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Was Worte bewirken können – Ein Bloggespräch mit Christian Zepke

Über die Empfehlung einer Freundin auf Twitter lernte ich vor einigen Monaten Christian Zepke kennen. Seitdem folgen wir uns auf mehreren Kanälen und kommen immer mal wieder ins Gespräch. Als ich nach neuen Gegenübern für meine Bloggespräch-Reihe suchte, meldete er sich spontan und schlug auch das Thema vor, für das ich mich bekanntermaßen sehr interessiere. Here we go:

Annette gezeichnet von tutticonfetti

Lieber Christian, vielen Dank, dass Du Dich auf meinen Aufruf hin gemeldet hast und auch gleich bereit bist, mit mir hier loszulegen. 🙂 

Es soll in unserem Austausch darum gehen, was Worte bewirken können. Da hat sicher jeder gleich Assoziationen aus seiner eigenen Erfahrung dazu. Mir als Ex-Erklärbär fallen zunächst Information und Lernen ein, dann als Mensch aus dem Autismus-Spektrum auch Missverständnisse. Wenn ich an Literatur und Lyrik denke, können Worte das Entführen in andere Welten bewirken oder reinigende Wirkung haben. Worte können Nähe erzeugen oder Distanz verstärken. Und Worte an sich können schön oder häßlich sein. 

Woran hast Du gedacht, als Du das Thema vorgeschlagen hast?

Christian Zepke

Hallo Annette. Na, da fängt es doch schon gleich mit der Begrüßung an. Wie wirkt sie auf Dich und wie wirken Begrüßungen generell auf unser Gegenüber? Schreibe ich lieber “liebe Annette” oder nehme ich wie sehr oft das “hallo”? Jetzt hast Du ja schon mit der Begrüßung begonnen. Ob ich wirklich lieb bin? :-). Wie wirkt es auf Dich, wenn ich “Hallo Annette” schreibe? Vielleicht ist das etwas distanzierter als das “Liebe Annette”?  Wir kennen uns ja noch nicht so gut. Darf es etwas distanzierter sein? Ich glaube, dass es funktioniert, sich auch auf Distanz nah zu sein. 

Ich freue mich auch sehr auf das Blog-Gespräch. Und nun zu Deiner Eingangsfrage. Das Thema ist mir eingefallen, weil Du mich in der Vorbereitung auf dieses Gespräch mal darauf hingewiesen hast, dass ich mich nicht korrekt ausgedrückt habe. Und dann habe ich daran gedacht, dass mir Worte immer wieder sehr wichtig sind. Und dass ich mich von schönen Worten, zum Beispiel wenn es um Gedichte geht, gerne “treffen” lasse. Aber ich habe auch immer wieder erfahren, dass Worte mich im negativen Sinne treffen und vor allem, dass ich andere mit meinen Worten irritiere oder gar verletze. Das ist ein sehr großes Thema, merke ich gerade wieder. 

Ein Gedicht von Hilde Domin, dass mich schon sehr lange begleitet, passt dazu. Es heisst “Unaufhaltsam”. Ich habe es hier verlinkt: https://www.deutschelyrik.de/unaufhaltsam.html 

Besondere Worte können uns begleiten; Gedichte, Lieder, Bücher und andere Texte. Worte, die besondere Menschen uns gesagt haben. Gibt es herausragende Worte, die Dich begleiten?

Annette gezeichnet von tutticonfetti

Ja, da ist zunächst einmal mein Motto: HURZ! Das stammt aus einem Sketch von Hape Kerkeling (leider nicht mehr komplett auf YouTube… HURZ!). Ich verwende es sehr oft, wenn die Welt mal wieder verrückt spielt und man einfach nichts dagegen tun kann. (Erst später hab ich gelesen, dass das wohl der Name von Kerkelings damaliger Vermieterin war, also vermutlich eher Hurtz mit -tz.) 

Dann gibt es Wörter aus anderen Sprachen, die ich liebe, weil sie Dinge viel besser auf den Punkt bringen als ihre deutsche Übersetzung und noch dazu toll klingen. Zum Beispiel das Wort flabbergasted. Das nur mit verblüfft zu übersetzen, trifft es nicht. Es bedeutet, dass man total perplex ist und erst mal nichts zu sagen weiß. Mehr wie verdattert. Flabbergasted halt. Überhaupt switche ich viel zwischen Sprachen, wenn es in der einen ein Wort oder einen Ausdruck gibt, der eine Sache besser trifft als in der Sprache, in der ich gerade unterwegs bin. 

