Über Body Positivity – Ein Bloggespräch mit Christian Spließ

Als mein heutiger Gesprächspartner mir sein Thema vorgeschlagen hat, hab ich mich sehr gefreut. Darüber wollte ich mich schon lange mal auch mit einem Mann unterhalten. Also vielen Dank schon jetzt, Christian! Und los geht’s:

Annette Schwindt

Da wir uns ja schon einige Jahre folgen, sehe ich oft, was Du gerade postest. Darunter sind mir auch Videos aufgefallen, bei denen ich dachte „Wow, der traut sich was!“ Ist es wirklich so, dass Du dafür besonderen Mut aufbringen musst, wenn Du Dich quasi „ungeschminkt“ zeigst, und was hat Dich dazu gebracht? Wie bist Du überhaupt auf das Thema Body Positivity gekommen und warum hast Du es mir vorgeschlagen?

Mehr reale Körperbilder

Christian Spließ

Vorgeschlagen habe ich das Thema, weil ich gemerkt habe, dass wir mehr als zuvor einem enormen Druck ausgesetzt sind, wenn es um Köperformen geht. Das hat sicherlich auch mit Corona zu tun. Stichwort Corona-Kilo-Debatte.

Dass Thema Body Positivity ist dann in mein Leben getreten als ich mich Health At Every Size, Intuitivem Essen und den Werken von Lindo Bacon beschäftigt habe.

Sich ungeschminkt zu zeigen – ja, das braucht wirklich schon Mut. Ich mach das, weil Männer bei Instagram zu dem Thema nicht so vertreten sind und ich ermutigen möchte, sich so zu zeigen wie man ist. Also mehr Realität auf Instagram – könnten wir alle mehr vertragen, oder? Wie ist das eigentlich bei Dir, welche Körperbilder landen bei Dir im Feed?

Dünnsein macht nicht automatisch glücklich

Annette Schwindt

Ich folge kaum körperbezogenen Themen. Nur ein paar Accounts mit Bezug zu Mode in großen Größen und Naturmaterialien. Aber Du hast Recht: Männer kommen da eher nicht vor. Bei Frauen tut sich da einiges, hab ich den Eindruck. Allerdings weiß ich nicht, wieviel davon gerade nur in ist und was davon langfristig bestehen bleibt. Besonders beeindruckt hat mich damals der Film „Embrace“ der australischen Fotografin Taryn Brumfitt.

Mich betrifft das Thema zum einen, weil ich nicht nur groß, sondern auch viel bin. Außerdem hab ich eine extreme Oberweite, die ich zuhause auch nicht in einen BH zwänge. Das führt dazu, dass ich oft angestarrt werde. Damit hatte ich lange zu kämpfen, bis ich folgendes Erlebnis hatte: Eine Bekannte mit Size Zero äußerte, wie schön sie das findet, von mir umarmt zu werden. Das sei so mütterlich und urweiblich. Ich erinnere sie gar an diese steinzeitlichen Statuen. Von ihr kam auch das Bild der Yin-Brumme, das seitdem von vielen anderen als sehr passend beurteilt wurde.

Das hat mir gezeigt, dass alles eine Frage der Perspektive ist. Auch dünne, hübsche Menschen sind nicht automatisch mit ihrem Körper glücklich. Ich erinnere mich auch noch an meine Jugend, als ich eher untergewichtig war und immer dachte, ich sei zu dick. Ungeschminkt im wörtlichen Sinne bin ich aber immer, da mich das Gefühl von Make up (jetzt mal abgesehen von abgedeckten Pickeln) furchtbar stört. Auch Nagellack kann ich nicht ertragen.

Heute trage ich meine Kurven mit Stolz. Soweit wie Du traue ich mich aber noch nicht. Wie hast Du Dich dorthin gewagt? Ging das schrittweise, oder hast Du gleich mit Videodrehen angefangen?

Vorbilder für Body Positivity

Christian Spließ

Natürlich ist es alles eine Frage der Perspektive. Vor allem muss man sich auch erstmal freimachen von all den Bildern, die uns bewußt und unbewußt den Tag über verfolgen. Das ist nicht so leicht und das dauert. Dazu muss man ja auch erstmal im Reinen mit sich selber sein, bevor man gegen die bestehenden Bilder ankämpfen kann.

