Das Social Web – eine Utopie? Ein Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Pleil

Thomas Pleil

Einer der ersten, denen ich bei meiner Entdeckungsreise ins Social Web gefolgt bin, war Prof. Dr. Thomas Pleil, der damals schon Public Relations an der Hochschule Darmstadt lehrte und später dort den Studiengang Onlinekommunikation gegründet hat. Als ich kürzlich in einem Interview darüber klagte, dass sich die Erwartungen, die wir zu Anfang in Sachen Social Web hatten, nicht erfüllt haben, stimmte er mir in einem Kommentar zu. Dieses Gespräch wollen wir hier weiterführen.

Danke Dir, Thomas, dass Du Dich zu diesem Bloggespräch bereit erklärt hast. 🙂

Thomas Pleil Sehr gern – und danke Dir für diese schöne Idee.

Als wir vor rund zehn Jahren im Social Web unterwegs waren, hatten wir große Erwartungen. Die digitale Kommunikation sollte der große Demokratiebringer werden, sie sollte uns von der Einwegwerbung befreien und stattdessen den Dialog, also echte Kommunikation fördern. Dieses Umdenken unter die Leute und v.a. in die verantwortlichen Köpfe bei Unternehmen zu bringen, erwies sich jedoch als äußerst schwierig… Alles, was langsam aber sicher anzukommen scheint, ist die Tatsache, dass diese Digitalisierung doch nicht wieder weggeht und man wohl nicht drum herum kommt, sich damit zu beschäftigen.

Ich habe dabei aber das Gefühl, dass kaum jemand den wirklichen Sinn von „Social“ verstanden hat. Das fängt ja schon bei dem Versuch an, das wörtlich ins Deutsche zu übersetzen: mit einem Adjektiv, das im Deutschen völlig anders konnotiert ist. Wenn ich „soziale Medien“ schon lese, kräuseln sich meine Fußnägel. „Gesellschaftlich“ oder „gemeinschaftlich“ würde es doch viel besser treffen. Wie wäre es mit „Miteinander-Medien“?

Aber mal abgesehen von sprachlichen Spitzfindigkeiten: Was wir uns als logische Folge des Social Web ausgemalt hatten, hat sich nicht bewahrheitet, oder? Wie siehst Du das und was glaubst, Du, warum es sich so entwickelt hat?

Thomas Pleil Ich habe da gemischte Gefühle. Auf der einen Ebene sehe ich das wie Du: Vieles hat sich ganz anders entwickelt, als wir es uns damals (™) vorstellen mochten. Und manches war vermutlich so auch mit bester Vorstellungskraft nicht erwartbar. Das Schöne in den ersten Jahren – ich sag mal: in der Vor-Facebook-Zeit – war ja auch, dass wir selbst ziemlich ungestört einer Utopie folgen und uns einreden konnten, dass wir auf dem Weg seien, ihr näher zu kommen. Dass ein solcher Weg nicht geradlinig ist und welche Hürden er haben würde, war zu der Zeit kaum ein Thema.

Inzwischen haben wir in weiten Teilen unseres Spielfeldes eine systematische Ökonomisierung und die meisten Nutzerinnen und Nutzer nahmen dies lange als selbstverständlich hin – Milliarden Menschen tun dies heute noch. Damit verbunden ist auch, sich den Spielregeln von Plattformen – vor allem der Walled Gardens – zu ergeben. Dies auch, weil es diesen gelingt, sich als „the place to be“ zu positionieren. Die Art der Ökonomisierung von Plattformen wie Facebook wiederum kommt der von Dir erwähnten Denke vieler Marketing-Menschen wiederum sehr entgegen und hält diese Weltsicht am Leben. Immer ausgefeiltere Methoden der Datensammlung und -auswertung und damit verbunden des Targetings in der Ansprache der Menschen gehen damit zum Beispiel einher. Zugleich gelingt es den Plattformen, bei vielen ihrer Nutzerinnen und Nutzer den Gedanken an Masse zu pflegen. Es geht aus Sicht der Betreiber darum, dass wir möglichst viele Freunde, Fans oder Follower haben. Dass wir deren Informationen alle gar nicht verarbeiten können: Kein Problem, Algorithmen helfen uns schon, das wirklich Relevante unseres persönlichen Netzwerkes herauszufiltern </ironieofff>.

