Asperger und Hochsensibilität? UPDATED

abstraktes verwischtes Bild

Jedesmal, wenn ich eine Dokumentation über Autismus allgemein oder das Asperger-Syndrom im Besonderen sehe, erkenne ich mich in vielen Dingen deutlich wieder. So auch in der Figur Saga Norén in der Krimireihe „Die Brücke„. Bei mir ist das zwar nicht so stark ausgeprägt wie bei ihr, aber in einigen Situationen, in denen sie auffällt, würde ich mich vermutlich ähnlich verhalten. Gerade wenn es um Arbeit geht oder um Menschen oder Dinge, die mir wichtig sind.

Da Asperger auch oft mit Hochsensibilität in Verbindung gebracht wird, habe ich kürzlich einen Asperger-Online-Test dazu gemacht. Und siehe da: meine Ergebnisse waren durchaus im siginifikanten Bereich… Was das jetzt aussagt? Nichts, was ich nicht vorher schon gewusst hätte. Und eigentlich ist es mir egal wie es genannt wird. Nur muss ich eben irgendwie damit umgehen.

Wie sich das äußert? Naja, ich kann wie schon gesagt schwer filtern und muss mich zum Fokussieren sehr anstrengen. Deswegen kosten mich Dinge, die andere mal nebenbei machen können, sehr viel mehr Kraft. Ich kann z.B. keinen Smalltalk machen, drum herum reden oder einem Gespräch von anderen folgen, bei dem das praktiziert wird. Egal worum es geht.

Diplomatisch sein, ist mir schlicht nicht möglich. Und das nicht, weil ich das nicht wollte, sondern weil ich es schlicht und ergreifend nicht kann. Jeder Versuch, mich diplomatisch einer Sache zu nähern, geht total in die Hose. Und ich komme mir währenddessen furchtbar unehrlich vor und fühle mich äußerst unwohl.

Ich komme also immer direkt zum Punkt, sowohl wenn es um Positives als auch wenn es um Negatives geht. Ich unterbreche andere oft oder springe (für andere) im Thema, weil ich schon längst weiter mit meinem Gedankengang bin und das laufende Gespräch für mich zu sehr auf der Stelle tritt. Außerdem kann ich die Signale, wann ich dran bin und wann nicht, schwer erkennen. Das wirkt für andere abrupt, auch mal arrogant oder unfreundlich. Dabei ist es meistens überhaupt nicht so gemeint. Ich bin einfach nur ehrlich. Anders kann ich nicht.

Und wie geht das jetzt mit Hochsensibilität zusammen? Sind das nicht Menschen, die gerade besonders intensiv wahrnehmen, was um sie herum passiert? Ja! Aber das betrifft eben nur das Wahrnehmen. Es bedeutet nicht, dass ich umgekehrt nach außen genauso agieren kann. Im Gegenteil ist gerade das intensive Spüren und Weitsehen oft so überwältigend, dass es sehr schwer wird, das Ganze in Worte zu fassen oder verbal damit umzugehen. Deswegen kann ich Ungerechtigkeiten, Taktierereien oder schön tuende Menschen um mich herum nicht ertragen. Ich brauche direkte Kommunikation auf den Punkt. Für alles andere habe ich schlicht kein Konzept.

Meistens kämpfe ich also einfach nur damit, eine Situation für mich oder andere geklärt zu bekommen. Und wenn das nicht geht, ist das sehr schlimm für mich.

Erklärbär sein, wo andere eine direkte Lösung von mir wollen, ist da vermutlich das perfekte Betätigungsfeld. Auf der einen Seite kann ich mich schnell einfühlen, auf der anderen Seite schnell zur Antwort kommen. Lange Diskussionen oder Leute, die nicht zum Punkt kommen können, machen mir hingegen große Probleme.

Erleichtert so ein Blogpost jetzt anderen den Umgang mit mir? Vermutlich eher nicht. Manch einen mag es noch mehr verschrecken, andere mögen denken, das wäre etwas, was man sich abtrainieren könnte, wenn man sich nur genügend anstrengt. So ist das aber nicht.