Andere Wörter lösen Erinnerungen aus, weil sie mit bestimmten Erlebnissen verbunden sind. So werde ich nie mehr vergessen, dass es im Französischen “la photo” (nicht “le photo”, weil “das Foto”) heißt, weil mich ein französischer Freund deswegen einmal korrigiert hat. Umgekehrt ist mir seine Aussprache des Wortes Lehrer “Lärröhr” im Ohr geblieben, weil es sich genauso anhört wie “l’erreur” (ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt 😉 ).

Besonders fasziniert bin ich von der finnischen Sprache, in der es keine Präpositionen gibt, dafür aber 15 Fälle (mal zwei wegen Singular und Plural). Das ist für jemanden aus dem indogermanischen Sprachraum kaum nachzuvollziehen. Dazu habe ich mit einem finnischen Freund ein langes Gespräch (auf Englisch!) geführt, in dem er mir vergeblich zu erklären versuchte, wann welche Form richtig ist – am Beispiel der auf dem Fensterbrett sitzenden Nachbarin, die jedesmal in einem anderen Fall (haha) aus dem Fenster fallen würde, je nachdem, ob sie aus Richtung des Fensters, vom Fenster weg, durch das Fenster hindurch und was weiß ich noch wie – fällt… 

Besser merken konnte ich mir “Schokoladeneis in der Waffel”: Suklaajäätelötöterö. Sagt man dem Eisverkäufer aber, dass er das suklaajäätelö (was eigentlich bereits “Eis von der Schokolade” bedeutet) in die Waffel tun soll, dann ist es suklaajäätelötöterölle. Fällt es aus der Waffel raus (mit o.g. Einschränkungen siehe Fensterbeispiel) ist es suklaajäätelötöteröstä usw.

Ich mag Wörter wie Achteruitkijkspiegel (niederländisch – im Deutschen wörtlich: “nach Achtern Ausguck-Spiegel”) für “Rückspiegel”, wenn also Wörter etwas beschreiben, aber aus einem anderen Register kommen, wie hier ganz offensichtlich der Seefahrt.

Ich liebe Sprachwitze, wie “Why can’t Trump go into the White House anymore? – Because it’s for Biden.” Auf Facebook bin ich sogar Mitglied einer Gruppe, in der es ausschließlich um Sprachwitze und alles rund um Sprache geht. Da haben wir jede Menge Spaß!

Ich bin da also eher linguistisch als in poetischer Hinsicht begeisterungsfähig. Wie ist das bei Dir?

Christian Zepke

Mmh. Linguistisch bin ich überhaupt nicht begabt. Ich habe mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt und da habe ich zum Beispiel Fremdsprachen ziemlich “schlabbern” können. Und danach eben auch. Es gab immer irgendwelche anderen Baustellen. 🙂 Ich kann mir auf Englisch was zu Essen bestellen und die wichtigsten Vokabeln und Sätze beherrsche ich noch. Dann hört es aber schon auf. Das finde ich sehr schade. Aber es ist erst einmal nicht zu ändern. Es sei denn ich höre viele englische Videos und lerne dadurch. Aber dann muss ein großer Anreiz für mich da sein. Im Moment reizt es mich nicht.Vielleicht der Ärger, dass ich schon bei einer schlichten Rede auf Englisch, zum Beispiel jüngst von Kamala Harris, den Übersetzer fragen muss. 

Poetisch dagegen bin ich sehr begeisterungsfähig. Ich mag tiefgründige oder vielleicht eher tiefsinnige Texte. Ich mag auch Alltagstexte, die irgendwie besonders sind. Ich schwärme sehr für die Gedichte, die sich nicht reimen. Ich finde den Reim oft eher störend. Gedichte, bei denen die Worte durch den Atmen einen ganz besonderen Klang bekommen, Gedichte, bei denen die Worte klingen, mag ich sehr. Manchmal schreibe ich auch selbst kleine Texte. Aber eben nur manchmal. Hilde Domin hat gesagt, man muss erregt sein, wenn man schreibt. Es kommt oder es kommt nicht. 

Ich schreibe Dir mal zwei kleine Texte von mir aus den vergangenen Monaten. Aber nicht weitergeben. 🙂 

Sommer auf Bestellung

“Sommer auf Bestellung”
So wirbt ein Restaurant
neben einer riesigen Baustelle. 
Von Idylle
keine Spur. 
Und trotzdem 
ist es 
ruhig in mir. 