Das ist die eine Ebene. Auf der anderen Seite sehe ich viele Bausteine der damaligen Utopie nach wie vor in meinem Alltag. Crowdfunding oder Open Source sind zumindest in einigen Bereichen selbstverständlich. Eine ganz andere Richtung: Diese Woche wurde eine PhD-Arbeit eingereicht, die ich mitbetreuen durfte. Ein Ergebnis: Das Social Web ist für Kommunikationsprofis ein ganz selbstverständlicher Lernort und spielt eine zentrale Rolle beim lebenslangen Lernen. Und das spiegelt auch ganz genau meine persönliche Erfahrung. Was ist es für ein Luxus, dass wir nach unseren Interessen ein Netzwerk zusammenstellen können, aus dem man mehr als aus den meisten teuren formalen Weiterbildungen ziehen kann? Denken wir beispielsweise nur kurz an TED-Talks, die auf Youtube stehen, an die vielen Blogs, die es auch heute gibt oder die Möglichkeit, mit anderen zu diskutieren.

Natürlich ist das auch mit vielen Problemen verbunden: Zeit – vor allem selbst etwas zu schreiben – die Masse an Informationen und so fort. Und ich gebe zu, dass ich mich immer wieder dabei ertappe, Dinge für selbstverständlich zu halten, die für unsere Studenten es noch lange nicht sind – Stichwort: Web Literacy.

Was mich aber brennend interessiert: Was folgt für Dich aus der in Deiner Frage skizzierten Entwicklung, wie gehst Du damit um?

Ich habe einen radikalen Schnitt gemacht. Aus gesundheitlichen Gründen war ich ohnehin dazu gezwungen, kürzer zu treten. Das habe ich dann gleichzeitig dazu genutzt, all das, was mir keinen Spaß mehr gemacht hat, oder wohinter ich nicht mehr stehen konnte, zu beenden. Mit meinem Neuanfang im vergangenen September habe ich mich dann dezidiert von der rein technischen Seite und der Vermarketisierung abgewandt und wieder auf die inhaltliche Seite konzentriert. Und das jenseits solcher Buzzwords wie Content Marketing. Ich komme vom alten Offline-Journalismus und dem literarischen Schreiben her. Das war in all den Marketing- und Technikfragen total untergegangen. Ich wollte mich wieder um das WAS und vor allem das WARUM und WOZU kümmern und nicht mehr bloß ums WIE.

Dementsprechend schaue ich jetzt auch genauer hin, mit wem ich zusammenarbeite. Dass mir dabei gleich jemand wie Kai-Eric Fitzner begegnen würde, war natürlich ein Glücksfall, den keiner voraussehen konnte. Kai ist durch seine eigene Geschichte ebenfalls aus der Berater- in die Beobachterposition gezwungen worden. So können wir jetzt wie Waldorf und Statler aus der Loge dem Treiben auf der Bühne zusehen und uns unseren eigenen Reim darauf machen. 😉

Ich glaube außerdem, dass sich der große Social-Media-Hype seinem Ende zuneigt. Nicht dass Social Media wieder weggehen würde, das nicht. Aber es wird zum selbstverständlichen Teil der Kommunikation, die man beherrschen muss, wenn man in dem Bereich erfolgreich arbeiten will. So etwas wie „Social-Media-Manager“ kann damit nun auch für den letzten offensichtlich keine Berufsbezeichnung mehr sein, sondern eine notwendige Qualifikation unter anderen, wenn man im Kommunikationsbereich arbeiten will. Der Studiengang, den Du gegründet hast, heißt ja auch nicht Social Media, sondern Onlinekommunikation. Wie kam es eigentlich dazu und wie haltet Ihr es da mit den Wertvorstellungen, die uns damals umgetrieben haben?

Thomas Pleil Den Begriff „Social Media Manager“ habe ich ähnlich wie auch „Content Strategie“ verworfen – dank wertvoller Diskussionen mit einigen Praktikern bzw. Arbeitgebern. Wichtig war mir, Teildisziplinen zu verbinden, die sonst an Hochschulen in ganz unterschiedlichen Fakultäten angesiedelt sind: PR, Marketing und Corporate Learning. Dies, weil sich die Praxis der Onlinekommunikation nicht an Fakultätsgrenzen hält und schon einige meiner früheren Absolventinnen und Absolventen sich zwischen diesen Feldern bewegen.