Ich hab es mir nicht ausgesucht. Ich bin wie ich bin. Und es hat ja auch nicht nur Nachteile, so zu sein. Andere wissen immer genau, woran sie mit mir sind. Das ist ja auch keine Krankheit, sondern eben eine Veranlagung.

Wer dafür kein Verständnis hat, dem kann ich auch nicht helfen… Wer aber damit umgehen kann oder das vielleicht sogar aus eigener Erfahrung kennt, möge mir doch bitte berichten, wie er/sie damit umgeht. 🙂

UPDATE: In Reaktion auf diesem Artikel haben sich mehrere Menschen mit diagnostiziertem Asperger bei mir gemeldet und mir weitere helfende Denkanstöße gegeben und Tests empfohlen. Dabei stellte sich heraus, dass es bei mir nicht bloß um Asperger geht, als um etwas, womit ich gerade gar nicht weiß wohin: Hochbegabung… BUMM! Und jetzt?

Ich weiß nicht, was ich jetzt mit dieser Erkenntnis machen soll… Bin ehrlich gesagt ziemlich durch den Wind deswegen, weil ich mit einigen anderen hochbegabten Menschen in der Vergangenheit keine guten Erfahrungen gemacht habe…

Annette Schwindt
Ich mach was mit Schreiben und begleite andere dabei, ihre Kommunikation aufzubauen oder zu verbessern. Interesse an einer Zusammenarbeit? Außerdem engagiere ich mich für Inklusion Vor allem bin ich eins: Ein Mensch! - Beiträge per Mail abonnieren -

25 Kommentare

  1. Für mich hat die Erkenntnis, zu welcher ist erst spät kam, vieles Unerklärliches aus meiner Kindheit, Jugend und dann Erwachsenenzeit, sehr viel klarer werden lassen.
    Hätte ich damals schon gewusst … aber das bringt nichts, solchen Gedanken nach zu hängen. Heute bin ich erleichtert, da ich mich selbst besser einschätzen kann und meine Grenzen früh genug erkenne.
    Du wirst das auch bald merken, falls es nicht schon geschehen ist. Ich wünsche Dir dazu alles Gute!

  2. Interessanter Einblick in deine Selbstreflexion. Das Thema ist spannend. Dazu gibt es übrigens auch ein sehr schönes Gespräch im Bayern3 Podcast „Mensch Otto“. Da war vor kurzem ein Doktor zu Gast , der Asperger-Syndrom hat.

