Speaker weiter. Privat hat er die Pandemie gerade für sich genutzt und hat sich einen langem Traum erfüllt, ist vom Süden in den Norden und somit von München nach Hamburg gezogen. Momentan arbeitet er daran dort Fuß zu fassen und seine Fotografie- und Berater-Tätigkeiten auszubauen. – johannesmairhofer.de

Foto von Johannes: Dennis Weissmantel
Avatar von Annette: tutticonfetti

In meiner Rubrik “Bloggespräche” unterhalte ich mich mit einem Gegenüber über ein frei gewähltes Thema wie in einem Mini-Briefwechsel. Wer ebenfalls mal so ein Gespräch mit mir führen möchte, findet alle nötigen Infos dazu unter https://www.annetteschwindt.de/bloggespraeche/ und kann sich von dort direkt bei mir melden.


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