Enorm hilfreich für die Konzeption des Studiengangs war der von der Mozilla Foundation angestoßene Prozess, die aktuell bzw. künftig benötigten Onlinekompetenzen in der so genannten Web Literacy Map zusammenzufassen. Ich habe hier sehr viele Gemeinsamkeiten mit meinen eigenen Vorstellungen entdeckt – man könnte das Ganze auch als Manifest eines offenen Web verstehen – und so deckt der Studiengang praktisch alle Felder der Web Literacy Map in ihrer ursprünglichen Version ab, und die drei erwähnten Schwerpunktfelder kommen dazu. Bereits im ersten Semester organisiert der ganze Jahrgang mit etwa 80 Studierenden Barcamps rund um Web Literacy. Übrigens hatten wir die Chance, die erste Professur für Web Literacy zu besetzen.

Was heißt das jetzt alles konkret? Die Studierenden kommen nicht drumherum, sich eine Menge Social Media-Profile einzurichten, zu kuratieren, zu bloggen etc. Wir motivieren sehr früh dazu, zu reflektieren, was im Netz passiert – bezogen etwa auf Politik, die Internetökonomie genauso wie auf PR und Marketing.

Mit der Zeit verbindet sich das Ganze dann auch mit den Schwerpunktthemen. Beispielsweise in den PR-Fundsachen, einem Blog, das ich 2005 mit meinen damaligen Studierenden eingerichtet habe und das dann von Jahrgang zu Jahrgang weitergereicht wurde. Heute gibt’s dazu auch Ableger bei Medium, Twitter, Facebook, Flickr und Snapchat, die in unterschiedlichen Konstellationen bespielt werden. Dabei geht es nicht darum, professionelle und kontinuierliche Redaktion zu spielen, aber rund um die re:publica und unser Content Strategy Camp soll da wieder einiges laufen. Und wer ein bisschen Studienalltag mitbekommen mag, kann mal unter #onkomm bei Twitter nachschauen.

Ein wichtiges Ziel ist auch, dass sich jede/r ein eigenes Netzwerk zusammenstellt, das nach dem Studium Grundlage für lebenslanges Lernen ist. Deshalb besprechen wir auch in einigen Theorieseminaren in den ersten Minuten erst einmal aktuelle Fachdiskussionen, die im Netz stattfinden.

Witzig übrigens, dass Du Dich auf dem Muppets-Balkon siehst – das ist eine Rolle, die ich mir auch manchmal gern zuschreibe 😉 Ich glaube aber, Du stapelst da ziemlich tief – ich hätte Dich eigentlich eher in einer Gastgeberrolle im besten Sinne gesehen, vielleicht als Gastgeberin eines digitalen Salons? Kannst Du Dich mit dieser Zuschreibung anfreunden? Und wenn ja: Welche Entwicklung wünschst Du Dir?

Was Du da für Deine Studierenden beschreibst, ist ja genau das, was wir damals auch gemacht haben bzw. immer noch tun, denn ohne lebenslanges Lernen geht es nicht. Aber gerade das schreckt ja viele ab, weil es ihnen zu kompliziert erscheint. Mich erschreckt es immer wieder, wenn ich sehe, wie selbst manch erfahrene Berater nicht in der Lage sind, die Grundprinzipien des Social Web zu verstehen, wie sie in der von Dir genannten Web Literacy Map aufgelistet werden.

Was ist ein Feed? Was sind Metatags? Woher zieht sich eine Plattform die Infos beim Sharing von meiner Website und wie kann ich das verbessern? Wie lese ich HTML und CSS? Warum sind Facebooks Social Plugins in Deutschland so umstritten? Wenn ich solche Fragen nicht beantworten kann, dann kann ich andere nicht darin beraten, ob und wie sie das Social Web nutzen sollten.

Die Entwicklung geht jauch immer stärker zum WYSIWYG, ohne dass man als Nutzer verstehen müsste, warum dann da was wie passiert. Das ist einerseits natürlich nutzerfreundlich, aber andererseits verführt es auch zur unbedachten Nutzung. So ist einem WordPress-Nutzer, der nie HTML und CSS gelernt hat, einfach nicht klar, dass die Nummern hinter den Überschrift-Formaten als Hierarchien gedacht sind und benutzt werden sollten – und nicht bloß als Etikett für verschiedene Schriftgrößen, die man je nach optischem Gusto verwenden kann.