  3. Hallo Annette,

    ich war selber lange auf der Suche nach einer Erklärung für all die Merkwürdigkeiten, die ich an mir gesehen habe, und unter anderem habe ich auch lange versucht, Autist zu sein. Das Asperger Syndrom passte so supergut auf mich, als ich das vor einigen Jahren entdeckt hatte, dachte ich wirklich, dass es das jetzt war. (Und ich hab auch Online-Tests gemacht, die alle damit endeten, dass ich doch mal zu einem Arzt gehen soll… Ach, da war ich fast sowas wie glücklich, endlich war die Unsicherheit vorbei.
    Naja, und dann passte aber doch so vieles nicht. Bis ich mich endlich dazu durchgerungen hatte, so einen Intelligenztest zu machen. Und Du schreibst es selber: „BUMM. Und jetzt?“.
    Mir hat der Kontakt zu anderen Hochbegabten (bei örtlichen Mensa-Stammtischen zum Beispiel) sehr geholfen, mit dieser neuen Info über mich was anfangen zu können. Nicht weil die alle supernett sind, das sind sie nicht, sondern eher weil sie endlich mal ein Maßstab sind, an dem ich mich messen konnte. (Und weil ein paar von denen halt doch sehr nett sind.) im Veranstaltungskalender findest Du die Termine unter anderem in Bonn:
    https://mind.laterne.de/Events?mpn=Events&vs=049
    Und über Mensa bin ich auch auf andere Informationen gestoßen, denn da gibt es viele andere, die vor den gleichen Fragen stehen wie ich damals und wie ja vielleicht Du auch grade. Aus der Mensa-Richtung kamen auch viele Buchtipps, die mir sehr weitergeholfen haben. Bei Maike hast Du ja vermutlich selber schon den Hinweis auf die beiden Bücher von Andrea Brackmann gefunden, die fand ich sehr gut. Viele Hochbegabte fanden das Buch von Manon Garcia gut: „Hochbegabung bei Erwachsenen: Erkennen, akzeptieren und ausleben“(, das kenne ich aber nicht). Seit kurzem gibt es das Buch „Kassandras Schleier“ von Wolfgang Schmidbauer, das aber sehr aus der Perspektive „Psychoanalyse“ geschrieben ist. Eine Alternative – für nicht ganz so traumatisierte Fälle – wäre vielleicht Heinz-Detlef Scheer: „Wie ich werde, was ich bin. – (Selbst-)Coaching für hochbegabte Erwachsene“
    Es gibt so ein paar Phase, die offenbar viele durchmachen, wenn sie im fortgeschritteneren Alter erfahren, dass sie HB sind. Ähnlich vielleicht den Phasen, die man in der Trauer durchmacht. Diese Bücher (und noch ein paar mehr) haben mich dabei begleitet und mir sehr geholfen. Vielleicht können sie das bei Dir ja auch.
    Mir gefällt mittlerweile, dass mal jemand so ein „Stöckchen“ zum Thema Hochbegabung durch die Blogs wirft, ich hab da nämlich noch eine ganze Reihe von potentiellen Kandidaten im Verdacht. Vielleicht gleich mit Test-Gutscheinen. Das würde das Thema sicher weiter bringen. 😉
    (Ob es aber klug ist, mit der eigenen HB öffentlich umzugehen, weiß ich nicht so genau… Meike hat da ja eher schlechte Erfahrungen gemacht, und ich wüsste da noch ein paar. Aber das musst Du natürlich selber wissen.)
    Ich drück Dir jedenfalls die Daumen, dass Du Dir Deine neu entdeckten Ressourcen schnell zunutze machen kannst. Alles Gute dafür!

  4. (Ähem… Mir _würde_ gefallen, wenn mal jemand so ein Stöckchen werfen würde. Manchmal sind die Finger halt doch schneller als das Gehirn.)

  5. Hallo Annette,

    ein sehr interessanter Beitrag – danke dafür!

    Ich selbst bin hochsensibel (https://hochsensibel1753.wordpress.com/herzlich-willkommen/) und denke mir manchesmal wie fatal es doch ist, dass noch nicht einmal Fachexperten es hinbekommen, zwischen Autismus, Asperger, AD(H)S und Hochsensibilität (welche ja gar keine Krankheit ist) zu unterscheiden.

    Gerade habe ich in einem anderen Blog gestöbert, wo sich jemand als Asperger ausgibt aber doch recht gut von seiner intensiven Gefühlswelt spricht. Der große Punkt, wo sich Asperger und Hochsensible unterscheiden ist derjenige der Empathie, des Einfühlungsvermögens – des Vermögens, die eigene Stimmung/ Gefühlswelt bzw. die Stimmung meines Gegenübers einschätzen zu können.

    Bei dir fiel mir sofort Mensa ein, kennst du den Verein für Hochbegabte? Dort kann man IQ-Tests machen und auch auf Gleichgesinnte treffen (muss aber nicht immer der Fall sein 😉 ).

    Also – lieben Dank nochmal für deinen wertvollen Artikel, der hilft, die doch recht komplexen Themenbereiche abzugrenzen – auch wenn es manchmal tatsächlich Fälle gibt, wo sich Themen überschneiden. Nun ja – so ist das 😉

    Liebe Grüße,
    Julia

      1. Liebe Annette,

        erstmal setzen lassen 🙂

        Ich bin gerade auch dabei, mich in das Thema Hochbegabung einzulesen und vor allen Dingen auch die Abgrenzung zur Hochsensibilität zu verstehen. Hier haben mir folgende Seiten und Bücher geholfen – vielleicht helfen auch dir die Infos:

        http://coaching-fuer-hochsensible.de/hochsensibilitaet-und-hochbegabung/
        (mehrseitig)

        http://hochbegabt-oder-hochsensibel.manongarcia.de/

        –> Manon Garcia hat 2 Bücher zum Thema geschrieben – wenn du mit einem starten möchtest, dann wohl eher mit „Hochbegabung bei Erwachsenen“.