*

Wir bleiben
kurz 
an uns hängen
erinnern viel Schönes
stolpern ein wenig 
und gehen 
mit einem guten Gefühl
weiter. 

*

Gerade bin ich an einem Blog-Artikel. Das ist zwar keine Poesie. Aber ich mag es sehr, mich gut auszudrücken. Ich möchte da auch noch dazu lernen. Ein Text, ein Artikel muss sich für mich schön anhören. Das ist mir wichtig. Ehrlich gesagt, denke ich weniger darüber nach, was die Leserin oder der Leser gut finden könnte. Hauptsache, ich finde es gut. Wie ist es, wenn Du einen Artikel schreibst? Achtest Du auf “schöne” Worte? 

Annette gezeichnet von tutticonfetti

Ich achte auf passende Worte und auf einen vernünftigen Sprachstil. Das Schreiben fließt normalerweise aus mir raus, v.a. seit ich journalistisch tätig bin. Nur ab und zu stockt es, wenn ich an bestimmten Formulierungen knabbere (siehe oben).

Ich gehöre außerdem schon zu der Generation, die die modernen Zeiten beklagt. Ich erinnere mich noch AN Dinge (statt sie zu erinnern), finde Dinge gut (statt sie zu feiern, und wenn, dann weil eine Feier tatsächlich stattfindet), ich kenne noch den Genitiv (an Stellen, wo sich inzwischen der Dativ ausbreitet) und den Akkusativ (“Testen Sie den Swiffer-Staubmagnet” -EN!!!) und ich lege Wert auf korrekte Aussprache. (Mit „Knotschis“ und Co. kann man mich in den Wahnsinn treiben.)

Ich bin mir durchaus bewusst, dass es einen ständigen Sprachwandel gibt, immerhin hab ich Sprachwissenschaft studiert. Aber wenn sich die Sprache zum Falschen hin wandelt, dann gefällt mir das nicht. So darf man im Deutschen mittlerweile Homepage statt Website und auch Webseite statt Website verwenden, obwohl das nicht nur inhaltlich falsch, sondern auch verwirrend ist. (Homepage ist wie der Name schon sagt die Startseite einer Website, eine Webseite eine einzelne Seite der gesamten Website). Mit Blog und Blogpost passiert gerade dieselbe Entwicklung.

Das Lernen von Fremdsprachen empfehle ich übrigens ausdrücklich mit Videos oder Audiobüchern, wenn man nicht das Land für länger besuchen kann. Mein Mann Thomas konnte sich am Anfang mit unseren englischen Freunden dank Schulenglisch kaum unterhalten. Daraufhin hab ich ihm die von Stephen Fry gelesenen Harry-Potter-Audiobücher gegeben. Seitdem liest/hört/schaut er wo es geht nur noch in englischem Originalton, weil die Synchronisierung bzw. Übersetzung oft einfach schlecht ist. In Ländern, wo nicht synchronisiert wird, ist das allgemeine Fremdsprachenniveau auch besser. Aber ich drifte ab.

Deine Gedichte finde ich gut. Erinnern mich teilweise ein bisschen an Element of crime. Ich kann mir überhaupt Texte besser merken, wenn sie vertont sind, sprich Songtexte. Das kann ja eine eigene Form von Lyrik sein, über die sich auch Fremdsprachen gut lernen lassen. Ich liebe z.B. die Songtexte von Justin Currie. Und mein Wunsch, Italienisch zu lernen, entstand damals durch die Musik von Angelo Branduardi

Immer wenn ich ein Buch meiner Lieblingsautorin Cathleen Schine lese, will ich auch endlich mein seit Ewigkeiten vor sich hin dümpelndes Romanmanuskript fertig schreiben. Sie hat einen eigenen Sprachwitz, den ich sehr mag.

Hast Du eine/n Lieblingsautorin/en (abgesehen von Frau Domin) oder Songtexte, die Du besonders magst? 