Nein, ich habe nicht direkt mit dem Videodrehen angefangen. Ich hab mich langsam nach und nach getraut. Ich hab mich auf die Suche nach Vorbildern gemacht. Zach Miko, Lord Troy. Natürlich gibts auch Frauen wie Lizzo oder Kaylalogan. Und ich hab dann öfters gedacht: “Whow, die trauen sich ja echt was.”

Ich hab dann erstmal ganz vorsichtig angefangen und geschaut: Wie kommt das an? Wie kommt das an, wenn ich mit Bart vor der Kamera sitze statt wie sonst glattrasiert? Das war schon mal ein Schritt. Was passiert, wenn ich mit freiem Oberkörper dasitze? Nur im Bademantel? Und da weder Instagram mich ermahnte, noch ein großer Protest aufkam – sondern tatsächlich in der Regel positive Kommentare – war das für mich eine Bestätigung. Zudem auch ein Faktor war die Bewerbung von Jules für den Miss-Germany-Wettbewerb. Die hat denke ich auch dafür gesorgt, dass sich in dem Bereich für Frauen eine Menge tut.

Da du Mode in großen Größen angesprochen hast: Hast du je – wenn man denn da Übergrößen in den Geschäften hat – irgendwelche wirklich modischen Sachen gefunden? Irgendwas mit Pepp, tolle Muster oder mal ein wenig den aktuellen Trends angepasst? Also wenn ist das ein absoluter Glücksfall oder es ist halt sehr teuer.

Kleidung in großen Größen finden

Annette Schwindt

Danke zuerst mal für all die Beispiele! Ich persönlich finde ja Rundungen auch viel schöner als abgehungerte oder übertrainierte sehnige Körper. Ich finde dünne Männer bestenfalls nett zum Anschauen, wie ein Bild, das man sich an die Wand hängt. Aber zum Anfassen ist das nichts für mich. Wenigstens ein bisschen Bauch sollte schon da sein. Das ist doch sonst beim Kuscheln viel zu unbequem… 😉

Was die Mode angeht, so hab ich darüber ja ein eigenes Bloggespräch mit Susanne Ackstaller geführt. Allerdings ging es da speziell um fair hergestellte Übergröße-Kleidung für Frauen. Ich möchte nämlich nicht nur quietschfarbenen Polyester angeboten bekommen, nur weil ich keine Standardgröße habe. Damals habe ich mir gewünscht, meine Maße einlesen lassen zu können und dann selbst zusammengestellte Kleidung produziert zu bekommen, wie in einer Art 3D-Druck. Und Susanne bemerkte zu recht, dass man ja auch mit Kleidung achtsam umgehen kann, also weniger konsumiert, dafür in besserer Qualität. Dazu gibt es bereits den passenden Trend: Slow Fashion. Die wiederum aber nicht in großen Größen… Es ist echt ein Kreuz!

Im Moment kaufe ich am liebsten bei Gudrun Sjöden, auch wenn ich da in keine Hosen und nur in wenige Röcke reinpasse. Aber für Oberteile und Kleider ist das genau meins: Natur- oder recycelte Materialien in lebendigen natürlichen Farben. Aber auch bei Ulla Popken gibt es Stücke in Biobaumwolle. Auch für Männer! Und da mein Mann und ich beide nicht gerne shoppen gehen, kaufen wir inzwischen ausschließlich online.

Wie machst Du das und wen kannst Du empfehlen?

Manches nur online erhältlich

Christian Spließ

Das Meiste kaufe ich tatsächlich online. Oder ich lasse es dann in die Filiale schicken, weil die große Größen ja bei einigen Geschäften nur noch online bestellbar sind. Ich hab das Glück eine C&A-Filiale hier zu haben, die haben ein Basis-Angebot und öfters mal auch was außer der Reihe. Da muss man aber erstmal auf der Webseite nach suchen. Und in dem Bereich: Bonprix. Die haben zwar auch nicht immer die top modischen Sachen, aber immerhin sind da die Sachen einigermaßen bezahlbar. 

Und ja, ich bestelle öfter bei Zalando, weil die einfach schicke modische Sachen haben. Und nicht irgendwas, was aussieht als hätte ich mich gerade fürs Bett umgezogen. Wobei Zalando ja mittlerweile auch positiv in Richtung Body Positivity auffällt was die Models anbelangt. Da lief vor kurzem noch eine tolle Werbekampagne. Ob das natürlich dann auch immer gelebt wird ist ja so die Frage. Allerdings: Die meisten Hemden im Schrank stammen von Zalando. Mittlerweile trage ich ja gerne mal auch bunte Drucke. 