Ich hab lange versucht, dieses Basiswissen unter die Leute zu bringen. Aber irgendwann hab ich gemerkt, dass ich damit ein Dinosaurier bin – daher als Greis in der Muppets-Loge und unten auf der Bühne geht der Wahnsinn ab. Das ist also kein Understatement, sondern eher Resignation.

Einen Digitalen Salon zu eröffnen, darüber haben Sabria David und ich schon öfter nachgedacht. Mir kommen da nur leider meine gesundheitlichen Probleme massiv dazwischen. Für mich würde das höchstens funktionieren, wenn es ein virtuelles Format wäre. Da bleibt ja fast nur Videochat mit Streaming und Aufzeichnung. Rein schriftlich kriegt man heute kaum noch wen hinterm Ofen vor. Ich hänge trotzdem an meinem Gesprächsformat hier. 😉

Wie würdest Du Dir denn so einen digitalen Salon vorstellen?

Thomas Pleil Da gibt es sicher viele Möglichkeiten. Ein digitales Format hielte ich für sehr passend und denke, die Gastgeberinnen sollten dann auch der Sache ihre Note geben, zum Beispiel durch Themensetzungen und Einladungen. Oder durch Kommentierungen aktueller Entwicklungen vom virtuellen Balkon herab.

Hm, je mehr ich darüber nachdenke: Nach meinem Geschmack wären eigentlich unterschiedliche Formate, die gemischt werden und über eine Website des Salons zugänglich sind. Die von Dir erwähnten Videochats bzw. -Streams mit Beteiligungsmöglichkeit von außen wären sicher ein prima Baustein für Gespräche von ein paar Teilnehmenden. Man könnte darüber nachdenken, das Ganze im Nachhinein als reine Audiospur, also Podcast, zur Verfügung zu stellen. Und ich finde auch schriftliche Zweiergespräche wie unseres hier schön. Um noch mehr Meinungen hereinzuholen, könnte man ab und an Blogparaden integrieren.

Ok, ich weiß, auch das ist alles digitale Steinzeitdenke. Aber nach deren Logik braucht man nur Leute, die Spaß dran haben und kein Business-Konzept. Sprich: Eine kleine Gruppe Leute macht das für sich selbst, und wenn’s die eine oder den anderen interessiert, ist’s auch fein.

Was waren denn die Überlegungen, die Du mit Sabria David hattest?

Ja, die waren so ähnlich: Verschiedene Formate auf einer Website bündeln: Gespräche und Interviews zu digitalen Themen per Videochat, Podcast, Blogpost – ggf. auch mal analoge Treffen, die aufgezeichnet werden. Alles auf Einladung, so wie das früher bei Salons auch war. Das werden vielleicht manche elitär finden, aber da kann ich auch nicht helfen. Ich brauche es übersichtlich, sonst wird mir das schnell zuviel. Und für den Rezipienten ist es 1:1 oder 1: wenige auch übersichtlicher. Das Ganze dann natürlich abonnierbar über das gute alte RSS und per Mail.

Und Du hast Recht: Eigentlich sind meine Bloggespräche schon ein möglicher Teil davon. Nur finden die ja seit dem Ende von schwindt-pr nicht mehr nur zu digitalen Themen statt. Das müsste man dort dann wieder fokussieren. Und wenn man im Format offen bleibt, kann jeder das beitragen, was ihm am ehesten behagt.

Erste Ansätze gibt es bereits hier:

Oh-ooh… formt sich da etwa gerade ein Projekt? 😉

Thomas Pleil Haha, das klingt ganz so, liebe Annette. Ich finde, Du wärst für so etwas eine wunderbare Gastgeberin. Ich seh’s schon vor mir „Annettes digitaler Salon“. Was die Themen betrifft: Ja, das Digitale als Ausgangspunkt wäre sinnvoll – da gibt es dann so viele Aspekte aus Gesellschaft, Politik, Bildung, Wirtschaft und so fort. Mir schwebt ein Gegenbild vor zu reinen Tech-oder Edu-Talks. Deinen Ansatz einer überschaubaren Gruppe finde ich genau richtig – und je nach Thema könnte man vielleicht ein, zwei dafür besonders ausgewiesene Leute dazu laden.