Christian Zepke

Ich finde gut, dass Du an genauen Formulierungen und Sätzen interessiert bist. Ich bin nicht ganz so genau und sicher in meinen Formulierungen, glaube ich. ich probiere aus. Ich spreche und schreibe gerne und immer mehr in Bildern. Manchmal spreche ich zum Beispiel davon, Erfolge zu feiern. Dann meine ich das aber auch. Es ist so, dass mich dann Erfolge begeistern. Und dann finde ich es wichtig, sie auch zu feiern. Innezuhalten und zu sagen: Ok, jetzt habe ich das erreicht. Es ist wie Feiern. Yipee rufen. Mit anderen anstoßen. Auch wenn es innerlich ist. Ich will stehen bleiben und nicht überstürzt zu neuen Aufgaben aufbrechen. Worte helfen vielleicht sogar innezuhalten. Sie geben vielleicht Struktur und Halt. Ja, Worte können das alles. Aber auch das Gegenteil ist möglich. Sage ich jemand “Atme mal” kann ich beruhigend wirken. Drücke ich aber ein knappes “gerade keine Zeit” aus, erhöhe ich vielleicht den Druck auf mein Gegenüber. 

Ich glaube, ich habe keine Lieblingsautor*innen. Sicherheitshalber habe ich gerade mal in mein Bücherregal geschaut. Das ist schon breit gefächert. Wenn man von den Fach- und Sachbüchern und von den Gedichten absieht, geht es ganz oft um Geschichten. Na ja, in Romanen geht es ja immer um Geschichten, denke ich gerade. Das stimmt. Mir ist es einfach wichtig, mir ein Bild machen zu können. Mir ist es wichtig, aus lebendigen Geschichten etwas zu lernen oder etwas zu erfahren, was ich noch nicht kenne oder auch was mich in meinem Denken oder in meiner Entwicklung bestätigt und mich auf neue Ideen bringt. Und dann darf es ruhig etwas geheimnisvoll sein. Gerne auch weise. 

Wenn ich jemand mal etwas vorlese, was leider recht selten vorkommt, dann geht es um Geschichten. Ich würde meinem fünfjährigen Patenkind auch gerne häufiger etwas vorlesen. Wenn sie aber Geschichten von mir hören will, dann soll ich sie selbst erfinden. Das ist allerdings ein wenig einseitig. Es sollen nämlich immer Feen und Prinzessinnen in der Geschichte vorkommen. 🙂 Aber es regt in jedem Fall die Phantasie an. Meine, denn irgendetwas Verrücktes ist mir meistens eingefallen; und wenn es gut läuft auch ihre. 

Ich habe mir angewöhnt, ein schönes Notizbuch in meiner Nähe zu haben. Da schreibe ich immer rein, wenn ich auf irgendeine Idee komme. Dieses Blog-Gespräch bringt mich zum Beispiel gerade auf eine Idee und irgendwann schreibe oder erzähle ich etwas dazu. Und Ideen können durch Worte kommen, die ich persönlich höre oder auch in Songtexten. Ja, manchmal kann ich mich an Liedern nicht satthören, weil sie mich in meinem Fühlen, Denken und meiner Entwicklung bestätigen und weiterbringen. Zum Beispiel inspiriert mich Julia Engelmann mit ihren Gedichten und Liedern, weil sie einfach anders und besonders ist. Und gerade höre ich irre oft “Bestandsaufnahme”. Mich sprechen viele Songs an, wenn sie Gefühle transportieren und bei mir auslösen. 

Und manchmal finde ich die Worte nicht. Wie zum Beispiel in diesem Lied, in dem Tim Bendzko singt, dass er so gerne Worte hätte, um “ihr zu sagen, was ich fühl’”. Ich glaube, die Worte brauchen etwas, dass sie transportiert. Sonst werden sie zu Wörtern. Was meinst Du?

Annette gezeichnet von tutticonfetti

Ich denke eher, dass die Worte selbst etwas transportieren sollten und das möglichst originell, nicht in Allgemeinplätzen. Denn dann sind es nur Wörter. Ich musste jetzt ein wenig überlegen, wer mir da auf Deutsch einfällt: Grönemeyer unbedingt oder der schon genannte Reinhard Mey. Ich liebe wie gesagt auch Sprachspiele, wozu mir natürlich Loriot oder Heinz Erhardt einfallen. Wer das nur für Klamauk hält, hat kein Sprachgefühl.

Ja, Songtexte müssen etwas auslösen, sonst nützt die schönste Musik nichts. Kommt beides zusammen, ist es natürlich perfekt. Da fällt mir vorneweg die italienische Oper ein. Es gibt Arien, da zerfließe ich in Tränen, einfach weil Text, Gesang und Musik so perfekt zusammenspielen. Zum Beispiel bei dieser Aufnahme von Rondine al nido (wer es nicht kennt, bitte vorher hier den Text auf deutsch lesen). 