Unvermeidbar ist dann manchmal Happy Size. Es gibt halt so Sachen, die es sonst nirgends anders gibt. Wobei Gürtel ja auch schon so eine Sache sind, die man entweder extra bestellen muss oder sich auch direkt gleich liefern lassen kann. Bei Ulla Popken schaue ich die Tage mal rein, ich hatte die Kette eher als “das ist nur was für Frauen” im Kopf. Danke für den Tipp.

Jetzt hast Du gesagt, Du trägst mittlerweile deine Kurven mit Stolz. Wenn ich durch die Stadt gehe tue ich das ja auch, aber es gibt natürlich immer noch die Blicke und die Gesichter. Jedenfalls bleibt das bei mir meistens dabei. Wenn ich mit Frauen rede oder auch in die Kommentarspalten reinschaue, dann scheint es für Etliche leichter zu sein den Körper einer Frau negativ zu kommentieren als von einem Mann. Fällt dir sowas auch auf? Also dass eher Frauen negativ und abschätzig behandelt werden? Und wir Männer noch eher so den “Bierbauch” oder “Vaterbonus” haben?

Aussehen für Männer nicht so wichtig?

Annette Schwindt

Na, das ist doch generell so, dass Frauen nach ihrem Aussehen und Beziehungsstatus bewertet werden, Männer nach ihrem Verdienst. Da gab es doch mal so eine schöne Aktion, wo ein Reporterteam die üblichen geschlechtsspezifischen Fragen auf dem roten Teppich getauscht hat und die Frauen nach den Filmen fragte, die Männer aber, von welchem Designer ihr Anzug sei. Genial! 

Eine unverheiratete Frau ohne Kinder, die es im Job weit nach oben schafft, wird gern als lieblos und karrierebesessen hingestellt. Ein Mann, der dasselbe tut, ist angeblich ein toller Kerl. Allerdings sollte er dann auch entsprechend aussehen, also Sport machen und schlank sein. Ein reicher Mann hingegen kann auch häßlich sein, wie wir an Trump sehen können. Status und Einfluss stehen bei Männern über Aussehen. Bei Frauen ist es egal, da ist immer Aussehen am wichtigsten. Intelligenz wirkt bei ihnen eher bedrohlich.

Wie soll da Diversität zum Alltag werden, wenn noch nicht mal das binäre, heteronormative Klischee Gleichberechtigung geschafft hat? Die Menschen haben so eine Angst vor dem „Anderen“,  egal ob es nun von außen kommt, oder ob sie selbst aus dem vermeintlichen Standard herausfallen. Warum können die Menschen nicht einfach mit Neugier aufeinander zugehen und von ihrer Verschiedenheit profitieren? Meistens bestehen die Vorbehalte ja auch nur, solange man noch keinen „anderen“ wirklich kennengelernt hat. Kleine Kinder können das, aber dann wird es ihnen aberzogen. 

Was denkst Du, wie sich das weiterentwickeln wird und was können wir selbst dafür tun, die alten Klischees nicht fortzusetzen?

Wie wir etwas verändern können

Christian Spließ

Warum wir nicht vorurteilsfrei aufeinander zugehen können – weil wir im Grunde unseres Wesens immer noch vom Stammesleben geprägt sind. Von unserer Peer-Group würde man heute vielleicht sagen oder von den sozialen Milieus. Alles, was unsere “heile Welt” bedroht, wird erstmal als gefährlich und fremd wahrgenommen. Das hat vor Urzeiten vielleicht sogar Sinn gemacht in einer Umwelt, in der jeden Tag der Säbelzahntiger auf den Menschen lauerte und es macht vielleicht auch noch in extremen Gefahrensituationen Sinn. Stehenbleiben oder Kämpfen ist ja einer der Mechanismen, die aus dieser Zeit überdauert hat. Wer damals dann anders war, der fiel ja auch automatisch aus der Versorgung des Stammes raus.

Wir leben momentan in einer sehr gespaltenen Gesellschaft. Ich sagte ja zu Beginn unseres Gesprächs, dass ich wahrnehme, wie der Druck auf unsere Körper immer stärker wird. Immer mehr Frauen erkranken an Fitness-Sucht, immer mehr Kleinkinder sagen schon, sie fühlten sich zu dick oder wären zu häßlich. Obwohl sie es gar nicht sind, aber sie fühlen sich so. Weil die Gesellschaft es ihnen vorlebt. Weil es noch nie leichter war sich vermeintliche wissenschaftliche Fakten zu beschaffen oder Leuten zu folgen, die nie in ihrem Leben ein Studium in der Ernährungswissenschaft begangen haben, aber dennoch erfolgreiche Influencer sind. Solange man nicht lernt, dass eine gewisse Körperform nicht automatisch gesund ist, wird das so bleiben. Der nächste neue Ernährungstrend steht mit Sicherheit schon in den Startlöchern. Der Druck wird da denke ich leider auch noch größer werden.