Aber im Ernst: Ich will Dich nicht bedrängen, denke, so etwas ist schon ein größeres Commitment. Ich weiß von mir selbst nur zu gut, dass man in einem guten Gespräch schnell die tollsten Ideen entwickelt, über deren Umsetzung man besser erst nochmal schlafen sollte. Hab das in letzter Zeit nicht immer gemacht und so noch das ein oder andere schwer Überschaubare in der Pipeline – auch wenn das ebenfalls Herzensprojekte sind.

Oder hast Du inzwischen schon einen Namen gefunden und eine URL gesichert?

Ich hatte schon mal einen, nämlich „Das digitale Wohnzimmer“, um dem Ganzen einen weniger elitären, eher familiären Rahmen zu geben. Das war aber noch auf Live-Treffen mit Aufzeichnung ausgerichtet und musste dann wegen meiner gesundheitlichen Probleme noch vor dem Start wieder aufgegeben werden.

Wir haben uns dann eher auf unserleben.digital konzentriert, das aber leider mangels Beteiligung die meiste Zeit vor sich hin dümpelt. Offenbar haben die Menschen kaum oder gar nichts Positives in Sachen Digitalisierung zu sagen…?

Unseren Fragebogen haben einige – wie Du ja auch – auf Anfrage hin netterweise ausgefüllt. Aber dass wir da eigenständige Beiträge bekommen würden, die von der Initiative anderer ausgehen, hat sich leider bisher nicht bewahrheitet. Nicht mal Linktipps kommen rein. Immer nur Tech-Werbung. Aber darum soll es da ja gerade nicht gehen.

Wir suchen Beispiele dafür, was die Digitalisierung den Menschen Positives bringt, um der Angst, die hierzulande davor herrscht, etwas entgegen zu setzen. Vielleicht sogar einigen Menschen Lust auf das Neue zu machen. Während der Blogparade im vergangenen Jahr gab es für ein paar Wochen Beiträge woanders dazu. Aber das versandete schnell wieder. Ich wette, wenn wir nach Beispielen für die böseböse Digitalisierung fragen würden, bekämen wir massenhaft Zuschriften. 😉

Was glaubst Du, woran das liegt? Und könnten wir mit dem Projekt irgendwas anders machen, um mehr Leute zum Mitmachen zu bewegen? Das war ja auch unser Ausgangsthema hier in diesem Gespräch: Das MITMACH-Web…

Thomas Pleil Du hast gerade vermutet, dass die Menschen kaum etwas Positives zur Digitalisierung zu sagen haben. Ich weiß nicht, ob das nicht zu einfach gedacht ist. Für viele ist das Digitale halt alltäglich; vielleicht wissen sie nicht, was sie dazu noch sagen sollen. Mir ging es zum Beispiel so, dass ich dachte: Da haben sich schon eine Menge kluger Köpfe gemeldet, damit ist doch schon so vieles gesagt – zumal die Fragen ja einen allgemeinen Rahmen aufspannen, aber nicht auf den einzelnen speziell eingehen. Das ist aber nur die inhaltliche Ebene.

Hinzu kommt was anderes. Wir merken es ja selbst: Blogposts werden viel weniger kommentiert als früher und auch auf anderen Kanälen findet immer weniger echte Beteiligung bzw. Dialog statt. Mir geht’s auch so: Habe ich früher locker ein- bis dreimal pro Woche gebloggt, habe ich heute das Gefühl, mit dem Lesen kaum hinterher zu kommen. In der heutigen Info-Flut überlege ich viel länger, ob ich einen bestimmten Post schreibe und wenn ja, investiere ich mehr Zeit als früher. Blöd nur, dass sich mein Arbeitsalltag so verdichtet hat, dass während der Woche abends fast nie an Bloggen zu denken ist.

Ich fürchte, ich bin da überhaupt keine Ausnahme. Hinzu kommt ein anderes Problem: Ich stelle immer wieder fest, dass viele sich heute gar nicht trauen, einfach was ins Netz zu schreiben und wenn, dann suchen viele von ihnen geschützte Bereiche. Manche kommunizieren sich in Messengern fast zu Tode…

Tja, was also tun? Ich halte es für sehr wichtig, die Werte des offenen Netzes und der Beteiligung hochzuhalten. Das ist auch eine Bildungsaufgabe, an der ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten beteilige, aber zunehmend schwer tue.

