Sind wir nicht alle irgendwie Blüdel?

Mein Mann und ich hatten früher ein asiatisches Lieblingsrestaurant, das es inzwischen leider nicht mehr gibt. Dort konnte man in zwar etwas beengten Sitzverhältnissen dafür mit superleckerem Essen in familiärer Atmosphäre alles haben, was das Herz eines Freundes asiatischer Küche begehrt. Von Sushi über Ente bis hin zum süßen Rettichsalat. Nicht zu vergessen Köstlichkeiten wie Bulgogi oder Bibim Bab! Die Belegschaft kannte uns dort längst beim Namen. Besonders mit der Wirtin hatten wir ein sehr herzliches Verhältnis, auch wenn sie uns sprachlich immer wieder verblüffte.

Als wir das erste Mal dort waren, fiel mir auf, dass die Wirtin meinen Mann immer wieder verstohlen betrachtete. Ich dachte natürlich das wäre wegen seines Rollstuhls und schaute kritisch zurück.
Da kam sie lachend herüber und meinte: „HOOOO, Sie denken ich gucken weil Lollschuhl? Naaaain! Abel sieht el aus wie meine Bludel!“

Ein andermal kamen wir ins Gespräch über den rheinischen Karneval und dass das nicht so unser Ding sei, vor allem wegen des heftigen Alkoholkonsums und der manchmal übergriffigen Verhaltensweisen mancher Feiernder. Daraufhin nickte sie verständnisvoll und gab zu bedenken: „Jaaaa, HOOOOO! Saufen und Feieln is ja okay… abel nich zu Flemde gehen!“

Wieder ein anderes Mal wollte ich telefonisch einen Tisch bestellen, weil wir Besuch erwarteten. Da der Nachname meines Mannes am Telefon leichter zu verstehen ist, nenne ich bei solchen Bestellungen immer seinen. Eigentlich haben wir aber verschiedene Nachnamen.

Die Wirtin war dran: „Hallooo, jaaa?“
„Hallo, wir hätten gern einen Tisch für 19 Uhr für vier Personen. Aber zwei davon sind Rollstuhlfahrer, wir brauchen also ein bisschen mehr Platz.“
„HOOOO…. Jaaa, also Tisch fül neunsehn Uhl, jaaa…. viel Pelsonen, jaaa…. unn swaaaai Lollschuhlfahlel.“
„Nein, vier Personen und DAVON zwei Rollstuhlfahrer! Für Reis!“
„HOOOO, viel Pelsonen und swaaai Lollschuhlfahlel fül Leis – aba…! Sie sin doch Flau Schwindt, Flau Leis!“

Dann ging ich mit einem Bekannten zum Mittagessen dorthin. Der Bekannte ist auch blond und Rollstuhlfahrer – wie mein Mann. Bestellung und Essen verliefen ohne Zwischenfälle. Aber zum Bezahlen kam die Wirtin an unseren Tisch und schaute ganz irritiert meine Begleitung an.

Also sagte ich: „Mein Mann konnte nicht mitkommen, er ist bei der Arbeit.“
Die Wirtin machte große Augen: „HOOOOO!!! Albeit?! El albeiten?“
„Ja, er ist Jurist im öffentlichen Dienst.“
„HOOOOOOOOOOO!!! Julist….???“
„Im öffentlichen Dienst. Er ist Beamter.“
„HOOO! Beaaamtää?! Guuuut! Ich gedacht el nich albeiten.“
Meine Begleitung grinste schon die ganze Zeit vor sich hin. Also sagte ich auf ihn deutend: „Er arbeitet auch, er hat nur heute frei. Er ist auch Jurist.“
„HOOOOO?!!! Jaaa??? Issel Bludel?“

Foto: pixabay

Ich mach was mit Schreiben und werde für andere als Kommunikations-Katalysator oder Portraitfotografin tätig . >>>Mehr über die Arbeit mit mir lesen. Ich verorte mich selbst im Autismus-Spektrum (beiße aber nicht), bin chronisch digital und vor allem eins: Ein Mensch und Teil von #teamsutsche.

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