        Alles Liebe & Gute dir,
        Julia

  6. Sorry, ich nochmal…

    Vielleicht hast du mit den bisher Hochbegabten keine gute Erfahrung gemacht, weil du evtl. hochsensibel sein könntest und diese nicht hochsensibel waren. Diese Diskrepanz könnte eine gewissen Unstimmigkeit hervorgerufen haben.

    Aber nur ein Gedanke…

    Alles Liebe,
    Julia

  7. Hallo,

    ich erkenne mich in deiner Beschreibung recht gut. Kann mich nicht eindeutig in eine Schiene einordnen. Ja, ich bin ich. 🙂 Danke. LG

  8. Liebe Annette,
    soeben habe ich deinen Artikel zum Thema Asperger-Hochsensibilität gelesen, den du vor 3 Jahren geschrieben hast. Das Thema beschäftigt mich gerade. Vielleicht ist es bei dir kein Thema mehr, aber trotzdem:
    Viele hochbegabte Menschen haben autistische Züge und ich sehe eine sehr klare Verbindung zwischen Asperger-Hochbegabung-Hochsensibilität.
    Und irgendwie denke ich, dass es gerade ein Boom erlebt.
    Jedenfalls fällt es uns als Eltern eines Asperger hochsensiblen Kindes sehr schwer nicht die Kraft zu verlieren, weil die Welt und ihre Systeme nichts mit unserem Kind anzufangen wissen. Wie war das denn bei dir als Kind?
    Liebe Grüße
    Helen M.R

    1. Ich glaube nicht, dass das ein „Boom“ ist, sondern dass es jetzt eben einen Namen dafür gibt, wo es früher vielleicht nur geheßen hätte, ein Kind sei schwierig. Wenn Euer Kind ein Mädchen ist, empfehle ich das Buch Aspergirls. Da sind explizit Tipps für Eltern bei jedem Kapitel dabei.

    2. Und zur Frage wie das bei mir als Kind war: Ich war schon immer lieber mit Jungs befreundet, weil ich mit den typischen Mädchensachen nichts anfangen konnte. Auflerdem fühlte ich mich mit Erwachsenen viel wohler als mit Gleichaltrigen. Andere Kinder könnten das als schräg empfunden haben, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich zeitlebens dieses Gefühl hatte und habe, wie von einem anderen Planeten zu sein. Bei konkreteren Fragen nutze doch bitte das Kontaktformular dieser Website. Ich antworte dann per Mail.

  9. Liebe Annette,
    du bist der erste Mensch auf der Welt, der so fühlt wie ich. Es tut so gut, jemanden zu hören, der auch so denkt und fühlt. Ich dachte immer, ich bin einfach nur sonderbar, falsch gestrickt. Jetzt weiß ich, es gibt noch andere, die vom selben Stern sind wie ich.
    Ob es nun Asperger, Hochbegabung, Hochsensibilität oder alles zusammen, muss ich nun noch heraus finden. Es ändert nichts, an dem, wie ich bin, aber es gibt dem Kind einen Namen. Damit kann ich akzeptieren, dass ich gut so bin wie ich bin. Das war ein langer weg dahin.

    Herzlichsten Dank für deine Worte, sie haben mir die Augen geöffnet

      1. Ja, sehr gern. Ich brauche vor allem etwas, das mein Umfeld es ernst nimmt, und ich nicht immer hören muss: „stell dich nicht so an. Du musst dich besser integrieren, dann wird das schon..!“ Nein, da wird gar nichts! Sorry, aber ich kann es einfach nicht. So bin ich und es wird sich nicht ändern. Aber andere meinen, mich ändern zu können, ich müsse nur wollen…! Das tut weh! Dann kommen Selbstzweifel…bilde ich mir das nur ein? Du sprichst mir so aus der Seele, kann ich wirklich mit meinem Gefühl so falsch liegen, wie die anderen immer sagen? Eigentlich ist es offensichtlich, oder?
        Vielen Dank schon mal im Voraus für deine Hilfe.

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