Für ein Projekt wie unserleben ist mein Eindruck, dass das nur mit persönlicher Ansprache funktioniert. Was wirklich Geschmacksache ist: Mir persönlich läge näher, nicht von vornherein das Positive als Leitidee zu haben, sondern einfach Geschichten erzählen zu lassen zu eigenen Erlebnissen, Wahrnehmungen und Überlegungen. Und vielleicht wäre ein Idee, jeweils nur drei, vier Leute zu speziellen Fragen des digitalen Alltags anzusprechen und dann neue Aspekte aufzugreifen.

Was wir uns vor einem Jahrzehnt gedacht haben, steht heute im Wettbewerb mit anderen Kommunikations- und Beteiligungsmöglichkeiten – aber zugleich glaube ich, dass interessante Diskussionen auch heute wertgeschätzt werden, oft aber eher in einer lean back-Haltung.

Scheinen Dir diese Überlegungen halbwegs plausibel?

Ja, da ist was dran. Bei unserem Projekt 2sames merken wir das schon länger. Als wir die Dokumentation 2003 gegründet haben, haben sich viele Paare zu der Dokumentation gemeldet. Heute höre ich immer wieder, wie wichtig die Website und ihr Thema den Leuten sind, aber die eigene Geschichte erzählen will kaum noch wer…

Heißt also: Konsumieren oder geschützt kommunizieren ja, partizipieren oder selbst publizieren nur für manche? Würde eine weiter verbreitete Web Literacy daran etwas ändern, oder liegt das eher an der Mentalität der Menschen? Haben unsere Ideen vom Social Web also von vornherein scheitern müssen, weil die Masse der Menschen mit so durchgreifenden Veränderungen nicht Schritt halten kann oder will? Das schreit dann ja geradezu nach einer zweigeteilten Gesellschaft, also genau nach dem Gegenteil dessen, was wir uns vorgestellt hatten. Und diese Schere wird dann immer weiter auseinandergehen.

Fragt sich nur: Können wir etwas dagegen tun und wenn ja, was? Lässt sich unsere Idee noch retten, oder ist der Zug durch?

Thomas Pleil Wir sollten nicht resignieren. Es ist nicht unsere Aufgabe, zu missionieren, und ich halte es auch nicht für notwendig, dass alle jederzeit partizipieren. Wichtiger ist aus meiner Sicht, dass wir die Möglichkeit dazu verteidigen. Jede/r muss die Möglichkeit der Partizipation haben, wenn sie/er das wünscht – zum Beispiel ohne Angst vor Hate Speech haben zu müssen. Es geht natürlich um die Befähigung dazu, aber genauer hingeschaut geht es um freiheitliche Werte, die nur das offene Netz sicherstellen kann.

In Frage gestellt wird dies zum Teil von staatlichen Autoritäten, zum anderen Teil von durchkommerzialisierten, zentralistischen Weltkonzernen, die aber einen gewaltigen Vorteil haben: Sie machen es ihren Nutzern sehr leicht. Es wäre sicher nochmal ein Thema für eine ganz eigene Diskussion: Aber unausgesprochen hatten wir zum Beispiel in Bezug auf Facebook und den einfachen Beteiligungsmöglichkeiten dort zunächst große Hoffnung – heute müssen wir uns fragen, ob wir durch unsere intensive Beschäftigung damit nicht auch einen Anteil an der Erodierung der Idee des offenen Netzes haben.

Was mich optimistisch macht: Nach meinem Eindruck gewinnt die Open-Source-Community eher an Zulauf, und dezentrale Technologien sind für viele eine wichtige Vision, denken wir zum Beispiel an Blockchain, Etherum oder Mastodon. Wenn wir nun als Kommunikationsmenschen allein für unsere Diskussionen oder die von uns kuratierten Inhalte offene Plattformen verwenden und Partizipation vorleben, senden wir schon ein Signal.

Das ist doch ein super Schlusswort bzw. Ausblick! Ich danke Dir sehr für dieses spannende Gespräch!