Aber auch einzelne Worte können eine eigene Geschichte bekommen. Sei es nun das berühmte „Neuland“ von Frau Merkel, oder „Yes, we can“ von Obama. Sie können Bewegungen auslösen wie „I can‘t breathe“ oder Revolutionen anfeuern wie  „Liberté, Égalité, Fraternité“. Das Wort „Schulstreik“ hätte vor Greta Thunberg ganz andere Assoziationen ausgelöst.

Am schönsten ist es, wenn Worte mit persönlichen Erlebnissen verknüpft werden und einen dann für immer an diesen Moment erinnern. Zum Beispiel die mit großer Dringlichkeit gelispelte Aufforderung eines Kindes aus unserer Verwandschaft, der Patenonkel solle doch den Fußball „mit viel Dethwindithkeit“ schießen. Dieses Wort ist auf ewig mit dem inzwischen erwachsenen Jungen verknüpft und wird bei jedem Familientreffen zitiert.

Oder all die Wortverdreher meines Freundes Kai, der nach einem Schlaganfall wegen Aphasie starke Sprachprobleme hat, über die wir aber zusammen lachen können: Vom Schlafen auf dem „Tufon“ oder dem coronabedingten „Aschband“ halten. Oder das Erlebnis, als er zum ersten Mal meinen Namen sagen konnte und ich nicht mehr „Hallo“ war. Und was es eigentlich bedeutet, plötzlich keine Worte mehr zu haben

Gibt es auch in Deinem Leben Worte, die zu besonderen Erlebnissen oder Menschen gehören?

Christian Zepke

Als ich von Deinem Freund Kai und seiner Aphasie las, ist mir eine entfernte Verwandte eingefallen, die vor mehreren Jahrzehnten als alte Dame eine Aphasie bekam. Ich hatte kaum Kontakt zu ihr. Aber wenn ich sie gesehen habe, hat sie immer nur zwei Worte gesagt. “Besser, besser”. Vor der Aphasie hat sie sehr viel gesprochen und sie hat mir schon sehr leid getan. Andererseits musste ich auch sehr schmunzeln und es ist mir tatsächlich vor kurzem noch einmal eingefallen. Wie schön, dass das, was sie leider nur noch sagen konnte, positiv war. Es hat ein Schmunzeln bei mir hinterlassen, was sogar heute noch auftaucht. 

Ein besonderes Wort ist für mich “Titan”. Mein Patenkind sagte das zu mir. Aber mit einem langen A. Bald wird sie sechs Jahre alt und ich darf sie immer noch hier und da begleiten und bin ihr nah. Und sie sagt weiterhin “Titan”. Das finde ich sehr schön. 

Ich überlege immer noch, wie die Worte transportiert werden. Wie sie mit Leben gefüllt werden, sodass sie nicht zu Wörtern werden. Und ich glaube, ein wichtiges Transportmittel ist die Stille. Vielleicht neben dem Erzählen von Geschichten und dem Humor, der zum Beispiel in Deinen Worten ganz deutlich durchscheint. 

Vor einiger Zeit habe ich mir manchmal Auszeiten in überkonfessionellen Klöstern gegönnt. Ich war auch in einem Zenkloster und habe fast eine Woche mit niemand geredet. In dieser Stille bekamen die Worte der Zenmeisterin eine besondere Bedeutung. Ihre kleinen Geschichten, ihre Haltung und ihre Art zu reden haben mich beeindruckt. Nach dieser Auszeit habe ich lange Zeit kein Autoradio mehr gehört, da mir das zu laut war. … Ich höre gerade ein leises Vogelzwitschern, öffne die Tür und lasse es mal kurz rein. 

Vielleicht zum Schluss mit Grüßen und guten Wünschen an Dich und alle Leser*innen:
Öffnen wir uns für Worte. Und lassen wir eine Lücke zwischen den Worten.

Annette gezeichnet von tutticonfetti

Ein schönes Schlusswort. Vielen Dank fürs Mitmachen, lieber Christian.

Über meinen Gesprächspartner

Christian Zepke

Christian Zepke ist Sozialarbeiter und Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens. Er beschäftigt sich sehr gerne mit der Entwicklung von Organisationen, seines Umfeldes und irgendwie auch immer von ihm selbst.
Er bloggt auf: https://christianzepke.wordpress.com


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