Glücklicherweise aber leben wir auch momentan in einer Gesellschaft, in der mehr und mehr Stimmen laut werden, die auf das Problem aufmerksam machen. Wir selber können auch eine Menge dagegen tun: Wir können aufhören, körperbezogene Komplimente zu machen. Wir können akzeptieren, dass die Gesundheit eines Menschen erstmal eine Sache zwischen ihm und den jeweiligen Ärzten*innen ist. Mittlerweile gibt es auch mehr und mehr Kinderbücher, die sich des Themas angenommen haben. Wo gezeigt wird: Es gibt nicht nur einen Körper, es gibt eine unendliche Vielfalt. Zu meiner Zeit gab es diese Literatur ja gar nicht. Es gibt mittlerweile auch Initativen, denen man sich anschließen kann, wenn man möchte. Oder man gründet halt selbst eine. Mit Anderen über das Thema reden und darauf aufmerksam machen, dass es halt nicht so einfach ist wie man immer denkt ist natürlich dann die beste Methode. 

Und: Die Sehgewohnheiten auch immer in Frage stellen. Warum sehe ich in der Werbung eigentlich nur die durchgestählten Männerkörper? Warum sind in den Hollywood-Blockbustern die Männer so dargestellt, wie sie sind? Was ja nicht nur Action- oder Superhelden-Filme betrifft. Warum ist bei uns schon das Spielzeug so abwertend, was normale Körpermaße betrifft? Wenn eine Barbie wirklich lebensgroß wäre, würde sie kaum fünf Minuten überleben …

Annette Schwindt

Selbst bei Barbie gibt es erste klitzekleine Schritte, siehe Rollstuhlbarbie. Eine Puppe mit realistischen Körpermaßen und verschiedenen körperlichen Eigenschaften gibt es aber nur von anderen Firmen. Da geht noch deutlich mehr.

Was Filme betrifft, so gibt es schon hin und wieder andere Männerbilder, aber die sind dann meistens tragische oder komische Figuren. Oder es geht sowieso ums Essen. Ich glaube allerdings nicht, dass die Masse der Frauen mit einem durchtrainierten Mann im Alltag zusammen sein möchte, der dann vermutlich dasselbe auch von seiner Partnerin erwartet. Ich stelle mir das jedenfalls extrem anstrengend vor. Und dann ständig Angst haben zu müssen, dass man dem nicht mehr gerecht wird und dann für eine*n besser Trainierte*n sitzen gelassen? Dem Stress möchte sich doch auf Dauer niemand aussetzen. Und was wer als ästhetisch empfindet, ist und bleibt nun mal Geschmackssache.

Vielen lieben Dank, dass Du dieses Bloggespräch mit mir geführt hast, Christian. Ich hoffe, wir können damit auch ein bisschen zum Nachdenken anregen. 

Weiterführende Lektüre

Podcasts zum Thema

Über meinen Gesprächspartner

Christian Spließ

Christian Spließ, geboren 1975, ist Social Media Manager und wohnt in Duisburg. Er betreute in der Vergangenheit zahlreiche Kulturinstitutionen wie z.B. das Dortmunder U oder den Joseph-Joachim-Violinwettbewerb. Aktuell kümmert er sich um Kirchengemeinden und ihre PR. In seiner Freizeit ist er in der Body-Positiv-Bewegung aktiv und macht momentan eine Weiterbildung im Bereich des Intuitiv-Eatings.

Blog: Nurmeinstandpunkt

Titelfoto: Christian Spließ
Avatar von Annette: tutticonfetti

In meiner Rubrik „Bloggespräche“ unterhalte ich mich mit einem Gegenüber über ein frei gewähltes Thema wie in einem Mini-Briefwechsel. Wer ebenfalls mal so ein Gespräch mit mir führen möchte, findet alle nötigen Infos dazu unter https://www.annetteschwindt.de/bloggespraeche/ und kann sich von dort direkt bei mir melden.


Diesen Beitrag weitersagen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.