 

Über meinen Gesprächspartner:

Thomas PleilThomas Pleil hat Journalistik in Eichstätt studiert und in Salzburg zu PR-Forschung promoviert. Nach ersten Berufsjahren in der PR-Agentur sympra hat er mit einer Partnerin eine Mischung aus PR-Beratung und Redaktionsbüro gegründet. Um zu erfahren, wie es ist, die Kommunikation einer Institution zu leiten, ist er dann für fünf Jahre an die Uni Eichstätt gewechselt. Seit 2004 ist Pleil Professor an der Hochschule Darmstadt, lehrt dort Public Relations und beschäftigt sich derzeit v.a. mit Onlinekommunikation und Lebenslangem Lernen. Vor drei Jahren hat er den B.Sc.-Studiengang Onlinekommunikation (https://ok.mediencampus.h-da.de) aufgebaut.

Foto: PR-Fundsachen

Annette Schwindt
Ich bin entweder selbst schreibend tätig, oder wirke für andere als Kommunikations-Katalysator. Das bedeutet: Ich begleite andere bei ihrem eigenen Projekt und bringe sie durch Beratung und Vernetzung voran. Interesse an einer Zusammenarbeit? Übrigens: Ich verorte mich selbst im autistischen Spektrum, ich (re)agiere also nicht immer so, wie andere es erwarten. ;-) Aber keine Angst: Ich beiße nicht, denn vor allem bin ich eins: Ein Mensch! - Beiträge per Mail abonnieren -

3 Kommentare

  1. Liebe Annette, lieber Thomas,
    Ihr beide gehört zu denen, die ich von Anfang an „verfolgt“ habe und von denen ich viel lernen durfte. Euer Gespräch hier ist für mich eine wunderbare Rückschau auf die Jahre, die wir nun schon im Social Web verbringen. Ja stimmt, wir hatten anfangs ganz andere Vorstellungen, ganz andere Ziele und rückblickend ist es schade, dass sich vieles in eine ganz andere Richtung entwickelt hat. Aber ich will nicht nur von den guten alten Zeiten schreiben, Ihr sprecht ja auch viele Punkte an, die heute wichtig sind für all die, die online kommunizieren. 😉

    Thomas hat einen ganz wichtigen Punkt angesprochen, nämlich die Tatsache, dass nicht alle partizipieren müssen, es aber immer die Möglichkeit geben muss, dass es alle können. Wir sind da wohl Facebook auf den Leim gegangen, denn heute glauben alle, Interaktion und Partizipation seien ein wichtiges Kriterium für den kommunikativen (und darauf aufbauend den wirtschaftlichen) Erfolg. Ich muss nicht mit der Firma interagieren, deren Bohrmaschine ich kaufen möchte, ich muss nicht mit dem Museum kommunizieren, dessen Ausstellung ich besuche.

    Ich gebe zu, ich missioniere ganz gerne ein wenig, vor allem wenn es um die Tools geht, die uns das Leben leichter machen. Mir tut es in der Seele weh, dass z.B. so wenig Menschen RSS nutzen bzw. gar nicht wissen, was das ist. Und ja, ich würde mir auch wünschen, dass viel mehr Menschen sich trauen, Ihr Wissen online zu teilen, darüber zu schreiben.

    Die Idee eines digitalen Salons gefällt mir sehr gut, es wäre in meinen Augen der richtige Ort, um sich mit etwas Abstand mit den Dingen zu beschäftigen, die uns und viele andere Menschen beschäftigen. Dieser Abstand ist, denke ich, wichtig, um überhaupt nachdenken zu können, was da alles passiert.

  2. Es ist schon länger her, da hatte ich mir ein Lesezeichen einer deiner Seiten aus deiner Schwindt-pr.com Zeit zum Thema „Webseite und Social Media richtig vernetzen“ gespeichert . Für irgendwann zum „lernen“. Jetzt sehe ich, du hast dicht gemacht. Wegen der Chatrobots und so. Auch ich hatte dicht gemacht, wegen chronischer digitaler Überlastung, Burn out und so. Yoga hat mich einigermaßen wieder fit gemacht ( https://lebe.yoga ), doch ist es für mich, wieder in der digitalen Welt Fuß zu fassen. Oder es lieber als Yogalehrer zu versuchen, irgendwo auf Bali oder Griechenland. Diese Frage kann nur ich mir selbst beantworten.
    Tolles Interview mit Dr. Pleil !!!

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